Politik
Zahlreiche prorussische Kämpfer sollen getötet worden sein, als am Dienstag ein Lkw von der ukrainischen Armee bei Donezk angegriffen wurde.
Zahlreiche prorussische Kämpfer sollen getötet worden sein, als am Dienstag ein Lkw von der ukrainischen Armee bei Donezk angegriffen wurde.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 28. Mai 2014

Tagebuch aus der Ostukraine: "Es ist Krieg, verdammt noch mal …"

Dirk Emmerich berichtet für n-tv aus dem Osten der Ukraine.
Dirk Emmerich berichtet für n-tv aus dem Osten der Ukraine.

Die schweren Kämpfe in der Ostukraine gehen weiter, der neu gewählte Präsident sagt, die "Anti-Terror-Operation" habe "endlich richtig begonnen". n-tv Reporter Dirk Emmerich berichtet in seinem persönlichen Tagebuch über die Stimmung in dem zerrissenen Land.
 

DIENSTAG, 27. Mai

Auf dem Weg zum Flughafen Kiew-Borispol hören wir Radio-Nachrichten: Seit 5 Uhr wird in Donezk wieder geschossen. Im Gebiet Lugansk sollen mehrere Lkw mit bewaffneten Kämpfern die russisch-ukrainische Grenze passiert haben. Der Moderator fragt: "Was heißt, sie haben die Grenze passiert? Nach einer ordnungsgemäßen Kontrolle mit gültigen Papieren? Was machen unsere Grenzsoldaten da? Haben die geschlafen? Es ist Krieg, verdammt noch mal …"  Jingle, das Wetter: Sonne, es wird erneut ein warmer Frühsommertag in Kiew.

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Unser Flug nach Donezk ist gestrichen. Auch alle weiteren Flüge in die Stadt für den Tag. Die schweren Kämpfe um den Flughafen gehen inzwischen weiter. Helikopter-Einsatz, auf Youtube-Videos sind immer wieder Kalaschnikow-Salven zu hören. Gegen Mittag meldet der ukrainische Innenminister Awakow, der Flughafen sei wieder vollständig unter Kontrolle der Regierung in Kiew.

Es ist der Tag mit den schwersten Gefechten seit Beginn der bewaffneten Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Separatisten. Es gibt viele Tote, die genaue Zahl bleibt unbekannt. Petro Poroschenko verteidigt das harte Vorgehen: "Die Anti-Terror-Operation hat endlich richtig begonnen…"

Am Abend sehen wir Bilder des stark zerstörten Flughafens Donezk. Hier wird in den nächsten Wochen kein Flugzeug abgefertigt werden können.

Die Milizen nehmen erneut vier OSZE-Mitarbeiter fest.

Wir verlassen die Ukraine Richtung Deutschland und werden die weitere Entwicklung in den nächsten Tagen von dort verfolgen.

 

MONTAG, 26. MAI

Wie schwer es für den neu gewählten Präsidenten Petro Poroschenko wird, das Land zusammenzuhalten, wird schon am Tag nach der Abstimmung deutlich.

Einerseits stellt er klar, dass er nicht mit dem militärischen Teil der Separatisten verhandeln werde: "Mit somalischen Piraten gibt es ja auch nichts zu bereden." Was er damit meint, zeigt er am Nachmittag. Nachdem Milizen den Flughafen Donezk besetzen, beginnt er eine mehrstündige Anti-Terror-Operation, um den Airport zurückzuerobern. In Donezk läuten die Glocken, zwei Handelszentren werden vorsorglich evakuiert. In der City legen die Bewohner Wasser- und Essens-Vorräte an. Die Separatisten sprechen am Abend von 35 Toten.

Andererseits will Poroschenko einen neuen Dialog mit dem Osten und so schnell wie möglich dorthin fahren, um die Probleme und Sorgen der Menschen zu verstehen.

Passt das zusammen, kann dieser Spagat gelingen? Das scheint sehr fraglich.

Vitali Klitschko, der mit absoluter Mehrheit gewählte neue Bürgermeister von Kiew, will ein schnelles Ende der Maidan-Proteste. Die Barrikaden hätten ihren Zweck erfüllt, die wichtigsten Ziele seien erreicht.

Die Menschen, die wir sprechen, sehen das anders. Sie wollen weiter ausharren, bis zur Neuwahl des Parlaments. Einen Termin gibt es nicht, aber die Aussicht, dass die Wahlen im Herbst stattfinden werden. Der Verkehr rund um den Maidan staut sich in der Rushhour heute noch stärker als in den letzten Tagen. In der Nähe des Kreschatik, der Einkaufsmeile in Kiew, wird demonstriert. Wofür? Wogegen? Kaum einer interessiert sich dafür.

SONNTAG, 25. MAI

Was für ein überraschend starkes Signal wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale … Absolute Mehrheit für den Unternehmer Petro Poroschenko bereits im ersten Wahlgang. Die Ukraine sehnt sich nach einem Neuanfang und Stabilität.

Bilderserie

Was für ein überraschend starkes Signal auch in Richtung Moskau. Die Ukraine lässt sich nicht kleinkriegen. Nicht vom Kreml, nicht von den Separatisten der "Volksrepublik Donezk".

Und was für eine Wahlbeteiligung. In Kiew wollten bereist am Vormittag viele Menschen abstimmen. Bis zu 80 Minuten mussten sie warten … Was für ein Unterschied zu West-Europa, wo an diesem Sonntag ein neues Europa-Parlament gewählt wird und sich die Wähler zur gleichen Zeit nur schleppend auf den Weg zur Stimmabgabe bewegen.

Auf den Straßen Kiews sehen wir immer wieder hupende Autos mit blau-gelben Fahnen. Dennoch ist der Tag von der Krise überschattet. Der Osten versucht die Wahlen zu boykottieren. Dort ist nur ein Fünftel der Wahllokale geöffnet, in Donezk selbst kann gar nicht gewählt werden. Auf dem Lenin-Platz wettern Tausende gegen die "Faschisten in Kiew".

Wie unsinnig dieses Etikett ist, wird am späten Abend deutlich: Für die Rechtsradikalen haben in der Ukraine viel weniger Menschen gestimmt als bei der Wahl zum Europa-Parlament im Westen des Kontinents.

Die große Frage bleibt aber, ob Poroschenko die Spaltung des Landes aufhalten und den Krieg im Osten beenden kann. Ohne Moskau wird das nicht gehen.

SAMSTAG, 24. Mai

Zurück in Kiew. Stau auf dem vierspurigen Straße Richtung Zentrum. Auch hier gibt es jetzt eine Art Checkpoint mit Sandsack-Barrikaden. Polizisten mit Kalaschnikow winken die Fahrzeuge langsam durch. Stichprobenartig werden einzelne Autos angehalten, Koffer- oder Laderaum und Papiere der Insassen werden kontrolliert.

