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DNA-Abgleich liefert Beweis Familie Molelia verlangt Rückkehr der Ahnen

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Der Tag der DNA-Abgabe und des Besuchs der Familie bei der Marejesho Ausstellung vor einem Jahr, am 4. September 2022, in Kibosho.

Der Tag der DNA-Abgabe und des Besuchs der Familie bei der Marejesho Ausstellung vor einem Jahr, am 4. September 2022, in Kibosho.

(Foto: Isabelle Reimann)

Über ein Jahrhundert lang liegen unbekannte Schädel in Berliner Kellern. Sie sind Raubgut aus der Kolonialzeit, aber woher? Jetzt beweisen DNA-Abgleiche: Sie stammen aus Tansania. Die Familien der Toten dort fordern nun deren Rückgabe.

Als die Mitglieder der Familie Molelia am vergangenen Samstag auf einem Workshop am Fuße des Kilimanjaro-Berges in Tansania ein Dokument mit dem Briefkopf der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) in die Hand gedrückt bekamen, waren sie erfreut und traurig zugleich. So berichtet es Valence Silayo, Doktor für Archäologie und Ahnenforschung an der tansanischen Universität in Darressalaam. Er hat den Workshop geleitet und den Familien die DNA-Ergebnisse überreicht.

"Positiv" stand darauf gedruckt. Dies bedeutet: Der genetische Fingerabdruck zwischen den heute noch lebenden Nachfahren der Molelia-Familie stimmt mit dem überein, der von einem Schädel genommen wurde, der über hundert Jahre lang in den Kellern der Berliner Charité gelagert wurde.

Über 1000 menschliche Überreste aus den ehemals deutschen Kolonien in Afrika wurden in den vergangenen Jahren in Berlin im Rahmen eines 2017 gestarteten Pilotprojektes am Museum für Vor- und Frühgeschichte wissenschaftlich untersucht. Die Forscher sammelten auch DNA-Proben in Afrika: in Namibia, in Ruanda und in Tansania. Sie verglichen die genetischen Fingerabdrücke mit den Gebeinen in Deutschland: 904 Schädel konnten Gebieten im heutigen Ruanda, 197 Tansania und 27 Kenia zugeordnet werden. Bei sieben gelang keine Zuordnung.

Direkte biologische Verwandtschaft wahrscheinlich

"Akida" steht als Titel auf einem der Schädel in Berlin. Bei diesem ließ sich nun die Verwandtschaft mit der Molelia-Familie in Kilimanjaro bestätigen. Bei dem Toten handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen hochrangigen Krieger und Berater des damaligen Anführers des Volks der Chagga, Akida genannt, so Silayo.

"Aus den Geschichtsbüchern und mündlichen Überlieferungen wissen wir, dass die Deutschen die Gebeine unserer Vorfahren aus verschiedenen Gründen mit nach Berlin genommen haben", so Silayo. Zum einen als Kriegs-Trophäen, bei vielen Schädeln in den Berliner Archiven handelt es sich um Gebeine von örtlichen Chiefs und deren Beratern und Kriegern, zum anderen aber auch zur wissenschaftlichen Erforschung, meist mit rassistischen Hintergründen.

Für die Familie Molelia wurde bei zwei weiteren Schädeln eine fast vollständige Übereinstimmung der väterlichen Linien identifiziert, so die SPK. "Eine direkte biologische Verwandtschaft in ununterbrochener väterlicher Linie ist in diesen Fällen zumindest wahrscheinlich", so die deutsche Stiftung.

Rache der Deutschen

Ahnenforscher Silayo hat sich mit der Familiengeschichte der Molelias intensiv beschäftigt. Bei einem der Schädel handelt es sich offenbar um den Nachfahren von Chief Mangi Sina, der ein mächtiges Königreich in Kibosho regierte, heute ein Bezirk im ländlichen Distrikt Moshi in der Kilimanjaro-Region. "Es war das tapferste Königreich im von den deutschen Truppen besetzten Gebiet", so Silayo. Nach lang anhaltenden Auseinandersetzungen besiegten die Krieger von Mangi Sina die deutschen Schutztruppen 1891. Dafür rächten sich die Deutschen in einem weiteren Feldzug 1893. Dieses Mal erfolgreich. Mangi Sina musste sich ergeben, seine aus Stein gebaute Festung wurde zerstört. die Deutschen verhafteten seine Krieger und zerstörten damit seine Armee. Er starb nur wenige Jahre später, 1897.

