Politik

Wahl in Nordrhein-Westfalen Die CDU kann es schaffen - trotz Laschet

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Bei Weitem nicht so beliebt wie Hannelore Kraft: CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet.

(Foto: dpa)

Bei der Landtagswahl in NRW könnte der CDU etwas Bemerkenswertes gelingen: Spitzenkandidat Armin Laschet tut sich zwar schwer, gegen die populäre Hannelore Kraft zu punkten. Dennoch kann er sie besiegen.

Florian Braun will den Flyer mit dem Bild von ihm gerade in den Briefkasten schieben, da öffnet sich die Tür. Ein Mann mit Bohrmaschine in der Hand steht vor ihm. "Guten Tag, mein Name ist Florian Braun. Ich wollte mich als Ihr CDU-Landtagskandidat vorstellen", rattert Braun sein Begrüßungszeremoniell herunter. Sein Gegenüber ist interessiert und freundlich. Der Mann, der Lehrer in Wuppertal ist, blättert die CDU-Broschüre durch. Als er das Bild von Armin Laschet sieht, stockt er und poltert los. "Dieser Vogel ist ein Alptraum. Er ist nicht charismatisch und kann nicht gut reden. Die Landesregierung bietet so viele Angriffspunkte, aber er nutzt das nicht aus."

Braun ist darüber nicht wirklich überrascht. Was der Mann sagt, bekommt er häufiger zu hören. Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai steckt die CDU in einem Dilemma: Nach fünf Jahren fällt die Bilanz der rot-grünen Landesregierung mäßig aus. Gute Voraussetzungen für einen Wechsel eigentlich. Dennoch wird es am Wahlabend möglicherweise nicht reichen. Das liegt vor allem an Spitzenkandidat Laschet.

Braun selbst lässt auf diesen nichts kommen. Laschet sei ein fröhlicher Mensch, beide seien auf einer Wellenlänge. Herausforderer hätten es immer schwerer, sagt er, räumt aber ein: "Er ist keiner, der eine Menge für sich gewinnt, da brauchen wir nicht drum herumzureden." Dennoch traut er Laschet den Posten des Ministerpräsidenten zu. Braun hat in diesen Tagen zwei große Ziele. Er will in den Düsseldorfer Landtag und die rot-grüne Landesregierung ablösen. Während CDU-Politiker aus dem Bundestag hinter vorgehaltener Hand Laschet seit Monaten abgeschrieben haben, hält Braun sich bedeckt. Er ist jung, aber lange genug dabei, um zu wissen, dass es nicht hilfreich wäre, kurz vor der Wahl schlecht über den eigenen Spitzenkandidaten zu sprechen.

"Die Leute wollen immer Kulis"

Braun ist in Köln geboren und wird im Juni 28 Jahre alt. Der studierte Betriebswirt ist Vorsitzender der Jungen Union NRW und arbeitet seit drei Jahren beim Bundesverband Glasfaseranschluss. Bis Mitte Mai hat er Urlaub genommen, um sich ganz auf den Wahlkampfendspurt konzentrieren zu können. Im Wahlkreis Köln V, in dem die Stadtteile Porz und Kalk liegen und wo knapp 100.000 Wahlberechtigte leben, will er das Direktmandat gewinnen. Leicht wird es nicht. Sein größter Gegner ist Jochen Ott. Der frühere Kölner Oberbürgermeisterkandidat der SPD holte den Wahlkreis 2012 mit 43,8 Prozent, 15 Prozentpunkte vor dem damaligen CDU-Kandidaten.

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CDU-Landtagskandidat mit rotem Auto: Florian Braun.

(Foto: Rothenberg)

An diesem Nachmittag Ende April trifft sich Braun mit seinem Team. Auf seinem Auto prangt sein Konterfei. Der Kofferraum dient als Lager, vollgestopft mit Info-Material, Taschen, Kugelschreibern. "Das sind zu wenig Kulis. Die Leute wollen immer Kulis", sagt Konstanze Fuchs, eine Freundin von Braun und ebenfalls in der Jungen Union. Ein Mitstreiter hat andere Sorgen. "Gibt es hier irgendwo eine Pommesbude?" Aber er muss noch warten. In Zweier- und Dreierteams schwärmen sie aus. 3500 Haustüren, das ist ihr Ziel in den gut drei Wochen bis zur Wahl. Vor der Oberbürgermeisterwahl in Oberhausen wurde das Konzept Haustürwahlkampf 2015 von der CDU erstmals intensiv praktiziert. Dort, wo die Wahlkämpfer sich an den Türen ihren Wählern vorgestellt hatten, schnitt die Partei besser ab als anderswo. Auch deshalb gelang es nach 60 Jahren, die SPD aus dem Rathaus zu verdrängen. In NRW und im Bundestagswahlkampf setzt die CDU nun verstärkt auf diese Strategie. Über eine App protokollieren Braun und seine Helfer, unter welcher Adresse sie Anwohner angetroffen haben. Über Belohnungspunkte können sie ihren Stand in einem Ranking verbessern. Die zehn besten kriegen - na immerhin - einen Anruf der Kanzlerin.

