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Dunkelziffer bei Neuinfektionen Kleine Zahlen, weil seltener getestet wird?

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Ein Labortest auf Covid-19 ist unangenehm, aber die zuverlässigste Art, eine Infektion nachzuweisen.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Deutschland gibt es kaum noch nachgewiesene Neuinfektionen mit dem Coronavirus, und täglich werden es weniger. Aber kann man den Zahlen trauen? Oder sinken sie vielleicht nur, weil jetzt womöglich seltener getestet wird als noch vor einigen Wochen?

Dass Deutschland bisher in der Corona-Pandemie vergleichsweise glimpflich davongekommen ist, liegt unter anderem daran, dass die Bundesrepublik schon früh sehr viele Tests durchführen konnte. Daher kann man davon ausgehen, dass hierzulande bisher ein Großteil der Infektionen erfasst wurde. In den vergangenen Wochen ist deren Zahl aber stark gesunken, durchschnittlich kamen in der vergangenen Woche täglich weniger als 700 Ansteckungen dazu, zuletzt waren es sogar nur knapp 400 (18. Mai).

Eigentlich ist das eine sehr gute Nachricht. Aber es gibt Stimmen, die behaupten, dies liege nur daran, dass jetzt weniger getestet werde als zum Höhepunkt der Pandemie und daher weniger Infektionen registriert würden. Ist das wirklich so?

Mehr statt weniger Tests

Tatsächlich könnten in Deutschland noch mehr Tests durchgeführt werden. So meldeten die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) am 12. Mai, wöchentlich stünden aktuell rund 840.000 Tests zur Verfügung, von denen derzeit nicht einmal die Hälfte abgerufen werde. Doch das bedeutet nicht, dass die Anzahl der durchgeführten Tests insgesamt zurückgegangen wäre. Zuletzt zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) rund 157.000 Tests pro Tag, eine Woche zuvor waren es knapp 154.000. Zum Vergleich: Mitte April werteten die Labore rund 117.000 Tests aus, Ende März waren es nur 31.000. Auch wenn die Anzahl der Tests nicht mehr so stark zunimmt, wächst sie seit Beginn der Corona-Pandemie kontinuierlich, von weniger Tests kann also gar nicht die Rede sein.

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Das Problem ist vielmehr, dass auch mit mehr Labortests nicht alle Infizierten gefunden werden können. Das RKI ruft zwar inzwischen dazu auf, alle Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung zu testen, auch wenn sie keinen Kontakt zu Infizierten hatten. Doch nicht jeder mit leichten Symptomen geht zum Arzt und schließlich gibt es ja auch komplett unbemerkte Covid-19-Verläufe.

Die freien Kapazitäten für Massentests bei Menschen ohne Symptome zu nutzen, ergibt wenig Sinn. Es würde sich nur um eine Momentaufnahme handeln, solange nicht wie in der Fußball-Bundesliga regelmäßig getestet wird. Die Zahl der dafür benötigten Test wäre gigantisch und nicht zu bewältigen. Sinnvoll sind regelmäßige Tests aber bei Risikogruppen und eventuell in deren Umfeld. So fordert die Deutsche Krankenhausgesellschaft wöchentliche Tests von Klinikpersonal.

Dunkelziffer nur schwer zu schätzen

Wie hoch die Dunkelziffer tatsächlich ist, kann bisher nur grob geschätzt werden. Ein Team um den Bonner Virologen Hendrik Streeck versuchte sie über Antikörper-Tests in der Gemeinde Gangelt hochzurechnen, in der sich Mitte Februar bei einer Karnevalssitzung sehr viele Einwohner angesteckt hatten. Die Wissenschaftler kamen auf bundesweit bis zu 1,8 Millionen Infizierte, also rund zehnmal mehr als die bestätigten Fälle. Wegen eines Rechenfehlers kann man das Ergebnis so aber nicht stehen lassen. Die Zahl könnte stimmen, niedriger liegen, aber auch 20 Mal höher sein.

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Antikörper-Schnelltests sind derzeit noch nicht zuverlässig genug.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Ein Problem der Studie ist auch, dass Antikörper-Tests derzeit noch nicht so zuverlässig sind wie Labortests, bei denen auf Viren-DNA getestet wird. Das liegt unter anderem an Fehlalarmen durch Reaktionen auf Antikörper harmloser Coronavirus-Erkrankungen (Schnupfen). Außerdem produziert eine erkrankte Person nicht von Anfang an Antikörper, sondern erst nach einigen Tagen. Virologe Oliver T. Keppler sagte der "Welt", die aussagekräftigeren Antikörper seien bei milden Verläufen sogar erst vier bis acht Wochen nach einer durchlaufenen Infektion im Blut nachzuweisen.

Bessere und regelmäßig durchgeführte Tests könnten vielleicht schon bald wichtige Erkenntnisse über die tatsächliche Zahl der Infizierten in Deutschland liefern. Vorerst ist man aber weiter auf Schätzungen angewiesen. Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) sagte der "Schwäbischen Zeitung", er gehe in seinem Bundesland von mindestens 200.000 nicht identifizierten Infizierten aus. Die Zahl der gemeldeten Fälle liegt in Baden-Württemberg bei etwa 34.000. Epidemiologen der Universität Bern schätzen, dass 20 bis 30 Prozent der Covid-19-Erkrankungen nicht erkannt werden. RKI-Chef Wieler geht davon aus, dass die Hälfte aller Infektionen nicht bemerkt wird, eine neue Studie in der baden-württembergischen Gemeinde Kupferzell soll weitere Erkenntnisse dazu liefern.

Quelle: ntv.de