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Für das Leben entschieden Neue alte Songs von Selig

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Wollen dann später eine andere Herangehensweise: Selig.

Das Jubiläumsalbum "Die Besten 1994-2014" ist noch nicht erschienen, da stehen Selig plötzlich ohne ihren Keyboarder Malte Neumann da. "Nach 20 gemeinsamen Jahren mit höchsten Höhen und tiefsten Tiefen wird der selige Fünfer zum Quartett", teilten Selig am 1. Oktober via Facebook mit. "Wegen persönlicher und künstlerischer Differenzen musste es zu dieser Entscheidung kommen." Vor der Arbeit an der neuen Platte hatten sich Selig in eine kleine WG in Hamburg zurückgezogen und "Inventur" gemacht, wie Sänger Jan Plewka sagt. Was dabei neben der sich anbahnenden Trennung vom Keyboarder auch an Erfreulichem rauskam, darüber sprach n-tv.de mit Plewka und Gitarrist Christian Neander in Berlin.

n-tv.de: Kann man das 20. Bandjubiläum feiern, wenn man rund die Hälfte der Zeit getrennt war?

Jan Plewka: Auch in den Jahren, in denen wir nicht zusammen waren, war Selig immer da. Ich war immer der Ex-Sänger von Selig oder Christian der Ex-Gitarrist von Selig. Durch unsere geglückte Reunion ist uns bewusst geworden, dass wir diese Jahre zwischen Selig eins und Selig zwei brauchten, um zu regenerieren von den vier Jahren, als wir durch die Decke gingen, innerlich wie äußerlich - und dass das alles zusammengehört.

Für euer Jubiläumsalbum habt ihr alte Songs neu interpretiert und mit neuen Arrangements neu aufgenommen. Warum sollten die Lieder jetzt anders klingen?

Christian Neander: Wir haben uns im vergangenen Jahr im Schanzenviertel in Hamburg ein paar Tage eine kleine Wohnung gemietet, da alle gehaust und uns alle Songs angehört, die wir jemals gemacht haben. Wir haben immer Notizen dazu gemacht, Erinnerungen oder was besonders schön dran war, und haben uns das gegenseitig vorgelesen. Und da war das Lied "Die Besten", bei dem wir fanden: ziemlich trauriger Text und sehr freundlicher Song. Was passiert, wenn man alle Akkorde in Moll spielt? Das haben wir probiert und waren begeistert.

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Das war schon ein Rockstar-Leben ....

Plewka: Wir hatten mit Selig in der ersten Phase drei Platten gemacht, mit Selig in der zweiten Phase haben wir jetzt auch drei Platten gemacht. Und dann reflektiert man, denn nach den ersten drei Platten haben wir uns aufgelöst. Wir wollten mal Inventur machen und haben unser ganzes Werk gehört und Revue passieren lassen, was passiert ist in den Jahren. Und dann dachten wir, lass uns ein Best-of-Album machen, aber dieses Mal im Frieden.

Der Song "Die Besten" klingt dabei nach Schlüsselerlebnis.  

Plewka: Als wir den Text in den 90ern geschrieben und dieses Lied gesungen haben, dachten wir: Nichts kann uns kaputt machen. Was dann eingetreten ist, ist dass wir uns getrennt haben. Dieser Text, der früher eigentlich ironisch und lustig gemeint war, beschreibt genau das. Hochmut kommt vor dem Fall. Und jetzt haben wir dieses Lied angeglichen, es ist nicht mehr ironisch, sondern es handelt wirklich vom zerplatzten Traum.

Ist es nicht sehr schwer, fertige Lieder nochmal ganz anders aufzunehmen?

Neander: Das war wie eine neue Platte aufzunehmen. Wir waren auch total aufgekratzt. Wir haben sehr viel gearbeitet, jeden Tag von morgens um zehn bis nachts um zwei. Das war so ein Fieber, überall wuselte es, wir haben neue Akkorde gesucht, an Drums geschraubt, alle waren total euphorisch. Es war so eine Spielwiese. Ich persönlich hab zwei oder drei Tage gebraucht, um mich von Sachen zu lösen, aber dann war es eine totale Befreiung.

Die Tage in der WG, in denen ihr alles habt Revue passieren lassen, war das ein bier- und weinseliges Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen?

Plewka: Es gab auch Streitgespräche. Wir hatten die Instrumente zu Hause gelassen und haben uns hingesetzt, um zu gucken, wie es weitergeht mit uns. Dann haben wir angefangen, die erste Selig-Platte aufzulegen und Lied für Lied durchzuhören.

Das klingt mehr nach Klausurtagung.

