Politik

Pegida will konkret werden Gegen 100.000 und einen Schnulzenkönig

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Erneut ist die Zahl der Pegida-Demonstranten in Dresden gewachsen.

(Foto: REUTERS)

Ein Schlagersänger schafft, was Politiker, Journalisten und Zigtausende Gegendemonstranten nicht schaffen: Er verunsichert die Pegida-Bewegung.

Es gibt einen Moment bei dieser Pegida-Demo, wo es ernst wird. "Und jetzt noch etwas Persönliches, was mich sehr enttäuscht hat", sagt Kathrin Oertel, eine der Vorsitzenden von Pegida. Sie wirkt wirklich etwas angegriffen. "Lieber Roland Kaiser", beginnt sie und kommt erst einmal nicht weiter, ein lautes "Buuuuuh" unterbricht sie.

Kaiser, der Schlagersänger, war am Wochenende an der Frauenkirche aufgetreten, wo 35.000 Dresdner für Toleranz demonstrierten. "Die Zeit der Sündenböcke sollte der Vergangenheit angehören", hatte er gesagt, mit klarem Bezug zu Pegida. Oertel outet sich, ein "großer Fan" gewesen zu sein. Als zahlende Konzertbesucherin könne sie doch Neutralität von ihrem Star erwarten. Wenn Kaiser in Dresden auftrete, "sitzen dort viele Pegida-Anhänger", sagt sie und wie auf Befehl korrigiert ein Sprechchor: "Saßen! Saßen!"

Emotionaler wird es nicht mehr. Bei Pegida ist Routine eingekehrt. Lutz Bachmann begrüßt alle, danach übernimmt Oertel. Sie liefert die Stichworte über die Oberbürgermeisterin, über die Diffamierung durch die Medien und die Politiker, die ihr Volk nicht mehr vertreten. Das Publikum reagiert mit Gegröle, mit "Wir sind das Volk!" und mit "Lügenpresse! Lügenpresse!".

Es folgt ein "Spaziergang" durch die Innenstadt, der lange Wochen ungestört und ruhig verlief, mittlerweile an einigen Gegendemonstrationen vorbeiführt. Die Teilnehmerzahl ist laut Polizeischätzung noch einmal gestiegen, von 18.000 auf 25.000. Das ist enorm, wahrscheinlich hat es mit dem Anschlag in Paris zu tun. Aber die Stimmung hat sich abgekühlt. Und auch die Gegenveranstaltungen wachsen: Deutschlandweit waren es rund 100.000 Menschen, die gegen Pegida demonstrierten.

Es muss etwas passieren, das weiß Bachmann offensichtlich auch. Er versucht zwei Strategien.

Schwammige Kernforderungen

Erstens: Pegida soll sich ausweiten. In die deutschen Städte und in andere europäische Länder. Ein Sprecher zählt alle "-gidas" auf, die es in Deutschland gibt und alle Ableger, die sich im Ausland gegründet haben. Von Rostock bis München gibt es die Bewegung und von Portugal bis Schweden. Der Sprecher behauptet deswegen, die "Völker Europas" würden mit einer Stimme sprechen. Das scheint etwas übertrieben zu sein: Mit den Massenaufläufen angesichts des Paris-Attentats sollte sich Pegida besser nicht messen.

Zweitens: Pegida soll Stellung beziehen. Am Anfang gingen die Menschen schweigend durch die Straßen, später gab es Reden und Sprechchöre, schließlich ein Positionspapier mit 19 Forderungen. Es sei an der Zeit, diese Forderungen zu konkretisieren, sagt Bachmann. Was dann folgt, ist dem Forderungspapier dann allerdings sehr ähnlich.

Das sind die sechs Punkte, auf die Pegida offiziell nun besonderen Wert legt: 1. Unkontrollierte Zuwanderung soll gestoppt werden. 2. Zuwanderer sollen verpflichtet sein, sich zu integrieren. 3. Islamisten sollen ausgewiesen werden. 4. Bürger sollen in Volksabstimmungen direkt über Bundespolitik entscheiden können. 5. Die angebliche "Kriegstreiberei" gegen Russland soll beendet werden. 6. Die innere Sicherheit soll finanziell gestärkt werden.

Besonders konkret ist das noch nicht. Was soll eine Pflicht zur Integration beinhalten? Wie soll unkontrollierte Zuwanderung gestoppt werden, wenn politisch Verfolgte Asyl bekommen, wie es Pegida auch fordert? Das ist ein wichtiger Punkt bei populistischen Forderungen: Dass sie oft einfach nicht funktionieren, wenn man genauer darüber nachdenkt. Pegida hat die Chance, Forderungen zu formulieren und von vielen Menschen Unterstützung dafür zu bekommen. Aber etwas genauer werden dürften sie dabei schon. Immerhin: Vor zwei Wochen hieß es noch, die Politik solle selbst darauf kommen, was zu tun sei.

Wie geht es nun weiter mit Pegida? Die Gruppe hat sich etabliert. Wenn sie weiterhin Woche für Woche eine fünfstellige Anzahl Menschen auf die Straße bringt, kann man sie eigentlich nicht ignorieren. Zumal Studien zeigen, dass die Grundgedanken von Pegida von Millionen Menschen in Deutschland geteilt werden. Aber so richtig ernst nehmen kann man es ja auch nicht, wenn 25.000 Menschen "Wir sind das Volk" rufen, obwohl gleichzeitig 100.000 gegen ihre Forderungen demonstrieren. Und unter diesen 100.000 ist ja auch noch Roland Kaiser.

Quelle: ntv.de