Politik

Flüchtlingsdrama im Mittelmeer 1000 Tote - neue Kritik an EU-Flüchtlingspolitik

Innerhalb von zehn Tagen sterben rund 1000 Menschen im Mittelmeer. Eine kontinuierliche Tragödie findet einen neuen Höhepunkt und lässt die Politik aufhorchen und Forderungen stellen. Eine geschlossene Antwort der EU ist nicht dabei.

Nach einem der schlimmsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer befürchten die italienischen Behörden bis zu 700 Tote. Ein Fischerboot mit Hunderten Menschen an Bord kenterte in der Nacht zum Sonntag vor der libyschen Küste, wie die Küstenwache mitteilte. Bis zum Abend konnten die Einsatzkräfte 28 Überlebende retten und 24 Leichen bergen. Genaue Angaben zur Zahl der Vermissten gab es nicht, die Suche nach Opfern dauerte am Abend noch an.

Möglicherweise sind bei dem Unglück sogar noch mehr Menschen ums Leben gekommen, als bisher angenommen. "Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte ein aus Bangladesch stammender Überlebender laut Nachrichtenagentur Ansa der Staatsanwaltschaft Catania. Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus in Sizilien gebracht worden war.

Das zweite schwere Unglück im Mittelmeer innerhalb von nur einer Woche löste heftige Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik aus. Die EU-Außenminister wollen am Montag bei ihrem Treffen in Luxemburg über Konsequenzen beraten. "Solch grausame Verbrechen erfordern eine europäische Antwort", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière in Berlin. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini setzte das Thema auf die Tagesordnung. Italiens Regierungschef Matteo Renzi sagte am Sonntag alle Termine ab und berief ein Ministertreffen ein. Frankreichs Staatspräsident François Hollande forderte mehr Überwachungsboote im Rahmen der EU-Grenzschutzmission "Triton".

1600 Tote seit Jahresbeginn

Das Unglück hatte sich kurz vor Mitternacht etwa 70 Seemeilen (130 Kilometer) vor der libyschen Küste ereignet. Vermutlich brachten die Flüchtlinge das völlig überladene Boot selbst zum Kentern. Sie hatten einen Notruf abgesetzt, woraufhin der portugiesische Frachter "King Jacob" zur Hilfe eilte. Als dieser sich näherte, stürmten die Migranten alle auf eine Seite des Bootes, das dann umkippte.

Die herbeigerufenen Retter suchten den gesamten Sonntag über mit etwa 20 Booten und Flugzeugen an der Unglücksstelle nach Überlebenden, jedoch ohne Erfolg. "Das Wasser hat eine Temperatur von etwa 17 Grad. Wenn sich jemand an etwas festhält, könnte er überlebt haben", sagte Filippo Marini, Sprecher der Küstenwache, dem TV-Sender Rai. Viele der Migranten konnten jedoch vermutlich nicht schwimmen. Die Küstenwache warnte, möglicherweise werde es keine Gewissheit über die Zahl der Toten geben, da das Meer an der Stelle sehr tief sei.

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) könnte es sich um das schlimmste Drama der jüngsten Vergangenheit in der Region handeln. "Sollte sich die Bilanz dieser erneuten Tragödie bestätigen, sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen", sagte die UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami. Anfang der Woche waren nach Berichten von Überlebenden bereits 400 Menschen bei einem anderen Unglück umgekommen. Seit Anfang des Jahres wären es damit nach UNHCR-Schätzungen mehr als 1600 tote Flüchtlinge.

Tusk will EU-Krisengipfel

De Maizière bezeichnete die Bekämpfung der Schlepperbanden als zentralen Punkt. "Wir dürfen und werden es nicht dulden, dass diese Verbrecher aus bloßer Profitgier massenhaft Menschenleben opfern", erklärte er in Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin", entscheidend sei die Situation in Libyen: "Nur stabile Verhältnisse dort werden auch verhindern, dass Libyen weiterhin von den Schleppern und Schlepperorganisationen benutzt wird." Die EU-Kommission betonte, es sei wichtig, mit den Herkunfts- und Transitländern zusammenarbeiten.

In ganz Europa nahm die Kritik an der Flüchtlingspolitik der EU zu. Politiker und Hilfsorganisationen forderten einen Kurswechsel oder eine Fortsetzung des ausgelaufenen Rettungsprogramms "Mare Nostrum". Papst Franziskus appellierte, "mit Entschlossenheit und Schnelligkeit" zu handeln, um ähnliche Tragödien zu verhindern. Die Flüchtlingsinitiative "Watch The Med" erklärte: "Das Sterben muss ein Ende haben. Wir fordern sichere und legale Wege, um Zufluchtsorte zu erreichen, ohne sich in tödliche Gefahren begeben zu müssen."

EU-Ratspräsident Donald Tusk strebt einen Krisengipfel der Europäischen Union an. Tusk werde mit den Staats- und Regierungschefs der EU beraten und dann eine Entscheidung treffen, teilte sein Sprecher mit. Tusk selbst teilte über den Kurzbotschaftendienst Twitter mit, er habe nach der Tragödie bereits mit dem maltesischen Regierungschef Joseph Muscat gesprochen. Nun folgten weitere Gespräche mit den EU-Kollegen. Zuvor hatte bereits Italiens Regierungschef Matteo Renzi die Einberufung eines Krisengipfels gefordert.

Quelle: n-tv.de, bdk/dpa/AFP

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