Wenn Braun an den Türen klingelt, hat er noch etwas bei sich. Eine Einladung zu einem Seefest, das die CDU vor der Wahl am nahe gelegenen Rather See veranstaltet. Grillfleisch und kalte Getränke, das stößt vor allem bei Männern auf Interesse. Der Köder zieht jedoch nicht bei allem. "Letztes Jahr war das ja nicht so toll", sagt eine Frau. Alles habe unter Wasser gestanden "und diese Dixie-Klos …", sie verzieht das Gesicht. Braun verspricht, dass es diesmal besser wird und wünscht noch einen schönen Tag. Viele Gespräche sind kurz, richtige Diskussionen sind zumindest an diesem Tag selten, an dem Braun durch den Stadtteil mit Einfamilienhäusern zieht. Eine Frau begrüßt ihn mit den Worten: "Ach, du bist das." Sie lobt das Foto auf seiner Broschüre. Es ist jedoch zu hören, dass noch ein "aber" kommt. Sie hätte die Falte über seinen Augen wegretuschiert. So sehe er etwas grimmig aus. Ein paar Minuten später schaut ein Mann Braun verdutzt an, als er die Tür öffnet. "So ein Zufall. Ich habe gerade Ihr Video im Internet gesehen", sagt er. Zum Abschied zwinkert er ihm zu und sagt im rheinischen Singsang: "Jetzt kennen wir beiden uns."

Die wichtige Ouvertüre

Über die Arbeit der rot-grünen Landesregierung kann Braun lange referieren. Er beklagt die 388.000 Staukilometer im Jahr, Handwerker stünden einen kompletten Arbeitstag pro Woche im Stau. Es gebe zu wenig Lehrer und zu viel Unterrichtsausfall. Auch in der Inneren Sicherheit fordert er mehr Personal, die Beamten müssten bei der Schreibtischarbeit entlastet werden. Bei vielen Menschen im Land fällt die Bilanz der rot-grünen Landesregierung eher zurückhaltend aus. Laut Umfragen bescheinigen die Wähler bei den Themen Arbeit, Bildung, Wirtschaft, Verkehr und Innere Sicherheit der CDU mehr Kompetenz als der SPD.

Dennoch gibt es keine eindeutige Wechselstimmung. Das liegt wohl vor allem daran, dass Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wesentlich populärer ist als Laschet. Noch bis Mitte April erreichte die SPD in den Prognosen bis zu 40 Prozent, die CDU weniger als 30. Viele Christdemokraten fürchteten schon eine Wiederholung der blamablen 26 Prozent, die der damalige Spitzenkandidat Norbert Röttgen 2012 einfuhr. Aber am Wochenende sah eine neue Umfrage beide Parteien mit jeweils 34 Prozent plötzlich gleichauf. Für alle CDU-Wahlkämpfer ist dies ein willkommener Schub auf den letzten Metern. Braun, der auf Listenplatz 16 steht, hat gute Chancen, notfalls auch ohne Direktmandat ins Parlament zu kommen. Vielleicht geht der Wahlabend ja auch für Armin Laschet erfreulich aus. Die Grünen haben ausgeschlossen, mit ihm zusammen zu regieren. Denkbar wäre eine große Koalition unter eigener Führung oder ein Bündnis mit der FDP. Vor der Bundestagswahl NRW zurückerobern - für die CDU wäre das die perfekte Ouvertüre.

Braun hat seine Tour für diesen Tag fast beendet, da entdeckt er den Lehrer aus Wuppertal in seinem Vorgarten. Der Mann arbeitet mit seiner Bohrmaschine an einem kleinen Holzzaun. "Können Sie sich trotzdem vorstellen, mich zu wählen?", fragt Braun frech. Trotzdem heißt in diesem Fall so viel wie "trotz Laschet". Der Mann grinst. "Darüber habe ich auch gerade nachgedacht." Nach einer kurzen Pause bejaht er. Er findet Laschet zwar nicht gut, dennoch will er sowohl mit der Erst- als auch mit der Zweistimme CDU wählen. "Sonst hab ich ja nichts davon. Das wird knapp genug." Braun sagt artig danke und zieht zufrieden ab. Er muss hoffen, dass es viele am Wahltag genauso machen und trotz allem Laschet wählen. Mit den Bauchschmerzen können sie in der CDU dann leben. Am Ende zählt nur eines: Hauptsache, stärkste Partei.

Quelle: n-tv.de

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