Panorama

Copilot flog bewusst in den Tod "Ein unglaublich tragischer Einzelfall"

Die ersten Ermittlungen nach dem Absturz bringen Erschütterndes zutage: Der Copilot der Germanwings-Maschine hat das Flugzeug bewusst zerstört. Die französische Staatsanwaltschaft teilt mit, er habe den Sinkflug eingeleitet und den Piloten absichtlich nicht mehr ins Cockpit gelassen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist fassungslos. Unterdessen gibt es neue Angaben zur Herkunft der Todesopfer.

Kein Unfall, sondern ein vorsätzlich herbeigeführter Absturz: Der Copilot hat nach Auffassung der Ermittler bewusst den Sinkflug und die Zerstörung der Germanwings-Maschine in Südfrankreich eingeleitet. Das gehe aus der Auswertung des Stimmenrekorders hervor. "Der Copilot zerstörte das Flugzeug bewusst", sagte der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin bei einer Pressekonferenz. Er sei zu diesem Zeitpunkt allein im Cockpit gewesen, der Pilot sei aus der Kabine ausgesperrt gewesen.

Auswärtiges Amt: 75 deutsche Opfer

Bei dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen sind nach neuesten Informationen 75 Deutsche ums Leben gekommen. Dies teilte das Auswärtige Amt mit. Bislang war man von mindestens 72 getöteten Bundesbürgern ausgegangen. Insgesamt starben auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf 150 Menschen. Nach Angaben aus dem Auswärtigen Amt hatten vier der Bundesbürger eine weitere Staatsbürgerschaft. Von den sogenannten Doppelstaatlern kamen drei aus Kasachstan. Ein Todesopfer hatte sowohl die deutsche als auch die japanische Nationalität. Bei einem Opfer sei die Nationalität noch nicht geklärt, hieß es im Außenministerium. Unter den Todesopfern sind auch 48 Spanier. Jeweils drei Tote kamen aus den USA und aus Argentinien. Außerdem starben Menschen aus Australien, Weißrussland, Kolumbien, Dänemark, Großbritannien, dem Iran, Mexiko, Marokko, den Niederlanden und Venezuela.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr bestätigte bei einer Pressekonferenz die Angaben der Staatsanwaltschaft. Er fügte hinzu, dass der 28-jährige Copilot Andreas Lubitz seinen Kollegen nach derzeitigem Kenntnisstand absichtlich aus dem Cockpit ausgesperrt habe. Spohr sprach von einem "unglaublich tragischen Einzelfall", dessen Motive bislang völlig im Dunkeln lägen. "Wenn jemand 149 andere Menschen mit in den Tod nimmt, ist das für mich ein anderes Wort als Selbstmord."

Zusätzliche Informationen im n-tv.de Liveticker.

Spohr sagte weiter, dass kein Sicherheitssystem ein solches Einzelereignis ausschließen könne. Man habe weiterhin volles Vertrauen in die Piloten der Lufthansa und Germanwings. Der Lufthansa-CEO sprach auch über die Ausbildung des Copiloten. Er habe sämtliche vorgesehenen Tests bestanden. Seine Ausbildung habe Lubitz vor sechs Jahren unterbrochen, sie jedoch nach erneuter Eignungsprüfung fortgesetzt. Über die Gründe für die Unterbrechung schwieg der Lufthansa-Chef.

Eine Journalistin sagte bei der Pressekonferenz, es gebe Berichte, dass der Copilot sich schon beim Hinflug "auffällig" verhalten habe. Spohr erwiderte daraufhin, der Konzern habe darüber keine Kenntnis, man werde dem aber nachgehen.

"Man hört die Schreie im letzten Moment"

Zuvor war bereits bekanntgeworden, dass der Lubitz seit etwa eineinhalb Jahren im Dienst von Germanwings gestanden und zuvor seine Pilotenausbildung an der Lufthansa-Verkehrsfliegerschule in Bremen erhalten hatte.

Wie die Staatsanwaltschaft in Marseille mitteilte, hätten die Passagiere der Germanwings-Maschine den bevorstehenden Absturz erst Sekunden vorher bemerkt. "Die Schreie der Passagiere hört man im allerletzten Moment vor dem Aufprall", erläuterte Staatsanwalt Robin. In den letzten Minuten, bevor der A320 mit 150 Menschen an Bord an einer Felswand zerschellt sei, hätten der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür gehämmert.

Kapitän absichtlich ausgesperrt

Der Pilot hatte demnach kurz zuvor das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen, und das Kommando seinem Kollegen übergeben. "Man hört, wie der Kapitän den Copiloten bittet, das Steuer zu übernehmen. Dann hört man wie ein Sitz zurückgeschoben wird", fuhr Robin fort. "Man kann davon ausgehen, dass der Pilot hinausgegangen ist und der Copilot am Steuer blieb."

In den ersten 20 Minuten nach dem Start haben sich Pilot und Copilot demnach ganz normal unterhalten, unter anderem über die Landung in Düsseldorf gesprochen. Der Copilot sei dabei jedoch wortkarg und "lakonisch" gewesen.

Nachdem er im Cockpit allein gewesen sei, habe der Copilot das automatische Steuersystem ausgeschaltet und selbständig den Sinkflug eingeleitet, so Robin. Auf dem Rekorder sei zu hören, wie er schwer atme. Der Copilot sei also am Leben gewesen. "Dann hört man ein Klopfen an der Tür ohne Reaktion des Copiloten." Die plausibelste Deutung gehe dahin, dass der Copilot vorsätzlich verhindert habe, dass die Tür geöffnet werde.

Keine Hinweise auf terroristisches Motiv

Auch wenn über die Motive des Mannes noch nichts bekannt ist - Hinweise auf einen terroristischen Anschlag gibt es noch nicht. Robin sagte: "Der Copilot hatte keinen Grund dazu, die Rückkehr des Kapitäns ins Cockpit zu verhindern, nicht auf Funkanfragen zu reagieren und keinen Notruf auszulösen." Der Copilot habe normal geatmet. "Es herrschte absolute Stille, kein Wort." Der Copilot sei offensichtlich bis zum Aufschlag am Leben gewesen.

Zuvor sei zu hören, wie der Tower von Marseille mehrfach versucht, Kontakt mit dem Copiloten aufzunehmen. "Die Fluglotsen fordern dann dazu auf, den Transpondernotruf abzusetzen." Dieser hätte Vorrang bei einer Notlandung bedeutet. Der Tower habe dann noch andere Flugzeuge kontaktiert. "Der Alarm wurde dann ausgelöst, um der Besatzung mitzuteilen, dass das Flugzeug gefährlich nahe am Boden ist." Das Cockpit sei durch "gepanzerte Türen nach internationalen Normen" gesichert gewesen.

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden, sagte Robin weiter. Zuvor hatte er die aus Düsseldorf und Barcelona angereisten Hinterbliebenen der Todesopfer informiert. Die Bergung und Identifizierung der Opfer könne mehrere Wochen dauern.

Quelle: n-tv.de, nsc/fma

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