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Unser Taxifahrer erzählt, auch er werde am Sonntag den Schokoladen-Milliardär Petro Poroschenko wählen. Im Winter, während der Maidan-Belagerung, wäre es unvorstellbar gewesen, dass ein Oligarch die nächsten regulären Präsidenten-Wahlen für sich würde entscheiden können. Anatoli sagt, es stimmt, er sei nicht wirklich der Wunschkandidat, aber er sei einfach das kleinere Übel. Dem Pragmatiker traut er zu, die Wirtschaft zu stabilisieren und das Verhältnis zu Russland zu normalisieren. Julia Timoschenko? Er lacht. Nein… die denke doch nur an sich, ihre Zeit sei abgelaufen.

Es ist ein warmer Sommerabend in Kiew. Die Restaurants rund um den Maidan sind gut besucht. Viele haben Tische rausgestellt. Es wird gescherzt und gelacht. Und da, wo es Fernseher gibt, schauen die Menschen das Champions-League-Finale - Real Madrid gegen Atletico Madrid.

Dass es im Osten auch wieder Gefechte mit Toten gibt, geht an diesem Abend  fast unter.

FREITAG, 23. Mai

Putin will das Ergebnis der Wahl respektieren. Nicht anerkennen. 

Kehrtwende, taktisches Manöver? Undurchsichtig. Nach all den Entwicklungen der letzten Wochen und Monate ist Skepsis angebracht. Warum? Warum so kurz vor der Wahl?

Der Ausgang der Wahl scheint festzustehen. Der Oligarch Poroschenko übernimmt das Ruder, wenn nicht diesen Sonntag, dann nach der Stichwahl Mitte Juni. Poroschenko ist als Pragmatiker bekannt. Er hat bereits angekündigt, das Verhältnis mit Russland innerhalb von drei Monaten wieder in Ordnung zu bringen. Wie das gelingen soll, ist zwar unklar. Dennoch gab und gibt es wohl erste Kontakte zwischen dem Kreml und dem kommenden Präsidenten.

Dennoch. Sollte Putin plötzlich tatsächlich eine De-Eskalation wollen, ist dies nur ein allererster Schritt. Für die Ost-Ukraine, wo in den letzten Tagen 30 Menschen ums Leben gekommen sind, bringt dies erst einmal gar nichts. Für eine Lösung der Krise müssten die Milizen alle besetzen Gebäude räumen und ihre Waffen abgeben. Schwer vorstellbar, dass sie das jetzt plötzlich tun werden, schwer vorstellbar, dass Putin das will.

Eine Chance hat das Putin-Signal dennoch verdient. Aber nach allem, was bislang passiert ist, bleibt sehr viel Skepsis angebracht.


FREITAG, 16. Mai

Pause. Zwischenstopp in Berlin.

Wo den Optimismus hernehmen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden? In den Wochen seit dem 7. April ging es immer nur in eine Richtung - Beschuldigungen, Drohungen, Eskalation, Konfrontation. Inzwischen wird täglich aufeinander geschossen, es gibt immer mehr Tote. Ein Ende, eine Wende, ist nicht in Sicht.

In der nächsten Woche fahren wir zurück in die Ukraine. Dann wird ein neuer Präsident gewählt. Geht das in einem sich spaltenden Land überhaupt? Wir werden sehen.

Bis dahin macht auch das Tagebuch eine Pause.


DONNERSTAG, 15. Mai

Der Shitstorm im Netz wird immer größer.

Immer häufiger bekomme ich Post, in der ich beschuldigt werde, einseitig für eine der Konfliktparteien Partei zu ergreifen. Einmal für die Kiewer "Junta", die ich verteidigen und so gemeinsame Sache mit den "Bandera-Faschisten" machen würde. Ein anderes Mal sei offensichtlich, dass ich mit meinem "pro-russischen Mist" in Diensten Putins stehen würde. Oder auch, dass ich direkt von der CIA bezahlt würde. Für einen früheren Bundestagsabgeordneten der SPD bin ich ein ungenügend recherchierender Pseudo-Journalist und Lügner.

Diffamieren ist schick geworden in einem Konflikt, dessen Entwicklung sich nicht mehr über ein simples Gut-Böse-Raster nachvollziehen lässt.

Als Journalisten vor Ort berichten wir über das, was wir sehen und aus Gesprächen mit den Menschen auf beiden Seiten erfahren. Und wir versuchen, das einzuordnen. Aber wir lassen uns nicht vor einen Karren spannen.

Um Slawjansk und Kramatorsk wurde auch heute wieder gekämpft.

Der Vizechef der "Befreiungsarmee Donbass" hat der ukrainischen Armee jetzt ein Ultimatum gestellt, bis Freitag alle ihre Positionen zu räumen in der Region. Und wenn nicht, was dann?


MITTWOCH, 14. Mai

Der Runde Tisch in Kiew beginnt. Jedoch die, die die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude wieder räumen sollen, fehlen. Das wird so nicht funktionieren. Die pro-russischen "Separatisten" werden aus Moskau gesteuert und koordiniert, aber die Entwicklung der letzten Wochen hat Tatsachen geschaffen, die sie zu einem aktiven Player gemacht haben. Das weiter zu ignorieren führt nicht weiter.

Ebenso wenig sinnvoll ist es, das Referendum vom Sonntag einfach nur als illegal beiseite zu schieben. Es stimmt, es genügt nicht ansatzweise internationalen Rechtsnormen. Es hat aber deutlich gemacht, dass es eine starke pro-russische Stimmung gibt, wie groß die am Ende auch immer sein mag. Selbst wenn es nur eine Minderheit sein sollte, muss sie ernst genommen werden.

In Donezk und Luhansk fühlen sich die Wortführer bestätigt. Sie sind nicht einmal sauer. Dass sie nicht dabei sind, nehmen sie als Freibrief, weiterzumachen. In Slawjansk greifen die Milizen erneut ukrainisches Militär an. Acht Menschen sterben. Der russische Außenminister Lawrow spricht von Bürgerkrieg.

Nein, so wird das nichts mit dem Runden Tisch.


DIENSTAG, 13. MAI

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Morgen soll ein Runder Tisch in Kiew neue Möglichkeiten für einen Kompromiss ausloten. Sind die Vertreter der Milizen mit dabei? Noch ist das ungewiss.

Dima, mit dem wir hier seit fünf Wochen zusammenarbeiten, bringt uns zum Flughafen. Wir fliegen schon heute nach Kiew. Er erzählt, in seinem Haus legen sich die Menschen Waffen zu - Schrotflinten, Jagdgewehre, Pistolen. Das laufe über einen Jagdverein und sei nicht sonderlich kompliziert. Er hat sich noch nicht entschieden. Wo führt das alles noch hin? Wer stoppt diesen Wahnsinn?

