Politik

Verbreitet Putin Lügen über Erdoğan? "Es gibt dort gar keine Ölquellen"

RTR4GAYU.jpg

(Foto: REUTERS)

355c5c660c1d23f64f1bde907b76c190.jpg

Am Montag vor einer Woche schoss die türkische Luftwaffe eine russische SU-24 ab.

(Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin erhebt schwere Vorwürfe gegen den türkischen Staatschef. Recep Tayyip Erdoğan habe einen russischen Jet abschießen lassen, um Öl-Deals mit dem Islamischen Staat (IS) zu schützen. Laut dem Syrien-Kenner Günter Meyer handelt es sich um eine dreiste Unterstellung.

n-tv.de: Hat die Türkei die russische SU-24 abgeschossen, um Ölquellen zu schützen?

Günter Meyer: Das zu behaupten, ist eine geschickte Strategie Putins, um die Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass Erdöl aus Syrien in die Türkei verkauft wird. Denn das ist ein Fakt. Die Begründung, die Türkei habe das Flugzeug abgeschossen, um die Öllieferungen in die Türkei zu schützen, ist aber an den Haaren herbeigezogen.

Wie laufen die Deals ab?

2012_Meyer_Foto.jpg

Günter Meyer leitet das Zentrum für Forschung zur arabischen Welt an der Universität Mainz.

Private Unternehmen kaufen das Erdöl vor allem in Syriens unterem Euphrat-Tal vom IS. Sie zahlen dafür ungefähr zehn US-Dollar. Der Ölpreis auf internationaler Ebene liegt bei mehr als 40 Dollar. Das gekaufte Öl transportieren die Unternehmer dann auf alten Schmuggelrouten in kleineren Fahrzeugen durch ganz Syrien. Sie verkaufen es an private Kunden im IS-Territorium und im Gebiet, das das Regime kontrolliert. In einigen türkischen Gemeinden haben Schmuggler Schläuche im Grenzgebiet verlegt, sodass Öl aus Syrien in die Türkei gepumpt werden kann. Ein erheblicher Teil der Öls geht vom IS-Gebiet ins irakische Kurdistan. Von dort wird das Öl über den Süden der Türkei bis zum Hafen von Ceyhan transportiert.

Lässt sich nachweisen, dass dort Öl aus IS-Gebiet ankommt?

Man hat in Ceyhan festgestellt, dass die offiziell gemeldeten Exportmengen aus dem Kurdengebiet weit niedriger sind als die tatsächlichen. Von daher ist klar: Das Öl stammt vom IS. Es gibt übrigens auch Lieferrouten in den Iran und nach Jordanien - alles erklärte Feinde des IS.

Hat die Türkei versucht, den illegalen Handel über die Kurdengebiete zu unterbinden?

Nein. Und von Ceyhan geht das Öl nach Marseille und von dort in das europäische Pipelinenetz. Ein erheblicher Teil zumindest.

Warum lässt Ankara das zu?

Die türkische Wirtschaft profitiert davon.

Warum ist Putins These, Präsident Erdoğan wolle türkische Ölgeschäfte mit dem IS schützen, dann so an den Haaren herbeigezogen?

Die russischen Kampfflugzeuge sind bisher nie gegen Ölquellen vorgegangen, sondern gegen Stellungen der Rebellen. Außerdem gibt es in der Gegend, in der das russische Flugzeug abgeschossen worden ist, keine Ölquellen.

Und über die Region wird auch kein Öl transportiert?

Nein, das ist schwer zugängliches Bergland, durch das keine Transportrouten verlaufen.

Der Handel mit Öl ist auch nach mehr als einem Jahr des Kampfes mit der US-geführten Allianz in Syrien eine der Haupteinnahmequellen der Extremisten. Wenn die Türkei nichts dagegen tut, warum bombardieren dann nicht zumindest die Amerikaner die Ölquellen und Transportfahrzeuge?

Die Frage hat Putin ja auch bei den Friedensverhandlungen in Wien aufgeworfen. In Syrien bilden sich vor den Verladestationen tagtäglich etliche Kilometer lange Schlangen mit Öltransportern, die oft aus mehr als 500 Fahrzeugen bestehen. 24 Stunden nachdem Putin das sagte, wurden zunächst 116 Tankfahrzeuge im unteren Euphrat-Tal ausgeschaltet und ein paar Tage später nochmal fast 300. Aber es gab durchaus verständliche Gründe für das Zögern. An den Verladestationen für das Öl stehen Privatleute, keine IS-Männer.

Wie eng sind diese Privatleute mit dem IS verbunden?

Ölschmuggel ist keine Aktivität, für den der IS seine eigenen Leute bezahlt. Der IS stellt das Öl, Privatleute vertreiben es.

Die Förderung übernimmt der IS aber selbst.

Nachdem etliche der Fachkräfte nach der Machtübernahmen des IS geflohen waren, hat er in anderen arabischen Ölländern Experten mit hohen Löhnen angeworben.

Warum greift man dann nicht zumindest die Ölfelder an?

Tanklager und kleinere Raffinerien - meistens ganz primitive Anlagen zur Destillation von Diesel mit enormer Rauchentwicklung, die leicht erkennbar sind - haben US-Kampfflugzeuge bereits zerstört. Bei den Haupterdölinstallationen haben sie sich aber zurückgehalten. Denn wenn so eine Förderanlage beschossen wird, besteht die Gefahr, dass sie in Flammen aufgeht.

Geht es auch dabei darum, Zivilisten zu schützen, oder wollen die Amerikaner kein Öl verschwenden?

Das Erdöl kommt hier mit natürlichem Druck an die Oberfläche. Erinnern Sie sich an die Bilder von Saddam Husseins Rückzug aus Kuwait. Brennende Ölfelder sind eine gewaltige Umweltbelastung und schwer zu löschen. In Kuwait mussten Spezialisten aus Texas eingeflogen werden, um sie zu löschen. Im Euphrat-Tal fehlen solche Experten. Außerdem ist es bei allem Interesse daran, die Finanzquellen des IS trockenzulegen, ja durchaus sinnvoll, eine gewisse Grundversorgung für die Zivilbevölkerung aufrecht zu erhalten.

Mit Günter Meyer sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de