Politik

Geschäft mit Flüchtlingen Jeder Einzelne hat Schlepper bezahlt

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Ob aus Afrika oder dem Nahen Osten: Wer nach Europa will, muss sich auf Schlepper einlassen. Jede Etappe ist auf andere Art gefährlich.

(Foto: REUTERS)

Wenn Flüchtlinge in Deutschland ankommen, haben sie oft nichts mehr. Das liegt auch daran, dass sie auf ihrer Reise viel Geld an Schlepper bezahlen mussten. Die Routen ändern sich, das Geschäft bleibt gleich. Und wird immer einträglicher.

300.000 Menschen sind laut den Vereinten Nationen in diesem Jahr bereits über das Mittelmeer geflohen, mehr als 2500 seien dabei ertrunken. Das sind die neuesten Zahlen, sie sind wie immer eine Annäherung. Alle diese Menschen wollen nach Europa und jeder einzelne hat Geld an Schleuser bezahlt, in der Regel vier- bis fünfstellige Summen. Die günstigsten Mittelmeerpassagen sollen um die 1000 Euro pro Person kosten.

Das Milliardengeschäft boomt von den Herkunfts- und Transitländern bis in die Europäische Union hinein. Nach dem Tod von 71 Flüchtlingen in einem Lkw in Österreich, die offenbar von ihrem Schleuser im Stich gelassen worden waren, konzentriert sich auch die Politik auf die Menschenschmuggler, denen das Handwerk gelegt werden solle.

Doch wer sind die Verantwortlichen? Im Fall der Toten von Österreich vermutet die Polizei ein weit verzweigtes Netz mit mehreren Organisationsebenen, die Hintermänner werden in Rumänien vermutet. Die Fahrt von Ungarn über die Grenze nach Österreich war für die mutmaßlich syrischen Passagiere des Todes-Lkw aber nur eine von mehreren Etappen auf ihrer gescheiterten Flucht.

Ägäisroute plötzlich populär

Was die Schlepper in der EU und an ihren Außengrenzen tun, muss unterschieden werden vom Menschenschmuggel, wie er in vielen Teilen der Welt geschieht, wenn etwa Frauen für Zwangsprostitution oder moderne Sklavenarbeit an Orte gebracht werden, die sie sich nicht ausgesucht haben.

Für die Flüchtlinge aber sind diese Schlepper die einzige Hoffnung, ihr Ziel zu erreichen. Manche loben sie gar als gute Menschen. Klar ist aber auch: Die Reise ist immer gefährlich und die Schlepper übernehmen keine Verantwortung. Denn legale Wege gibt es für Menschen aus Syrien oder Afghanistan kaum - obwohl Bürgerkriegsflüchtlinge ein Recht auf Asyl in Europa haben. Flüchtlinge und Schleuser gehen also ein Geschäft miteinander ein, von dem beide profitieren wollen. Die hohe Nachfrage und die Gefahren bestimmen die Preise. Gut möglich, dass manche Schlepper tatsächlich helfen wollen oder aus Gelegenheit in dieses Geschäft gerutscht sind. Genauso gibt es aber organisierte Krimininalität, die aufs Schleppertum spezialisiert ist.

Die Routen und damit auch die Schleuser ändern sich. Momentan ist die populärste Route von Flüchtlingen die über das östliche Mittelmeer von der Westtürkei hinüber auf die griechischen Inseln. Mehr als 180.000 Menschen sind dort in diesem Jahr bereits angekommen. Die meisten Menschen auf dieser Route kamen aus Syrien, Irak, Afghanistan und anderen Ländern Zentralasiens.

Schleuser warten spätestens wieder auf dem Balkan

Vor einem Jahr noch galt die Ägäisroute als zu gefährlich. Das Meer ist oft unruhig, die griechische Küstenwache galt als wenig gnädig mit Flüchtlingen. Das hat sich nun geändert. Womöglich einfach deshalb, weil nun noch mehr Menschen fliehen, weil die Route über Bulgarien sich als noch unerträglicher erwiesen hat und die griechischen Behörden ob des Ansturms einfach kapituliert haben. Die neue Strategie Griechenlands ist, die Flüchtlinge schnell in Richtung Mazedonien loszuwerden. Spätestens an der Grenze zwischen Mazedonien und Serbien oder an der zwischen Serbien und Ungarn kommen dann wieder Schleuser ins Spiel, wenn es gilt, die gut gesicherten Grenzen zu passieren, ohne erwischt zu werden.

Die Flucht über die sogenannte Balkanroute ist momentan populär, aber jede Etappe kostet Geld. Das liegt auch daran, dass die umstrittene Dublin-Regel die Flüchtlinge unter Druck setzt. Sie wollen im Land ihrer Wahl und auf keinen Fall in Ungarn registriert werden.

Mit Einwegboot von Libyen nach Italien

Der Hauptumschlagplatz für Migranten aus Afrika ist Libyen. Vereinzelt kommen aber auch hier Flüchtlinge aus Asien oder der arabischen Welt an. Nach den jüngsten UN-Zahlen sind in diesem Jahr knapp 110.000 Menschen über die südliche Mittelmeerroute nach Italien gefahren. Berichten zufolge schlagen sie sich zum Teil ohne Schlepper durch die Sahara. Andere, zum Beispiel im Niger, buchen Plätze an Bord von großen Lastwagen, die sie bis nach Libyen bringen. Die Küstenstadt Zuwara, die nahe der tunesischen Grenze liegt, ist die Hauptstadt der Schlepper in Libyen. Milizen mit Kontakten zur Küstenwache treten hier als Schlepper auf. Die Überfahrt kostet dann rund 1500 Euro pro Person, im Schlauchboot ist es billiger, im Holzboot teurer.

Es sollen inzwischen sogar extra Einwegboote gebaut werden, die breiter sind als Fischerboote und mehr Menschen aufnehmen können. Genau hier passieren aber die Unglücke mit oftmals mehreren hundert Toten.

Wer es einmal lebend nach Italien geschafft hat, bekommt es unter Umständen wieder mit Schleppern zu tun. Nötig wäre das nicht, denn die Flüchtlinge sind ja schon im Schengenraum. Doch wer zum Beispiel die Zwangsregistrierung in Deutschland umgehen will, weil er nach Norwegen möchte, beauftragt vielleicht einen Schlepper. Wieder andere fallen einfach auf Kriminelle herein, anstatt sich einfach ein Zugticket am Schalter zu kaufen, was problemlos möglich ist.

Schlepper gibt es jedenfalls auch noch kurz vor der deutschen Grenze. Die "Tegernseer Stimme" etwa berichtete im November vergangenen Jahres, die Bundespolizei Rosenheim nehme jeden Monat rund 40 Schleuser fest, die Flüchtlinge von Italien nach Deutschland bringen. Auch in Kroatien gibt es ein Geschäft mit den Verzweifelten. Die bevorzugte Route hier ist mit Lkw-Fahrern nach Italien zu fahren – und dann weiter.

Kaum eine Rolle spielt bei der aktuellen Flüchtlingskrise noch die Route über Marokko und Spanien. Vor einigen Jahren noch beklagte sich Spanien über die Masse an afrikanischen Migranten und baute in der Enklave Melilla einen Zaun. Laut UN sind in diesem Jahr nicht einmal 2000 Menschen über das Meer nach Spanien gefahren.

Quelle: ntv.de