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Sonntag, 06. Oktober 2013

Zurück bleiben die Menschen: Bundeswehrabzug aus Kundus

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Nach zehn Jahren beendet die Bundeswehr ihren Einsatz in der afghanischen Unruheprovinz Kundus. (Foto: dpa)

Nach zehn Jahren beendet die Bundeswehr ihren Einsatz in der afghanischen Unruheprovinz Kundus.

Nach zehn Jahren beendet die Bundeswehr ihren Einsatz in der afghanischen Unruheprovinz Kundus.

Zurück bleiben die Menschen. Viele sind verunsichert, daran ändert auch der Zweckoptimismus afghanischer Regierungsvertreter nichts.

Schamim Sial erhielt vor einigen Wochen eine Drohung von den Taliban. Nicht zum ersten Mal.

"Warte ab, was wir dir antun werden", schrieben sie der Direktorin der Fatima-Tushara-Mädchenschule. Sial zeigt sich unbeeindruckt. "Ich kann meinen Job doch nicht deswegen aufgeben", sagt sie.

Natürlich sei jeder besorgt über die Sicherheitslage - erst recht, wenn die Bundeswehr nun aus Kundus abzieht.

"Ich will wirklich nicht, dass das Land zurückfällt in Taliban-Zeiten", sagt Sial. Dass heute Millionen Mädchen zur Schule gehen, gehört zu den größten Erfolgen des internationalen Engagements am Hindukusch.

Zu den größten Errungenschaften in Kundus gehört daneben auch die wirtschaftliche Entwicklung, an der Deutschland maßgeblichen Anteil hat. Zu Beginn des Bundeswehr-Einsatzes gab es eine einzige geteerte Straße in der Provinz. Heute geht es morgens in Kundus-Stadt nur im Schneckentempo durch die Rush-Hour.

Auf dem Markt brummt das Leben, Händler verkaufen Granatäpfel und Bananen, Gurken und Blumenkohl.

Internationalen Besuchern schlägt eine spürbar weniger freundliche Atmosphäre als früher entgegen. "Schaut euch diese Ausländer an", sagt leise einer der Händler in Hörweite des Übersetzers über die Besucher aus Deutschland. "Verlasst unser Land, wir brauchen euch hier nicht."

Dass die Taliban auch nach zehn Jahren Bundeswehr-Einsatz in Kundus noch in der Lage sind, dort Terror zu verbreiten, ist unbestritten. Zur Sicherheitslage gehen die Einschätzungen trotzdem weit auseinander.

Er sei "zu 100 Prozent sicher", das die afghanischen Sicherheitskräfte auch ohne die Hilfe der Bundeswehr bestehen könnten, sagt der Vize-Gouverneur der Provinz, Hamdullah Ganeschi.

"Generell ist die Sicherheitslage gut." Vorsichtshalber ist der Gouverneur trotzdem von seinem nahe gelegenen Haus auf das Gelände seines Amtssitzes gezogen - aus Angst vor Attentaten.

Abdul Samad besitzt eine Fliesen-Fabrik in Kundus-Stadt und Ackerland im Distrikt Imam Sahib. Das Geschäft mit den Fliesen laufe miserabel, weil die Menschen aus Angst vor der Zukunft keine Häuser mehr bauten, sagt Samad "Jeder hat Angst vor 2014."

In Imam Sahib würden Taliban und illegale Milizen immer mächtiger, die alle Steuern von Bauern und Landbesitzern eintrieben, sagt Samad. "Bauern verkaufen ihre Ernte für Waffen, um sich schützen zu können." Dasselbe geschehe in anderen Distrikten. "Ich habe Angst um mein Leben. Ich habe beschlossen, alles zu verkaufen und mit meiner Familie nach Pakistan oder in den Iran auszuwandern."

Der Bauer Sajed Mohammad hat kein Geld für eine Flucht. Seine einzige Kuh hat er bereits verkauft, trotzdem weiß er nicht, wie er seine sieben Kinder durchbringen soll. In einem Unterstand schläft seine vielleicht zweijährige Tochter auf dem blanken Boden.

Auf einem der Felder, das der 35-Jährige vor den Toren von Kundus-Stadt bewirtschaftet, erntet er Baumwolle. Das andere liegt wegen Wassermangels brach. Milizionäre zweigten das Wasser ab, klagt Mohammad.

"Wenn wir hingehen und uns beschweren, verprügeln sie uns." Die Regierung helfe nur denen, die ohnehin schon Geld hätten.

Der Bauer glaubt, dass sich die Sicherheitslage in Kundus bald nach dem Abzug der Deutschen verschlechtern und Afghanistan nach 2014 wieder in einen Bürgerkrieg schlittern wird. Die Verantwortung dafür liege aber bei den Afghanen selber. "Wir bekämpfen uns gegenseitig und zerstören unser Land", sagt Mohammad. "Dafür können wir nicht den Ausländern die Schuld geben."

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