Politik

Eine Insel, umgeben von Krieg Gibt es das "Wunder vom Libanon"?

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Mehr als 1000 Menschen kommen Ende September in Beirut zu einem Biker-Festival zusammen. Der Libanon erscheint vergleichsweise ruhig. Doch seine Stabilität ist eine Stabilität auf Zeit.

(Foto: REUTERS)

Der Libanon galt vor einigen Jahren als das Pulverfass im Nahen Osten, das als nächstes explodieren sollte. Während Syrien im Chaos versinkt, ist der kleine Nachbar aber erstaunlich stabil. Doch der Schein trügt.

Es ist erst wenige Jahre her, da prophezeiten Kenner des Nahen Ostens, dass der Libanon als nächstes brennen werde. Das kleine Land zwischen Syrien, Libanongebirge, Mittelmeer und einer abgeriegelten Grenze zu Israel – es galt als Pulverfass. Hier leben 18 verschiedene Religionsgemeinschaften, die nach strengem Konfessionsproporz organisierte Politik ist reines Chaos, in der auch noch die verfeindeten Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran permanent ihre Finger haben.

Doch es kam anders. Ende 2010 begann in einer staubigen Provinzstadt in Zentral-Tunesien das, was fortan der "Arabische Frühling" genannt wurde. Nacheinander fielen die Machthaber von Tunesien, Ägypten und Libyen. Im Frühjahr 2011 begannen Proteste in Syrien, die in den blutigen Bürgerkrieg mündeten, der bis heute andauert. Allein im Libanon blieb es vergleichsweise ruhig, obwohl er doch angeblich das Pulverfass war.

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In der nordlibanesischen Stadt Tripoli gibt es immer wieder blutige Gefechte zwischen Armee und sunnitischen Milizen.

(Foto: Reuters)

Vergleichsweise ruhig heißt allerdings nur, dass zwischen Libanon-Gebirge und Mittelmeer noch kein offener Krieg ausgebrochen ist. Ende 2012 begannen Autobombenanschläge regelmäßig die Ruhe in den Städten zu stören, erst seit dem Sommer 2014 scheint diese Reihe beendet zu sein – ohne Garantie, dass es nicht wieder losgehen könnte. Die im Norden gelegene Stadt Tripoli ist immer wieder Schauplatz von Gefechten zwischen radikal-sunnitischen Milizen und der libanesischen Armee. Erst vor zwei Wochen kamen bei den Kämpfen dort mehr als 40 Menschen ums Leben.

Verbreitet ist die Furcht, dass Dschihadisten der Miliz "Islamischer Staat" (IS) oder Konsorten den Libanon als Schwachpunkt ausmachen und hier Anschläge verüben könnten. So könnten sie die Region weiter destabilisieren und ihren in Syrien und im Irak begonnenen Gottesstaat-Feldzug fortsetzen.

Präsident noch nie selbst bestimmt

Mit dieser instabilen Lage rechtfertigten libanesische Parlamentarier vergangene Woche ein umstrittenes Gesetz, das sie mit großer Mehrheit verabschiedeten. Zum zweiten Mal verlängerten sie ihre eigene Amtszeit, sodass die Legislaturperiode nun am Ende acht statt vier Jahre dauern wird. Eigentlich wären Parlamentswahlen schon im Juni 2013 fällig gewesen. Lediglich der Block um den 81 Jahre alten Offizier Michel Aoun und die Partei der Phalangisten (Kata'ib-Partei) boykottierten die Abstimmung und geißelten die "Zementierung des Status Quo".

Immer noch nicht geklärt ist auch, wer künftig Präsident des Libanon ist. Seit Mai dieses Jahres ist das Amt vakant, die Wahl eines Nachfolgers für Michel Suleiman scheitert am innenpolitischen Chaos und daran, dass Saudi-Arabien und der Iran sich nicht auf einen für sie akzeptablen Kandidaten einigen können. Der libanesische Politikwissenschaftler Hilal Khashan verweist darauf, dass die Libanesen ihren Präsidenten noch nie selbst bestimmt hätten. "Das libanesische Parlament hat noch nie einen Präsidenten gewählt, es segnet immer nur den Kandidaten ab, auf den sich die Regionalmächte geeinigt haben."