Die deutschen Kolonialtruppen schlugen jeden Widerstand blutig nieder und bemächtigte sich der Opfer, auch der Toten.

Die deutschen Kolonialtruppen schlugen jeden Widerstand blutig nieder und bemächtigte sich der Opfer, auch der Toten.

(Foto: picture-alliance / akg-images)

"Doch ihm folgte als Thronerbe sein Sohn Molelia, "ein mächtiger General und Krieger", berichtet Silayo. Er griff die deutschen Truppen erneut an, wurde allerdings gestellt. "Dafür wurde er von den Deutschen am 2. März 1900 gehängt", weiß der Historiker. Seinen abgetrennten Kopf verschickten sie nach Berlin. Dort liegt er bis heute.

Mehr als symbolischer Akt

Die Angehörigen in Tansania fordern nun die Rückgabe der Gebeine ihrer Vorfahren. Der Grund, so Silayo: "Die Chagga verfolgen die eiserne Regel, dass die Angehörigen ihres Volkes nur am Kilimanjaro beerdigt werden sollen, nirgendwo sonst", erklärt er. Dies sei besonders wichtig, wenn ein König und damit der offizielle Volksvertreter beerdigt wird. "Sonst wandert sein Spirit weiter umher", so Silayo. Die Chagga erklären sich seither viele Seuchen, wirtschaftliche Misserfolge, Ernteausfälle oder sonstige schlimme Dinge mit diesem Spirit, der keine Ruhe findet."

Für viele ethnischen Gruppen, nicht nur für die Chagga, ist die Heimkehr der nach Deutschland verschleppten Gebeine "nicht nur ein symbolischer Akt", sondern "es bedeutet so viel mehr." Es wäre für die Deutschen, die in Tansania ja bis heute viele Entwicklungsprojekte finanziell unterstützen, eine "sehr wichtiger Beitrag", um sich tatsächlich auch als Partnerland zu bewähren. Denn, so Silayo: "Bis heute wird vor allem in den mündlichen Überlieferungen mit den Deutschen nach wie vor viel Blut und Leid verbunden." Mit einer Rückgabe würden die Deutschen Verantwortung übernehmen und offiziell anerkennen, dass sie Unrecht begangen haben.

Jenseits des Dokuments mit den DNA-Testergebnissen mit dem SPK-Briefkopf haben die betroffenen Familien in Tansania noch keine Nachrichten der Bundesregierung erhalten. Das SPK betont in seiner jüngsten Pressemitteilung von Anfang September: "So zeitnah wie möglich werden nun die Angehörigen und die Regierung von Tansania informiert."

Steinmeier-Reise im Oktober

In Kilimanjaro selbst haben die Volksvertreter sich längst an ihre Regierung gewandt, um offizielle Rückgabeansprüche zu formulieren. "Im Jahr 2021 haben wir Chiefs von Kilimanjaro ein traditionelles Fest ausgerichtet, bei welchem auch Präsidentin Samia Suluhu Hassan anwesend war", berichtet Joseph Mselle von der Chiefs Union in Tansania, einer Art Verband oder Gewerkschaft aller traditionellen Volksvertreter im Land. Mselle ist heute als Chief für die Region Kilimanjaro zuständig: "Wir haben die Präsidentin offizell gebeten, bei der Rückgabe der menschlichen Überreste zu helfen, die uns während des Kolonialismus entwendet wurden." Samia hat diese Aufgabe dem Ministerium für Tourismus, Sport und Kultur übertragen, das nun gemeinsam mit dem Außenministerium mit den Rückgabeforderungen an Deutschland betraut wurde.

Im Oktober plant der deutsche Bundespräsident Franz Walter Steinmeier eine Reise nach Tansania. Dies könnte eine Gelegenheit sein, diese Forderungen auch anzusprechen. Auf Anfrage erklärt das Bundespräsidialamt allerdings, Steinmeier "hofft, dass die zuständigen Institutionen in Deutschland und Tansania in Verbindung mit den Familien der Nachfahren rasch eine Lösung finden, wie die Schädel am besten zurückgegeben werden können."

Quelle: ntv.de

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