Am Eingang zum Terminal sind drei Polizisten mit ukrainischen Hoheitszeichen auf Streife, über ihnen die Flagge der "Volksrepublik Donezk". Der Flug nach Kiew ist (noch) ein Inlands-Flug.

In Kiew ist Frühling, 22 Grad und Sonne. Noch immer werden auf der Institutskaja Straße frische Blumen vor den Fotowänden der vielen Opfer niedergelegt.

Die Barrikaden sind durchlässiger geworden, aber nicht geräumt. Der Kreschatik ist für den Autoverkehr weiter gesperrt. Souvenir-Händler verkaufen unterschiedliche Maidan-Sticker. Blau-gelbe in den Landesfarben der Ukraine, schwarz-rote in den Farben des "Rechten Sektors". War das auch schon im Februar so? In Sichtweite der Hauptbühne blickt Bandera von einem Riesen-Plakat auf den Platz. Die Menschen laufen achtlos auf dem Weg in den Feierabend daran vorbei.

Die Hoffnungen auf einen Runden Tisch platzen am frühen Abend. Bei Kramatorsk locken pro-russische Milizen ukrainische Soldaten in einen Hinterhalt und erschießen sechs von ihnen.


MONTAG, 12. MAI

Der Tag danach. Die Regierung in Kiew erkennt das Ergebnis nicht an. Das Referendum sei illegitim. Punkt, Aus.

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Ist das wirklich die Ultima Ratio? Die Umstände des Referendums und die Höhe des Ergebnisses sind eine Farce, ja… Aber es gibt inzwischen tatsächlich eine starke Stimmung zur Loslösung von Kiew. Auch weil die Regierung in Kiew in den letzten Wochen planlos und ohne Strategie agiert hat. Diese Stimmung weiter zu ignorieren und den Dialog zu verweigern, wird am Ende das befördern, was auf jeden Fall vermieden werden soll: die Spaltung der Ukraine, die bereits im Gang ist.

Vor unserem Hotel parken am Vormittag zwei gepanzerte Mercedes S-Klassen mit abgedunkelten Scheiben. Ohne Kennzeichen. Bodyguards haben die Umgebung im Visier. Eine der Merkwürdigkeiten dieser Tage. Wer spricht wo mit wem worüber? Es bleibt unklar.

In Slawjansk ist am Abend erneut Artilleriefeuer zu hören.
 

SONNTAG, 11. Mai

In der Schule Nr. 17 im Zentrum von Donezk ist der Andrang schon am Vormittag groß. Auf den ersten Blick wirkt alles korrekt. Es gibt eine Wahlkommission, es gibt Wählerlisten. Aber wir beobachten, dass Menschen, die nicht in den Listen registriert sind, nach Vorlage ihres Passes dennoch ihre Stimme abgeben dürfen. Mehrfachabstimmungen in verschiedenen Wahllokalen sind vorprogrammiert.

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Eine aufgelöste Lehrerin der Schule kommt auf uns zu: "Das ist alles eine große Lüge, eine Inszenierung. Ich wohne seit 30 Jahren hier. Aber viele, die hier abstimmen, habe ich zuvor noch nie gesehen. Wir werden betrogen." Nein, in die Kamera will sie das nicht sagen. Sie hat Angst. Sie ist den Tränen nahe.

Vor der Schule patrouillieren bewaffnete Vermummte. Zum Schutz, sagen sie. Mit Kalaschnikows? Ja, die andere Seite sei auch bewaffnet.

Noch am Abend wird ein Ergebnis präsentiert… 89 Prozent Zustimmung für eine "Volksrepublik Donezk". Was für eine Farce.
 

SAMSTAG, 10. Mai

In Donezk werden neun Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes mehrere Stunden festgesetzt. Der absurde Vorwurf: Spionageverdacht.

Wir fahren erneut nach Mariupol. Noch immer ist unklar, was am Freitag genau passiert ist. Die Regierung in Kiew sagt, sie habe 20 Terroristen getötet.

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Die Amateur-Videos der Bewohner zeigen ein anderes Bild. Menschen stellen sich anrückenden Panzern in den Weg und versuchen, sie irgendwie aufhalten. Es sind keine bewaffneten Milizen, es sind zum Großteil einfache Bürger. In der Stadt herrschen Anarchie und Chaos. Eine geräumte ukrainische Kaserne wird geplündert. Betrunkene Jugendliche wollen immer wieder unsere Akkreditierung sehen. Das gesamte Zentrum wird bis zum Abend verbarrikadiert.

Zurück in Donezk. Kurz vor Mitternacht hören wir Schüsse. Woher, warum? Unklar. In Kopenhagen geht zeitgleich das Voting beim Eurovision Song Contest zu Ende. Die Ukraine wird Sechster, Russland Siebter.
 

FREITAG, 9. Mai

Tag des Sieges. Eine ukrainische Ehrenformation marschiert am Mahnmal des Zweiten Weltkriegs auf. Ein Kranz wird niedergelegt, Gedenkreden gehalten. Unter den Gästen Dutzende Veteranen, alle mit Orden des "Großen Vaterländischen Krieges" dekoriert.

Fast so wie immer und doch anders.

Unter den vielleicht 1000 Teilnehmern der Manifestation sind auch Kosaken und Vertreter der Milizen (heute unvermummt). Fast alle tragen die schwarz-orangefarbenen St. Georgs-Bändchen. 

Als die Militärkapelle die ukrainische Hymne anstimmt, kommt es zum Eklat. Ein Mann in Camouflage ist plötzlich da und bedrängt den Dirigenten: "Wer hat Dir erlaubt, diese Hymne zu spielen", schreit er und droht ihm Schläge an. 

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Ein paar Meter weiter turnen Kinder auf alten T-34-Panzern. Sie bekommen von dem Zwischenfall nichts mit und rufen: "Tod allen Faschisten." 

Eine Feier voller Widersprüche und offener Fragen.

Eilmeldung am frühen Nachmittag aus Mariupol. Die ukrainische Armee schießt im Stadtzentrum auf Zivilisten und greift die von Milizen besetzte Administration an. Als wir ankommen, brennt auch die Polizei-Zentrale. Es gibt mehr als 20 Tote. Die Situation ist unübersichtlich. Die Milizen haben einen ukrainischen Schützenpanzer in ihre Gewalt gebracht und errichten Barrikaden.

Wir erleben viel Hass und Brutalität. 

Es geht immer weiter. Die Ukraine im Bürgerkrieg.
 

DONNERSTAG, 8. Mai

Meint Putin das wirklich ernst? Große Skepsis.

