Politik

"Metropolen haben Sogwirkung" Deutsche wollen keine Landeier mehr sein

Großstädte wachsen, Gemeinden schrumpfen: In Ostdeutschland ist diese Entwicklung besonders dramatisch. Die Infrastruktur wird dort schwer zu halten sein. Aber auch auf die Partnersuche wirkt sich das Ungleichgewicht aus.

Wer in Ostdeutschland auf dem Land wohnt, könnte schon bald keinen Nachbarn mehr haben. Denn immer mehr Menschen kehren ländlichen Regionen den Rücken. Die Bevölkerungszahlen in Deutschland entwickeln sich laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR) extrem auseinander. Während ländliche Regionen in teils dramatischem Umfang Einwohner verlieren, locken Großstädte immer mehr Menschen an, weil es dort Arbeit und Bildungsangebote gibt.

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"Kommunen müssen lernen über ihren Kirchturm hinauszudenken."

(Foto: picture alliance / dpa)

"Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung. Wissens- und wertschöpfungsintensive Branchen sind dort konzentriert und haben Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte", sagt BBSR-Direktor Harald Herrmann bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Besonders attraktiv sind Münster (+8,9 Prozent), Frankfurt am Main (+7,6 Prozent), Darmstadt (+7,3 Prozent) und München (+7 Prozent). Die ostdeutschen Großstädte Leipzig (+7 Prozent), Potsdam (+6,3 Prozent) und Dresden (+5,8 Prozent) gehören ebenfalls zu den Top Ten.

Junge Frauen zieht es stärker in Metropolen

Doch bis auf die Großstädte bleibt im Osten nicht mehr viel übrig. Zwischen 2008 und 2013 sind kleine Gemeinden um 5,2 Prozent geschrumpft. Junge Menschen zieht es in die Großstädte, damit gibt es auf dem Land weniger Erwerbsfähige und eine immer älter werdende Bevölkerung. Prognosen zeigen: Auch in Westdeutschland wird es bis 2035 immer mehr Geisterstädte geben. Bereits jetzt sind Ruhrgebiet und Sauerland, Südniedersachsen und Nordhessen stark schrumpfende Gebiete.

Junge Frauen aus ländlichen Regionen locken die großen Metropolen mehr als Männer. "Ein Grund dafür sind die besseren Bildungsabschlüsse von Frauen. Und in Ballungsräumen gibt es mehr höhere Bildungseinrichtungen", erklärt Antonia Milbert, Autorin der Studie. Der Anteil der Frauen unter den 18- bis 29-Jährigen beträgt in stark schrumpfenden Gemeinden nur noch rund 45 Prozent. Es gibt sogar Regionen in denen 80 junge Frauen auf 100 junge Männer kommen. Das Geschlechterungleichgewicht hat bereits Auswirkungen auf die Partnersuche: Ein Fünftel der Männer findet keine gleichaltrige potenzielle Partnerin.

"Wir wollen keine Rentnerkolonien"

Schrumpfende Gegenden haben Probleme den öffentlichen Nahverkehr oder die ärztliche Versorgung sicherzustellen. "Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen", sagte Herrmann. In Deutschland gäbe es zwar den Anspruch auf gleichwertige Lebensbedingungen, doch wie sollen sie aufrechterhalten werden? "Kommunen müssen lernen, über ihren Kirchturm hinauszudenken. Zusammenarbeit und bürgerschaftliches Engagement bieten Chancen, die Lebensqualität in ländlichen Räumen zu erhalten", sagt Herrmann.

Eine Schrumpfung sei gesellschaftspolitisch nicht gewollt. "Wir wollen keine Rentnerkolonien zulassen", sagt Hartmann. Doch Bevölkerungswachstum werde ohne Zuwanderung über einen längeren Zeitraum nicht möglich sein. "Um die Bevölkerungszahl langfristig konstant zu halten, müsste Deutschland jedes Jahr Wanderungsgewinne von ca. 400.000 Personen erzielen", sagt Herrmann.

Quelle: n-tv.de