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Freitag, 20. März 2015

50 Jahre Italowestern: Wo die Kugeln fliegen und das Blut fließt

Von Markus Lippold

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"Wenn bei John Ford jemand aus dem Fenster schaut, blickt er in eine strahlende Zukunft. Bei mir wird er erschossen." (Foto: imago stock&people)

"Wenn bei John Ford jemand aus dem Fenster schaut, blickt er in eine strahlende Zukunft. Bei mir wird er erschossen."

"Wenn bei John Ford jemand aus dem Fenster schaut, blickt er in eine strahlende Zukunft. Bei mir wird er erschossen."

Das sagte einst Sergio Leone, der Meister des Italowesterns.

Er bringt damit auf den Punkt, was die europäischen Western-Produktionen der 1960er- und 1970er-Jahre von ihren amerikanischen Vorgängern unterscheidet.

50 Jahre ist es nun her, dass die ersten Italowestern in die Kinos kommen, das altehrwürdige Genre kräftig umkrempeln, …

… gleichzeitig aber erneuern und es bis heute beeinflussen.

Natürlich gibt es schon vorher Western aus Europa, nicht zuletzt starten bereits 1962 die bekannten Karl-May-Verfilmungen mit "Der Schatz im Silbersee".

Mit deren Heldentum und sauberer Ästhetik haben die Produktionen, die vor allem in Italien und Spanien entstehen, aber nichts zu tun.

Italowestern sind hart, blutig und sarkastisch, …

… setzen aber auch auf Ironie und gerissene Protagonisten oder …

… auf Erotik (Szene aus "Captain Apache" mit Lee Van Cleef und Carroll Baker, 1971).

Gegen Ende der Erfolgssträhne Ende der 70er-Jahre kommen auch zunehmend Elemente wie Komik und Slapstick auf - wie in "Die Rechte und die linke Hand des Teufels".

Zudem verfügen die Filme über ähnliche Charaktere wie den umherziehenden Fremden, der seinen Weg mit Blei und Leichen pflastert (Eastwood in "Für eine Handvoll mehr"), …

… und sie machen nicht wenige Schauspieler zu Stars, dies- und jenseits des Atlantiks.

Die ersten dieser Streifen entstehen 1963 als Reaktion auf die Krise des italienischen Kinos. Sie bereiten den Weg für eine ganze Filmwelle, die ab 1964 große Erfolge in den europäischen Kinos feiert.

Zu diesen frühen Werken zählt auch ein bis heute stilprägender Klassiker: "Für eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone ist nach einigen Sandalenfilmen dessen erster Western.

Der Film, der im März 1965 in die deutschen Kinos kommt, macht nicht nur den Regisseur bekannt, …

… sondern auch den US-amerikanischen Hauptdarsteller Clint Eastwood, der zuvor in den USA in einer Westernserie mitspielte.

Der Film ist zwar nicht der erste Italowestern, wird aber dennoch eine Art Blaupause. Er entsteht in der spanischen Provinz Almería, …

… in der entsprechende Kulissen gebaut werden, …

… sowie in den Cinecittà-Studios in Rom, in denen zuvor auch etliche Sandalenfilme entstanden waren.

Die Musik stammt von Ennio Morricone, der auf orchestrale Breite verzichtet und stattdessen experimentelle Elemente und Instrumente sowie markante Töne einfließen lässt - er kreiert den Sound des Genres, der aber auch auf Pathos nicht gänzlich verzichtet.

Die im günstigen Techniscope gedrehten Bilder wechseln bei Leone zwischen flirrenden Weitwinkelaufnahmen und …

… Nahaufnahmen von Gesichtern, bei denen teilwiese nur noch die Augen zu sehen sind (was im Fachjargon nicht umsonst "italienische Einstellung" heißt - hier sieht man Charles Bronsons Falten in "Spiel mir das Lied vom Tod").

Dabei lässt sich Leone immer wieder Zeit für den Aufbau einer Szene - ein Stilmittel, das er eher von japanischen Samurai-Filmen als von amerikanischen Western übernimmt, …

… wie überhaupt "Für eine Handvoll Dollar" komplett bei Akira Kurosawas "Yojimbo" (hier Toshiro Mifune) abgekupfert ist, der die Produktion verklagt und entschädigt wird.

Stilistisch prägt Leone das Genre wie kaum ein Zweiter. Aber auch seine Charaktere sind nicht jene Helden aus den US-Western.

Hier gibt es keine selbstlosen Cowboys vom Schlage eines John Wayne (hier in "Rio Bravo") oder James Stewart.

Der von Eastwood gespielte Protagonist von "Für eine Handvoll Dollar" etwa ist wortkarg, aber treffsicher.

Sein dreckiges, staubiges Äußeres und sein Zigarrenstummel im Mund weisen nicht gerade auf ein geordnetes Leben hin.

Diese Verwahrlosung, die Eli Wallach später mit dem "Hässlichen" aus "Zwei Glorreiche Halunken" auf die Spitze treibt, hat jedoch Methode und steht im Gegensatz zu den properen US-Cowboys.