Wenn er tatsächlich eine Verschiebung will, warum nutzt Moskau nicht seine direkten Kanäle mit Donezk? Warum dieser publicity-wirksame Auftritt auf einer Pressekonferenz nach Gesprächen mit dem amtierenden OSZE-Chef? Eine Finte, ein Signal an den Westen? Seht her, ich habe es ja versucht, aber mein Einfluss auf die prorussischen Kräfte in der Ostukraine ist viel zu gering?

Er möchte diese Kräfte nur salonfähig machen und mit an den Verhandlungstisch bringen, wenn es zu einer neuen Genfer Gesprächsrunde kommen sollte.

Es kommt, wie es zu erwarten war. Die prorussischen Kräfte lehnen die Bitte aus Moskau ab. Das Referendum soll wie geplant am Sonntag stattfinden.
 

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MITTWOCH, 7. Mai

Wir arbeiten an einer Reportage zum Referendum. Auf dem Markt dürfen wir auf Anweisung des Direktors nur mit einem Aufpasser drehen. Die meisten Händler sind zurückhaltend, wollen sich zum Referendum nicht äußern. Die Stimmung ist aber eher prorussisch. Dann sagt uns eine Frau: "Ich bin gegen die Abspaltung und möchte einen EU-Beitritt der Ukraine." Unser Aufpasser schreitet energisch ein, verbietet uns das Drehen und droht der Frau mit Gewalt. "Hast Du nicht gesehen, was die mit uns in Odessa gemacht haben? Geh in die Westukraine mit Deinen Ansichten, zu den Bandera-Faschisten oder halt künftig die Klappe."

Am Nachmittag kommt die überraschende Bitte von Putin, das Referendum vom 11. Mai zu verschieben. Ungläubiges Staunen in der Administration. Niemand möchte das kommentieren.
 

DIENSTAG, 6. Mai

Wir fahren erneut nach Slawjansk. Mit den jetzt ordentlichen Papieren passieren wir die Checkpoints der Milizen ohne Probleme. Die schärfste Kontrolle gibt es an einem Kontrollpunkt der ukrainischen Armee. Sie hat auf der Ausfallstraße nach Donezk mit sechs Schützenpanzern Stellung bezogen. Aussteigen, durchgeladene Waffen, alle Taschen werden kontrolliert. Die Ansprache erfolgt ukrainisch. Aber auch hier dürfen wir schließlich durch. Die letzten fünf Kilometer immer wieder Barrikaden auf der Straße - wir müssen auf Feldwege ausweichen. 

In der Stadt selbst ist es ruhig. Viele Geschäfte sind geschlossen, im großen Supermarkt in der Nähe des Rathauses gibt es keine frischen Lebensmittel mehr. Es sind kaum Menschen auf den Straßen.

Am frühen Nachmittag Schüsse in der Nähe des Geheimdienstkomplexes. Die Milizen schießen mehrere Magazine leer. Die Lage beruhigt sich gegen Abend wieder. Die Offensive der ukrainischen Armee scheint beendet. Ergebnislos.
 

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MONTAG, 5. Mai

Wir kommen nach Donezk zurück. Seit heute benötigen Journalisten eine Akkreditierung der "Volksrepublik Donezk". In der Administration herrscht Chaos. "Ja, gehen Sie in die 7. Etage zu Klawa." "Nein, hier kommen Sie ohne Akkreditierung nicht rein…" Deswegen sind wir da… "Sie brauchen einen Anmeldungsschein." Irgendwann, zwei Stunden später hat Klawa unsere Namen in einen Computer eingetippt. Weiter in die 11. Etage - ein runder Stempel muss noch drauf, den gibt es nur im Vorzimmer der eigentlichen Regierung.
 

SONNTAG, 4. Mai

Die Offensive der ukrainischen Armee dauert bereits den dritten Tag, ohne dass entscheidende Fortschritte erzielt werden. Rund um Slawjansk wird weiter geschossen, es gibt Verletzte und Tote auf beiden Seiten.

Die Ostukraine steht vor einem Bürgerkrieg. 

Am Abend diskutiert Günther Jauch die Frage "Ist Putin noch zu stoppen?" Viel Ratlosigkeit in der Runde. Am größten scheint sie bei Erhard Eppler, einst ein SPD-Vordenker. Er doziert, dass die Ukraine eigentlich gar keine richtig eigenständige Nation sei. Soll das im Umkehrschluss heißen, dass Putin ein Anrecht auf die gesamte Ukraine hat?
 

SAMSTAG, 3. Mai

Die OSZE-Geiseln in Slawjansk kommen frei. Putin hatte sich auf deutsches Drängen in die Verhandlungen eingeschaltet und seinen Sondergesandten Waldimir Lukin vermitteln lassen. Plötzlich geht alles ganz schnell.

Große Erleichterung bei der OSZE, im Krisenstab des Auswärtigen Amtes, aber auch bei Oberst Axel Schneider und seinen Leuten: "Wir haben die Feuergefechte der letzten Tage direkt mitbekommen, das möchte ich keinem zumuten." Am Abend treffen die vier Deutschen in Berlin ein. 

Es gibt manches aufzuarbeiten. War es tatsächlich erforderlich, eine völkerrechtlich zwar allen Regeln entsprechende, aber dennoch bilateral zwischen Berlin und Kiew verabredete Militärbeobachter-Mission ausgerechnet jetzt nach Slawjansk zu entsenden?
 

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FREITAG, 2. Mai

Haben wir die Lage falsch eingeschätzt? Offenbar hat die ukrainische Armee eine Offensive gestartet, um die Milizen aus Slawjansk zu vertreiben. Es gibt Gefechte in den Vororten und an mehreren Checkpoints. Ukrainische Medien berichten aus Kiew, dass gepanzerte Fahrzeuge bis ins Stadtzentrum vorgedrungen sind. Ich rufe in Slawjansk an. "Ja, wir hören Schüsse, aber rund um Rathaus, besetzte Polizei-Zentrale und Geheimdienst-Komplex ist es ruhig." Die Milizen riegeln die Stadt ab, es werden keine Fahrzeuge mehr durchgelassen, weder rein noch raus.

Die ukrainische Offensive macht die Lage der Geiseln nicht einfacher. Sie werden weiter von "Bürgermeister" Ponomarjow festgehalten, der heute 49 Jahre alt wird. 

Horror-Meldungen aus Odessa - jetzt brennt auch der Südosten. Mehr als 40 Tote - erschossen, erstickt, verbrannt. Die Ukraine bricht auseinander.
 

DONNERSTAG, 1. Mai

Der ukrainische Übergangspräsident Turtschinow räumt erstmals ein, dass seiner Regierung die Kontrolle über die Ostukraine immer mehr entgleitet. Er fordert ein entschlosseneres Handeln seiner Truppen und Sicherheitskräfte und kündigt neue militärische Operationen in den abtrennungswilligen Gebieten an. 