Plewka: Ja, es war ein bisschen so. Aber es war schön, es kamen Geschichten hoch, die der eine gar nicht mehr wusste, der andere aber noch. Wir haben uns Zeit genommen, wie ein Pärchen, das lange rumgereist ist und dann da sitzt und überlegt: Wollen wir jetzt heiraten oder nicht, liebst du mich überhaupt noch? Das waren 82 Lieder, die wir dabei gehört haben, und wir waren erstaunt, was wir schon geschaffen haben. Diese drei oder vier Tage haben unser Bandselbstbewusstsein wahnsinnig gestärkt.

Das hört sich alles auch sehr therapeutisch an.

Plewka: Ja, war es auch. Vorher sind wir auch bei einer Mentorin gewesen.

Ihr sprecht mit Blick auf die Zeit zwischen erstem und drittem Album von Rockstaralltag. Heute ist es nicht mehr so leicht, sich euch als Rockstars vorzustellen …

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Es ist so o-ohne di-hich ....

Plewka: Wir hatten damals keinen Alltag mehr. Du hast Kohle auf dem Konto, du wirst von A nach B gefahren. Wenn du auf der Straße bist, laufen dir lauter Teenies hinterher. Mädchen wollen dir ihre Tagebücher schenken, du findest Blumen vor der Tür. Du bist den Drogen nicht abgeneigt, du denkst, du kannst dir alles erlauben. Du bist nur auf der Bühne, du läufst auf MTV und Viva, Bands wie Blur grüßen dich. Das ist schon ein Rockstarleben gewesen. Zu bereuen ist da nichts, im Endeffekt hat es uns reifen lassen fürs Leben. Aber hätten wir damals weitergemacht, wäre es richtig gefährlich geworden. Das hätte in der Klapse oder mit dem Tod enden können. Und so haben wir uns fürs Leben entschieden.

Neander: Es hätte jemanden gebraucht, der von außen sagt: Ihr seid schon völlig verrückt, ihr merkt gar nichts mehr, ihr müsst mal Pause machen. Aber im Gegenteil: Alle um uns rum waren auch in diesem Fieber, keiner war da, der den Überblick hatte. Ein Freund hat mir die ganzen Viva-Interviews chronologisch hintereinander geschnitten - das ist so schlimm. Am Anfang sieht man fünf leuchtende Menschen und dann werden die Gesichtsausdrücke immer dunkler und düsterer.      

Könnte euch noch mal eine Trennung passieren?

Plewka: Wir haben uns heute von unserem Keyboarder getrennt. Irgendwie ging das während dieser Therapiegruppe auf der Schanze los, dass man persönlich und musikalisch nicht mehr auf einer Wellenlänge war. Er ist jetzt auf der Tour auch nicht dabei. Alle müssen das Gleiche in den Topf legen, damit diese Band existieren kann. Das ist unsere Aufgabe, und solange die ernst genommen wird, werden wir uns nicht trennen, auf gar keinen Fall.

Was genau waren die Differenzen mit eurem Keyboarder?

Plewka: Man hatte nicht mehr das Gefühl, dass der Glaube an die Band noch da ist. Vielleicht tue ich ihm jetzt Unrecht, aber es waren Spannungen da, die nicht mehr aus dem Weg zu räumen waren.

Neander: Es fühlt sich eigentlich gesund an. Es ist ja schlimmer, wenn man zusammenbleibt, und etwas nicht stimmt.

Gibt es schon einen Nachfolger für die anstehende Tour?

Plewka: Nein, wir fahren zu viert, und das wird auch so bleiben. Wir holen alles aus uns raus, da ist genug da. Selig hat sich immer verwandelt. Diese Platte ist eine Bestandsaufnahme, quasi "die Schanzen-Therapiegruppe auf Band gebracht". Wir feiern das Album jetzt auf Tour, dann machen wir einen Schlussstrich und fangen nochmal neu an.

Was heißt Neuanfang etwas konkreter?

Plewka: Für mich war es jetzt auch toll, ein Jahr lang an keinem einzigen Text zu schreiben. Sonst bin ich immer durch die Gegend gelaufen und hab' mich gefragt, was sind die Befindlichkeiten, und was reimt sich auf Fenstersims. Man ist die ganze Zeit nur am Texten. Es war gut für mich, die Welt auch mal so zu sehen, wie sie wirklich ist. Das gibt mir Kraft für das nächste Album, auch mal anders zu texten. Geschichten zu erzählen, die mir gar nicht passiert sind, sondern sich wirklich mal was auszudenken, andere Worte zu benutzen. Vielleicht kann ich das gar nicht, aber ich will mal eine andere Herangehensweise versuchen.

Mit Jan Plewka und Christian Neander sprach Nadine Emmerich.

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Quelle: n-tv.de

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