Die EU steht alldem hilflos gegenüber. "Wir hoffen, dass wir in Zukunft unsere politischen Mittel so einsetzen können, dass wir mehr Einfluss haben", sagt die Chefin der EU-Delegation im Libanon, Angelina Eichhorst. Sie wehrt sich gegen die Darstellung, die Libanesen hätten keinen Einfluss auf ihr eigenes Schicksal. "Es gibt die Leute, die glauben, alles sei von außen diktiert. Aber wir glauben, dass die Libanesen das selbst können", ist Eichhorst überzeugt. Sie setzt auch auf die neue Außenbeauftragte der EU, Federica Mogherini, eine studierte Islamwissenschaftlerin, die "eine tiefe Kenntnis und tiefes Verständnis" für den Nahen Osten mitbringe. Eichhorst räumt aber unverhohlen ein: "Hier wird Politik nach dem Überraschungsprinzip gemacht. Es gibt kein voraussagbares Szenario für die Zukunft."

Als kämen 20 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland

In Beirut indes üben sich die Menschen in demonstrativem Hedonismus und behaupten, keine Angst vor Krieg zu haben. Immerhin erlebte der Libanon zwischen 1975 und 1990 ähnliche Gräuel, wie sie jetzt in Syrien stattfinden. Im libanesischen Bürgerkrieg starben wohl mehr als 100.000 Menschen, mehr als eine dreiviertel Million floh ins Ausland, kehrte zum Teil zurück. Die Cafés, Shopping-Malls und Schönheitssalons sind voll, überall schießen auf Großbaustellen weitere Malls, Büro- oder Mietshäuser in die Höhe.

Die Erfahrung des Bürgerkriegs lässt die Menschen abgeklärt tun, doch womöglich ist es genau dies, was bisher den Ausbruch eines größeren Krieges verhindert hat. Offensichtlich ist die Parallele zu Algerien, das in den vergangenen Jahren ebenfalls von größeren Umwälzungen ausgespart blieb. Auch dort ist der verheerende Bürgerkrieg noch zu präsent. Eine andere Theorie ist ganz banal die, dass es zu viele rivalisierende Gruppen im Libanon gibt – niemand weiß, wo er anfangen sollte. Zudem ist die vom Iran unterstützte Hisbollah so stark, dass keine andere Gruppe im Land sich mit ihr anlegen mag. Die Hisbollah, Partei und Miliz in einem, kontrolliert den Süden des Libanon weitgehend und mischt auch in Syrien an der Seite der Armee von Präsident Baschar al-Assad mit.

Die syrische Katastrophe rückt den Libanesen immer näher auf die Pelle – ob sie wollen oder nicht. Mehr als eine Million Syrer sind in den Libanon geflohen, der selbst nur vier Millionen Einwohner hat. Im Verhältnis ist das so, als würden 20 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Die Syrer sind buchstäblich überall: nicht direkt erkennbar als Kellner in den Beiruter Kneipen, als Bauarbeiter oder Putzkräfte, oder deutlich sichtbar als Bettler, Schuhputzer und Blumenmädchen auf den Straßen. Inzwischen häufen sich Berichte, dass die libanesischen Behörden immer häufiger Syrer nach Syrien abschieben – und sie dort ihrem Schicksal überlassen.

Die scheinbare Stabilität des Libanon ist eine Stabilität auf Zeit. Das "Wunder vom Libanon" ist eine Illusion. Es sieht eher so aus, als bräuchte der Libanon bald ein Wunder, um nicht von den Auswirkungen des Syrienkriegs und damit auch dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran zerrieben zu werden.

Quelle: n-tv.de

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