Nach all dem, was wir in den letzten Wochen gesehen haben, ist schwer vorstellbar, dass es der ukrainischen Armee tatsächlich gelingt, die Milizen zu entwaffnen und Slawjansk, Kramatorsk und Co. zurückzuerobern.

Wir machen vier Tage Pause und fliegen nach Deutschland. 

Oliver Beckmeier übernimmt die Berichterstattung.
 

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MITTWOCH, 30. April

Noch elf Tage bis zum Referendum. Noch immer gibt es keine offizielle Ausschreibung, noch immer ist unklar, wie das eigentlich technisch funktionieren soll. Wer erstellt die Wählerlisten, wer bestimmt die Wahllokale, wer zählt wann die Stimmen aus? Oder wird das Referendum womöglich noch einmal verschoben oder gar abgesagt? 

Die Umfragen besagen weiterhin, dass höchstens ein Viertel der Bewohner im Gebiet Donezk einen Anschluss an Russland will.
 

DIENSTAG, 29. April

Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer. Die Regierung in Kiew erklärt, keine Truppen gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. Der Kreml erklärt die Manöver in Grenznähe für beendet und beordert die 40.000 Soldaten zurück in die Kasernen. 

Es gibt an diesem Dienstag keine neuen Berichte über Gefechte in der Ostukraine.

Die OSZE-Geiseln verbringen die vierte Nacht als "Gäste" des Bürgermeisters in Slawjansk.
 

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MONTAG, 28. April

In Konstantinowka wird ein weiteres Rathaus von den Milizen unter Kontrolle gebracht. Innerhalb von zwei Stunden entstehen Barrikaden aus Beton, Holz, Autoreifen und Stacheldraht. Auf dem Platz vor dem Rathaus sind dutzende Sympathisanten. Aus dem Lautsprecher spielt eine Rockband "Ich bin geboren in der Sowjetunion. Made in USSR."

Ein Vermummter sagt uns inzwischen bekannte Sätze in die Kamera: "Mein Großvater hat gegen die Faschisten gekämpft. Ich muss das jetzt auch tun. Ich mache das für meine Familie, für mein Land."

Wenig später wird der Bürgermeister von Charkow niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. 

In Lugansk rufen prorussische Kräfte nach dem Vorbild von Donezk eine "Volksrepublik" aus. In Slawjansk verhandelt die OSZE über die Freilassung der Geiseln.
 

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SONNTAG, 27. April

Was passiert mit den Geiseln? Auf dem Weg nach Slawjansk sehen wir einen weißen SUV mit OSZE-Kennzeichnung. Anhalten, Frage an den Unterhändler Mark Etherington: "Sind Sie unterwegs nach Slawjansk?" Kein Kommentar. Einen wirklichen Plan scheint es nicht zu geben. 

Wenig später führt der selbsternannte Bürgermeister die sieben Geiseln im Rathaus von Slawjansk der Presse vor. Jetzt sagt er: "Das sind meine Gäste. Sie haben mein Wort als Offizier, dass ihnen kein Leid angetan wird." Die Geiseln wirken bedrückt und niedergeschlagen. Oberst Axel Schneider, der deutsche Chef der Mission, erklärt: "Wir waren am ersten Tag in einem Keller. Seit gestern haben wir Tageslicht und eine Klima-Anlage. Von Plänen eines Austausches gegen Gefangene in Kiew wissen wir nichts."
 

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SAMSTAG, 26. April

Es beginnt ein Nervenkrieg um die OSZE-Geiseln. Im Auswärtigen Amt wird ein Krisenstab gebildet. Die OSZE erwägt, eine zusätzliche Mission nach Slawjansk zu entsenden. Der selbsternannte Bürgermeister Ponomarjow wirft den Militärbeobachtern Spionage vor: "Sie hatten Kartenmaterial bei sich, auf denen all unsere Checkpoints vermerkt waren. Und es ist ein Mitarbeiter des ukrainischen Generalstabes dabei. Was wollten die hier? Niemand hatte sie bei uns avisiert." Ponomarjow sieht sie als Kriegsgefangene, die er gegen in Kiew inhaftierte Gesinnungsgenossen austauschen will.
 

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FREITAG, 25. April

Am Flughafen von Kramatorsk finden neue Gefechte statt. Ukrainische Einheiten versuchen, mehrere Checkpoints zurückzuerobern.  Wir berichten sowohl aus Kramatorsk als auch aus Slawjansk. Große Schlagzeilen macht das nicht mehr. Die Welt, so scheint es zumindest, hat sich daran gewöhnt. 

Russland beginnt ein neues Militärmanöver an der Grenze zur Ukraine, die Regierungen in Kiew und Moskau verweigern jeden Kontakt zueinander.

Die Ostukraine steht am Rande eines Bürgerkrieges.

Am Abend dann eine Eilmeldung. Die Milizen haben 13 OSZE-Militärbeobachter in Slawjansk festgesetzt, darunter vier Deutsche.  Der selbsternannte Bürgermeister Ponomarjow bestätigt, dass sie in seiner Gewalt sind. Er sagt: "Sie sind keine Geiseln, das sind Gefangene."
 

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DONNERSTAG, 24. April

Die Veränderungen sind schleichend. Das wird deutlich, wenn man sie im Wochen-Abstand betrachtet. 

Anfangs waren es nur die prorussischen Aktivisten, vermutlich wirklich alle aus der Region. Dann kamen die Kosaken, jetzt sind richtige Soldaten da. Sie tragen zwar keine Abzeichen, aber so wie sie auftreten und ihre Waffen halten, erkennt man, dass das Profis sind. Vieles deutet daraufhin, dass sie aus Russland kommen. In Gesprächen rutscht ihnen das schon mal auch raus, vielleicht ungewollt, vielleicht sogar gewollt. Krim, Kuban, Stawropol. Offizielle Beweise gibt es jedoch weiterhin nicht. Das erinnert an das Krim-Szenario vor sechs Wochen.
 

MITTWOCH, 23. April

Es gibt viele Kräfte, die gar keine Deeskalation wollen, sondern genau das Gegenteil: den Konflikt immer weiter anheizen. In der Umgebung von Slawjansk wird erneut geschossen. Inzwischen stehen auch wir Journalisten immer mehr im Fokus. Als wir drehen, wird unser russischer Mitarbeiter, der bei unserem Auto geblieben war, von zwei Bewaffneten befragt: "Wer bist Du? Was machst Du? Wo sind die beiden Deutschen, mit denen Du hier unterwegs bist? Passt auf, wir beobachten Euch." Das ist kein Einzelfall. Laptop und Kamera einer deutschen Kollegin werden von den Milizen beschlagnahmt. Ein amerikanischer Fernsehreporter wird festgenommen und drei Tage lang im Geheimdienstkomplex von Slawjansk verhört, bevor er wieder freikommt.
 