Das Äußere spiegelt aber auch die innere Verkommenheit der Protagonisten. Zwar treten sie ab und zu für die Schwachen ein, doch nur, wenn sie daraus auch einen eigenen Vorteil ziehen können.

Egoismus, Gier, Rache und mitunter auch Mordlust bestimmen die Handlungen dieser Anti-Helden - sie sind Pistoleros, Kopfgeldjäger oder kleine Gauner und Banditen (Lee Van Cleef und Klaus Kinski in "Für ein paar Dollar mehr").

Das ist auch bei einem Film so, der neben Leones Werken zum stilprägenden Vorbild wird: "Django" von Sergio Corbucci, mit Franco Nero in der Hauptrolle.

Der Film von 1966, der eine ganze Reihe von teils kruden Pseudo-Fortsetzungen lostritt (Bild: "Mit Django kam der Tod" mit Franco Nero), ist noch blutiger, sarkastischer und düsterer als die Filme Leones.

Doch die Django-Figur ist auch komplexer als Eastwoods Revolverhelden. Mit seinem Streben nach Rache für seine getötete Frau lässt er einfache Gut-Böse-Kategorien hinter sich.

Doch Leone und Corbucci sind sowieso Ausnahmeerscheinungen bei den Italowestern: Die meisten Filme (hier "Ein Fressen für Django ") sind schnell heruntergedrehte, blutige Streifen, …

… die die üblichen Zutaten mal gekonnt, mal vollkommen missraten vermischen (Poster zu der rein spanischen Produktion "Todesmarsch der Bestien").

Auch bei deutscher Titelwahl und Synchronisation waltet die Kreativität - nicht selten nutzt man Namen wie "Django" oder "Ringo", um zu suggerieren, dass man Teil erfolgreicher Reihen ist (Szene aus "Django - der Bastard").

So erscheinen bis Mitte der 70er Dutzende Western pro Jahr, bevor die Welle langsam wieder abebbt (Szene aus "Sabata kehrt zurück").

Zu wahren Klassikern bringen es nur wenige Filme: etwa die sogenannte Dollar-Trilogie Leones, die neben "Für eine Handvoll Dollar" auch noch "Für eine Handvoll mehr" (Bild) und …

… "Zwei Glorreiche Halunken" umfasst.

Danach dreht er für seine Amerika-Trilogie noch zwei weitere Western: "Todesmelodie", der während der mexikanischen Revolution spielt, und …

… "Spiel mir das Lied vom Tod", einen der besten Western aller Zeiten.

Corbucci dreht nach "Django" einen der wenigen Italowestern mit Indianern: "Kopfgeld: Ein Dollar" mit Burt Reynolds (Bild). Hinzu kommen Durchschnittsware und ein paar Westernkomödien, die Ende der 70er-Hahre die Oberhand gewinnen.

Er legt aber auch noch großartige Klassiker vor: "Leichen pflastern seinen Weg" mit Klaus Kinski spielt im Schnee (beziehungsweise im Rasierschaum) und …

… für "Die gefürchteten Zwei" arbeitet er erneut mit Franco Nero zusammen.

Nero ist auch einer der Schauspieler, die durch ihre Westernfilme zu internationaler Bekanntheit kommen (hier in Corbuccis "Zwei Companeros"), …

… auch wenn er natürlich nicht an den Ruhm von Clint Eastwood heranreicht.

Aber als "Django", Indianer "Keoma" (Bild) und mit vielen weiteren Rollen wird er zu einem der wichtigsten Western-Darsteller Italiens, …

… weshalb Quentin Tarantino ihm 2012 auch als Hommage eine kleine Rolle in "Django Unchained" gibt.

Auch Giuliano Gemma kennt man als Hauptdarsteller aus vielen Italowestern, darunter "Adios Gringo", …

… "Wanted" (Bild, 2.v.l.), "Der lange Tag der Rache" und "Blutiges Blei".

Zu den bekannteren italienischen Westerndarstellern gehört außerdem noch Gian Maria Volonté, der den Gegenspieler in "Für ein paar Dollar mehr" (Bild) gibt oder an der Seite von Klaus Kinski in "Töte Amigo" auftritt.

In Deutschland besonders beliebt sind allerdings Terence Hill und Bud Spencer, die mit ihren Filmen, die sie gemeinsam drehen, das Genre konterkarieren.

Allerdings ist ihr erster gemeinsamer Streifen, "Gott vergibt … Django nie!", ursprünglich keine Komödie - …

… erst in einer Nachsynchronisation wird er mit neuen, lustigen Texten versehen, um so an den Erfolg von "Vier für ein Ave Maria" anzuknüpfen.

Zu den bekanntesten gemeinsamen Western von Hill und Spencer zählt auch noch "Die linke und die rechte Hand des Teufels", in denen sie Mormonen vor Banditen beschützen.

Beide treten aber auch getrennt voneinander in Western auf, wobei Hills Filme als "Nobody" (hier mit Henry Fonda) zu den späten Highlights der Italowestern zählen.