DIENSTAG, 22. April

In Slawjansk werden die Toten vom Ostersonntag zu Grabe getragen. Es sind allerdings nur ein paar hundert Menschen, die an der Trauerfeier teilnehmen. Wenig für eine Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Die Stimmung ist aufgebracht. Eine Lehrerin sagt uns in die Kamera: "Warum nur hetzen die uns aufeinander los? Mein Vater ist Russe, meine Mutter Ukrainerin. Das war nie ein Problem. Jetzt bringen sie meine Schüler um. Ich bin seit 30 Jahren in meinem Beruf und habe die ukrainische Sprache als selbstverständlich gesprochen, den Nationaldichter Schewtschenko verehrt. Jetzt schäme ich mich dafür. Ich spreche nur noch russisch."
 

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MONTAG, 21. April (Ostermontag)

Die Krisenregelungsmechanismen funktionieren nicht mehr. Sie haben sich aufgelöst. UN-Sicherheitsrat, OSZE, Gespräche in Genf - nichts kann den Konflikt wirklich lösen. Genf war nicht mehr als eine Willensbekundung, die zudem keiner wirklich ernst genommen hat. Ohne einen klaren Aktionsplan, wer wann welche Waffen abzugeben und welche Gebäude zu räumen hat, wird da nichts gehen. Dazu braucht es Verantwortlichkeiten und Kontrollmechanismen. All das fehlt komplett. 

Will Moskau am Ende tatsächlich eine Invasion? Ich glaube das (noch immer) nicht. Es ist im Augenblick nicht erforderlich. Die Destabilisierung der Ost-Ukraine, wie sie seit Tagen voranschreitet, spielt Moskau in die Hände. Putin kann sich zurücklehnen. Die Regierung in Kiew ist diskreditiert, die Präsidentenwahlen in einem Monat sind gefährdet. Mehr braucht Putin im Augenblick nicht.
 

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SONNTAG, 20. April (Ostersonntag)

Die Osterruhe hat nicht lange gehalten. An einem Checkpoint zehn Kilometer vor Slawjansk kommt es kurz nach Mitternacht zu einer Schießerei. Vier angreifende Zivil-Fahrzeuge eröffnen das Feuer, das erwidert wird. Fünf Tote - zwei auf Seiten der Angreifer, drei auf Seiten der Milizen. 

Als wir am Morgen dort auftauchen sind sie überzeugt: Das war der "Rechte Sektor" aus Kiew. Die Umstände des Angriffs blieben ominös und werden auch in den Folgetagen nicht geklärt. Warum sind zwei der Angreifer-Autos ausgebrannt, die Nummernschilder aber unbeschädigt. Warum sind die gefundenen Dollar-Banknoten nicht verbrannt, warum stimmt die Telefonnummer auf den ebenfalls unversehrt gefundenen Visitenkarten von Dmitri Jarosch, dem Chef des "Rechten Sektors" nicht. Wählt man die Nummer meldet sich eine Frauenstimme, die sagt, sie kenne diesen Mann nicht. Es kann sein, dass es tatsächlich der "Rechte Sektor" war, doch bei den Beweisen hat jemand nachgeholfen.

Slawjansk verhängt eine nächtliche Ausgangssperre. 

Genf ist nun endgültig Makulatur. Und Europa feiert Ostern und will nicht gestört werden.

Gegen 23 Uhr trifft sich im Nobel-Hotel Schakhtar Plaza die junge Elite von Donezk und feiert mit leichtbekleideten Go-Go-Girls und viel Alkohol bis in den Morgen. Mit dem Konflikt wollen sie hier nichts zu tun haben.  
 

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SAMSTAG, 19. April

Die Regierung in Kiew verkündet eine Waffenruhe über die Oster-Feiertage. 

In Donezk sind die Straßen voll, letzte Besorgungen für das Osterfest. 

In der Donbass-Arena findet heute ein Ortsderby der ukrainischen Liga statt. Schachtjor, der amtierende Meister und Spitzenreiter spielt gegen Metallurg. In der Mitte der ersten Halbzeit erheben sich die Schachtjor-Ultras, wickeln die mitgebrachten ukrainischen Fahnen aus und stimmen die ukrainische Nationalhymne an. Pfiffe im Stadion und laute "Donbass-Donbass"-Rufe.
 

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FREITAG, 18. April (Karfreitag)

Gebäude räumen, Waffen abgeben - die Milizen widersetzen sich. In Slawjansk sagt uns der selbsternannte Bürgermeister Ponomarjow: "Das gilt nicht für uns. Wir waren doch gar nicht in Genf dabei. Und wenn, dann muss erst einmal der 'Rechte Sektor' in Kiew entwaffnet werden." Auch der russische Außenminister Lawrow sagt in Moskau wenig später Ähnliches. Genf ist noch nicht einmal 16 Stunden alt und scheint schon jetzt Geschichte.

Vor dem Lenin-Platz rattern demonstrativ zwei der erbeuteten Schützenpanzer über die Hauptstraße. Anwohner schießen Erinnerungsfotos mit Vermummten. 

Im Gespräch vor dem Rathaus rutscht einem der Schwerbewaffneten raus, dass er von der Krim kommt. Er sei diese Woche hierher beordert worden. Von Genf hat er nichts gehört.

Es passt zu unserem Eindruck. Erst gab es nur die "Selbstverteidigung", dann die Kosaken und jetzt professionell wirkende Militärs. Man sieht es an der Art und Weise, wie sie sich bewegen, wie sie ihre Waffe halten. Von der Krim also.
 

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DONNERSTAG, 17. April

Heute blicken alle nach Genf zu den Friedensgesprächen der Außenminister. Wir fahren nach Mariupol. Dort haben prorussische Aktivisten in der Nacht das Rathaus gestürmt und eine Kaserne des Innenministeriums angegriffen. Nach einer friedlichen Demonstration greift ein harter Kern das Eingangstor an. Die Truppen des Innenministeriums schießen. Sie selbst sagen uns, es seien nur Schüsse in die Luft gewesen. Dennoch sterben drei pro-russische Aktivisten. Im Krankenhaus erzählt uns ein Schwerverletzter: "Sie haben wahllos auf uns geschossen." Vor seinem Krankenzimmer haben ukrainische Polizisten Wache bezogen. Er rechnet damit, dass er festgenommen wird, sobald es ihm besser geht.

Drei Tage später kann er vor den Augen der Polizei (oder sogar mit deren Hilfe?) fliehen.

Am Abend dann kommt ein überraschendes und positives Signal aus Genf. Die Außenminister sind sich einig, dass die territoriale Integrität der Ukraine gewahrt bleiben muss. Die besetzten Gebäude sollen geräumt und die Waffen wieder abgegeben werden. 

P.S.: 

Wjatscheslaw Ponomarjow, den wir am Samstag nach der Erstürmung der Polizeizentrale Slawjansk kennengelernt haben, hat sich heute zum neuen Bürgermeister der Stadt ernannt und ist ins Rathaus umgezogen. Seine Vorgängerin ist abgetaucht.
 

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MITTWOCH, 16. April

Die Bevölkerung von Kramatorsk ist aufgebracht über die ukrainischen Schützenpanzer im Zentrum. Es gibt aufgeregte Diskussionen. Die ukrainischen Besatzungen wirken wenig glücklich. Man merkt ihnen an, dass sie auf den Kontakt mit der Zivilbevölkerung, die hinter den pro-russischen Aktivisten steht, nicht vorbereitet sind.

Wenig später geben sie auf. Auf sechs Schützenpanzern wird die russische Fahne gehisst. Samt Besatzungen ziehen sie ab, Richtung Slawjansk, 15 Kilometer weiter. 

Die Regierung in Kiew meldet da noch immer, dass Kramatorsk zurückerobert wurde. Erst zwölf Stunden später wird die Meldung zurückgenommen und der Verlust der Schützenpanzer eingeräumt.

Die ukrainische Armee gilt als schlecht ausgebildet, undiszipliniert und wenig motiviert. Wir haben das schon auf der Krim erlebt. Hier in der Ost-Ukraine bestätigt sich der Eindruck.

Die Anti-Terror-Operation ist damit gescheitert. 

Am Nachmittag sehen wir in Slawjansk, dass die sechs Schützenpanzer vor dem besetzten Geheimdienst-Komplex in Position gegangen sind. Die Milizen feiern ihren Erfolg. Am Samstag haben sie hunderte Waffen erbeutet, jetzt die ersten gepanzerten Fahrzeuge.

Balu, ein martialisch wirkender Kämpfer mit einer Kalaschnikow über der Brust, sagt: "Wir haben keine Angst, vor niemandem."
 

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DIENSTAG, 15. April

25 Kilometer nördlich von Donezk, in Horlivka, wird eine weitere Polizeistation besetzt. Bis auf den Polizei-Chef läuft die gesamte Mannschaft binnen weniger Minuten auf die Seite der Aktivisten über. Das gab es bisher nicht.

Weiter nach Slawjansk. Auf der Straße dorthin gibt es inzwischen neue Checkpoints. Wir werden mehrmals nach Waffen durchsucht. 

Vor dem Rathaus patrouillieren jetzt keine Kräfte der "Selbstverteidigung"mehr, sondern russische Kosaken. "Wir verteidigen hier die Werte der Orthodoxen Kirche", sagt uns ein bärtiger Kosake. Er ist um die 50 und grinst in unsere Kamera.

Auf dem Rathaus wehen jetzt zwei Fahnen - die der Republik Donezk, darunter die russische Fahne. Die ukrainische Fahne haben die Aktivisten entfernt. 

Am Abend rücken ukrainische Schützenpanzer nach Kramatorsk vor und beziehen im Zentrum Position.
 

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MONTAG, 14. April

Über das Turtschinow-Referendum redet in Donezk auch heute niemand. Sie wollen eins, aber ihr eigenes, immer noch am 11. Mai. Sie wollen ihre "Republik Donezk", unabhängig und ohne Bevormundung aus Kiew.

Vor der Administration gibt es inzwischen drei Linien der Barrikaden, eine Zeltstadt ist im Entstehen. "Das ist unser Maidan hier", sagen sie. "Die haben das in Kiew gemacht, wir machen das jetzt hier." Auf dem Schewtschenko-Boulevard stehen Menschen, sie halten Ikonen in ihren Händen und bitten um Gottes Segen - keine Gewalt, keine Erstürmung.

Die Regierung in Kiew hat noch immer kein Konzept. Das am Sonntag in Aussicht gestellte Referendum wird nicht weiter beworben. Stattdessen will Turtschinow plötzlich UN-Blauhelme. 

Einer aktuellen Umfrage zufolge sind nur 20 Prozent der Donbass-Bewohner für eine Abspaltung von der Ukraine. 

Der Griwna hat seit Beginn des Jahres fast die Hälfte seines Wertes verloren. Im Januar musste man für 1 Euro 10 Griwna zahlen, jetzt sind es 19 Griwna.
 

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SONNTAG, 13. April

Wir sind erneut in Slawjansk.  Die Masken-Männer erkennen uns wieder. "Das sind die Deutschen, lasst sie durch", ruft ein Vermummter der Wache an der Barrikade zu. Der ukrainische Innenminister Awakow hat auf seiner Facebook-Seite den Beginn einer Anti-Terror-Operation verkündet. In Slawjansk ist davon heute nichts zu spüren. "Die haben nicht einmal einen Unterhändler geschickt, sie nehmen uns noch immer nicht ernst. Wir sind keine Terroristen", sagt uns Wjatscheslaw Ponomarjow, der sich ein paar Tage später zum Bürgermeister der Stadt ernennen wird. "Das ist eine faschistische Junta da in Kiew. Ihr müsstet doch am besten begreifen, was da passiert. Die werden nicht aufhören und auch in Richtung Europa marschieren. Passt auf, sonst macht sich dieser Faschismus in ganz Europa breit."

Auf dem Platz vor der besetzten Polizei-Zentrale rufen circa 500 Demonstranten immer wieder "Russland, Russland…" Frauen haben eine kleine Feldküche für die Besetzer der Polizei-Zentrale eingerichtet.

Parallel zur Anti-Terror-Operation von Innenminister Kabakow stellt Übergangs-Präsident Turtschinow eine Referendum über eine Dezentralisierung, verbunden mit mehr Rechten für die Regionen, in Aussicht. Die Befragung soll am 25. Mai stattfinden, am Tag der Präsidentenwahl.

In Slawjansk und auch in Donezk wird das Angebot ignoriert. Dahinter vermuten die pro-russischen Kräfte eine Finte, um die Aktivisten zu einer Waffenabgabe zu ermutigen.
 

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SAMSTAG, 12. April

100 Kilometer weit nach Norden, in Slawjansk, besetzen pro-russische Milizen eine Polizeikaserne. Wir fahren zwei Stunden mit dem Auto dorthin, vorbei an maroden und verfallenen Fabrikgebäuden. Konstantinowka, Drushkowka, Kramatorsk - wenn der Osten wirklich der industrielle Kern der Ukraine sein soll, steht es um den Gesamtzustand der ukrainischen Wirtschaft tatsächlich schlecht. 