Auch deutsche Darsteller wie Mario Adorf (in "Fahrt zur Hölle, ihr Halunken"), …

… Horst Frank (r., in "Django - Ein Sarg voll Blut") oder …

… Marianne Koch (in "Für eine Handvoll Dollar") spielen in Italowestern mit.

Am bekanntesten dürften jedoch die Auftritte von Klaus Kinski sein, der etwa in "Für ein paar Dollar mehr", …

… "Töte Amigo" und "Leichen pflastern seinen Weg" mitspielt - natürlich stets als fieser Bösewicht.

Daneben gibt es auch etliche US-Schauspieler, die nach Italien gehen, um dem in den USA toten Genre neues Leben einzuhauchen (oder schnelles Geld zu machen und Spaghetti zu essen wie hier James Mitchum).

Telly Savalas und Yul Brunner (Bild), …

… Anthony Quinn und Jack Palace (Bild) sind nur einige der US-Stars, die in Italien beziehungsweise Spanien ihre Waffen laden.

Zu den prägenden Gesichtern des Genres zählt auch der US-Amerikaner Lee Van Cleef, der zuvor bereits in Western wie "12 Uhr mittags" mitspielte (hier mit Kinski in "Für ein paar Dollar mehr").

Sergio Leone besetzt ihn gleich mehrfach: in "Für ein paar Dollar mehr" (Bild) und "Zwei Glorreiche Halunken".

In dem Klassiker "Der Gehetzte der Sierra Madre" übernimmt er die Hauptrolle, um danach mit den drei "Sabata"-Filmen (Bild) auch noch eine eigene Reihe zu bekommen.

Vor allem aber Sergio Leone holt etliche US-Amerikaner für seine Filme nach Italien, darunter nicht nur Clint Eastwood für seine frühen Western, …

… sondern auch James Coburn (l.) und Rod Steiger für "Todesmelodie".

Bei "Spiel mir das Lied vom Tod" besetzen US-Amerikaner dann fast alle Hauptrollen, obwohl der Film hauptsächlich in Spanien gedreht wird.

Charles Bronson (r.) hatte schon einige Erfahrung in US-Western wie "Die glorreichen Sieben" gesammelt, …

… bevor er in dem Film eine seiner berühmtesten Figuren darstellt.

An seiner Seite spielen Henry Fonda, …

… der mit dem Film einen Imagewechsel vollzieht, und …

… Jason Robards weitere Hauptrollen.

Die Italienerin Claudia Cardinale komplettiert das hochkarätige Ensemble.

Mit ihrer Figur ist sie eine der wenigen bekannten Frauenrollen in Italowestern.

Wie schon bei den amerikanischen Filmen sind sie auch hier oft schmückendes Beiwerk - abgesehen von Ausnahmen wie Corbuccis "Die gefürchteten Zwei" mit Tony Musante, in dem auch Giovanna Ralli eine größere Rolle spielt.

Regelmäßig treten auch Marianne Koch, die Italienerin Ida Galli und die Französin Brigitte Bardot (hier in "Shalako") in Italowestern auf.

Zu deren letzten Filmen zählt etwa auch die Westernkomödie "Petroleum-Miezen" (l., mit Claudia Cardinale).

Dass selbst große Kinostars in Italowestern mitspielen, hat seine Gründe: Die Filme locken Millionen Menschen in die Kinos.

Während in den USA die große Zeit der Western vorbei ist, erleben sie in Europa einen neuen Aufschwung.

Doch die italienischen Filme beeinflussen auch den US-Western, der im Laufe der 60er- und 70er-Jahre ebenfalls sein Heldentum und seine Westernromantik ablegt und kritischere Töne anschlägt (Szene aus "Spiel mir das Lied vom Tod").

US-Regisseure wie Sam Peckinpah etwa suchen bereits Anfang der 60er neue Wege für den Western (hier "Sacramento").

Ende des Jahrzehnts legt er schließlich mit "The Wild Bunch" einen Film vor, dessen brutale Gewaltdarstellung und Pessimismus die italienischen Filme fast noch übertreffen.

Clint Eastwood setzt derweil in den USA seine Western-Karriere etwa mit "Hängt ihn höher" fort, …

… später dreht er selbst Western wie "Ein Fremder ohne Namen", "Der Texaner" (Bild) und …

… "Erbarmungslos", die in ihrer pessimistischen Sicht stark vom Italowestern beeinflusst sind.

Auch Independent-Filmer wie Quentin Tarantino zählen die europäischen Western stilistisch, aber auch etwa in ihrer Gewaltdarstellung zu den wichtigsten Einflüssen.

Die Western, die in den 60er- und 70er-Jahren vor allem in Italien und Spanien entstehen, sind eben kein obskurer Seitenstrang der Westerngeschichte, …

… sondern ein wichtiges Element, das dem Genre das Leben rettet und viele Filmemacher auf der ganzen Welt bis heute beeinflusst.

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