In Slawjansk haben die circa drei Dutzend schwer bewaffneten Besetzer der Polizeistation innerhalb weniger Stunden Barrikaden aus Autoreifen, Holzpaletten und Stacheldraht errichtet. Das Wappen der Ukraine über dem Eingangsbereich ist entfernt. Hier ist jetzt eine Fahne der "Republik Donezk" angebracht worden.

Überall sehen wir Vermummte mit Waffen. Sie sind freundlich, reden mit uns und beantworten bereitwillig alle Fragen… "Warum besetzt Ihr dieses Mal kein Rathaus, sondern eine Polizeistation?" … "Wir brauchen Waffen, viel Waffen und die gibt es im Rathaus nicht, sondern hier bei der Polizei!", sagen sie.
 

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FREITAG, 11. April

Das Ultimatum zur Räumung aller besetzten Gebäude verstreicht ohne Konsequenzen… Wieder einmal. Das kennen wir inzwischen. Das war auch im März auf der Krim so und hat die pro-russischen Kräfte am Ende weiter ermutigt.

Überraschend kommt jedoch Premier Jazenjuk nach Donezk, verspricht mehr Autonomie und stellt eine Dezentralisierung der Ukraine in Aussicht. Auch sollen die lokalen Mächte die Möglichkeit erhalten, Referenden durchzuführen. Mit Vertretern der pro-russischen Milizen trifft er sich jedoch nicht. Das Jazenjuk-Angebot kommt bei ihnen nicht einmal an. Sie bestehen weiter auf einer "Republik Donezk" und einer vollständigen Loslösung von Kiew. Was Jazenjuk anbiete, sei ein Trick, um sie zum Aufgeben zu überlisten. 

Die Regierung in Kiew agiert mit wenig Fortune und wirkt überfordert.

Moskau verfügt am gleichen Tag die volle Gefechtsbereitschaft für die entlang der ukrainischen Grenze stationierten russische Truppen. Insgesamt betrifft das 40.000 Soldaten. 

P.S.:

Mein Foto-Favorit des Tages. Ein Pärchen - er mit russischem, sie mit ukrainischem Pass - küssen sich, beide zeigen einen gestreckten Mittelfinger in die Kamera. Fuck You - Warum versucht Ihr, Russen und Ukrainer gegeneinander aufzuhetzen? Auf Twitter bekommt das Foto innerhalb kurzer Zeit 27.000 Retweets.
 

DONNERSTAG, 10. April

Wer schoss Ende Februar auf die Zivilisten auf dem Maidan? Die neue Regierung hat vor einer Woche zwölf Berkut-Polizisten verhaftet und sie als Verantwortliche für die vielen Toten des Massenmords präsentiert. Ein abgefangener Funkverkehr weckt neue Zweifel. Darauf ist die Stimme eines Offiziers zu hören: "Wer schießt da? Sofort Stopp! Wir schießen nicht auf Unbewaffnete!" Der Mitschnitt klingt authentisch. Ist er wirklich echt, wäre das für das Image der Maidan-Regierung eine Katastrophe.

All das wirft einen langen Schatten auf die Regierung in Kiew. Sie hätte die Aufklärung der Ereignisse vom 20. Februar ganz nach oben auf ihre Agenda setzen müssen.
 

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MITTWOCH, 9. April

Wie lange wird sich die ukrainische Regierung das alles angucken? Kiew steht vor einem Dilemma. Ein hartes Durchgreifen könnte einen Einmarsch russischer Truppen provozieren, die nur ein paar Dutzend Kilometer von hier entfernt an der Grenze stehen. Wartet die Regierung weiter ab, untergräbt das ihre ohnehin schwache Autorität weiter. 

Plötzlich gibt es eine Art Ultimatum. Wer bis übermorgen die besetzten Gebäude räumt, könne mit Straffreiheit rechnen. 

Niemand nimmt das wirklich ernst. Eine neue Lautsprecher-Anlage vor der Administration beschallt jetzt den ganzen Platz. Auch auf der Hauptstraße, 300 Meter weiter, sind jetzt die Kampflieder aus sowjetischen Zeiten zu hören. Dazu immer wieder Sprechchöre "Russland, Russland… Donbass, Donbass". Auch heute sind es aber nicht mehr als ein paar Hundert. 

Wir werden ermahnt, dass wir ja die Wahrheit berichten sollen. "Wir sind keine Terroristen und Separatisten." … "Warum wird die Junta in Kiew vom Westen hofiert, wir aber dürfen keine Hilfe aus Russland fordern?" … "Sagt Eurer Frau Merkel, sie soll sich zum Teufel scheren und sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen."
 

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DIENSTAG, 8. April

Über Nacht sind die Barrikaden vor der Administration verstärkt worden. Autoreifen, Holzpaletten, Stacheldraht. Der Eingang der Administration ist nicht mehr frei zugänglich. Davor patrouillieren Vermummte, die uns zunächst verbieten wollen, zu drehen. Wir kommen ins Gespräch und dürfen dann doch ins Gebäude. Sie sind alle aus der Region Donezk, niemand sei aus Russland, niemand bekomme Geld. Einer der Chefs sagt: "Wir lassen uns nicht einschüchtern. Das stolze russische Volk ist tausend Jahre alt und wir werden unsere Zukunft so gestalten, wie wir es für richtig halten. Daran können aus Jazenjuk und die anderen in Kiew nicht hindern." 

Am Balkon der Administration hängt jetzt eine schwarz-blau-rote Fahne der "Republik Donezk".

300 Meter weiter rollt ganz normal der Verkehr. Donezk, die reiche Millionen-Metropole im Osten der Ukraine, interessiert sich für die Besetzer der Administration kaum. Auf dem Markt hören wir: "Das sind doch vor allem Rentner und ein paar Möchte-Gern-Revolutionäre." 

Der Rückhalt der Bevölkerung auf der Krim war größer.
 

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MONTAG, 7. April

Abends auf dem Platz vor der besetzten Administration in Donezk. Pro-russische Aktivisten haben heute die Gründung einer "Volksrepublik Donezk" verkündet. Über dem Eingangsbereich weht eine russische Fahne. Am 11. Mai wollen sie ein Referendum über die Unabhängigkeit, um sich von der Ukraine loszusagen.

So hat es vor einem Monat auf der Krim auch angefangen. Das Ende ist bekannt. Wiederholt sich das jetzt hier in der Ost-Ukraine?
Zwei Gründe sprechen dagegen. Weder die Region Donezk noch die Ost-Ukraine insgesamt hat einen Autonomie-Status. Ein Referendum hätte keinerlei völkerrechtliche Grundlage. Putin will verhindern, dass die Ukraine Mitglied der Nato wird. Das kann er womöglich einfacher haben, wenn der Osten als Dauer-Zankapfel im Bestand der Ukraine verbleibt. (Vorerst.)

Quelle: n-tv.de