Politik

Bis zu 30 Gramm je Bürger Kanada gibt Cannabis frei

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Legal in Kanada: Der Staat setzt auf Aufklärung und kontrolliert künftig Anbau, Besitz und Handel.

(Foto: REUTERS)

Drogenpolitische Wende in Nordamerika: Kanada legalisiert als weltweit zweites Land den privaten Gebrauch von Cannabis-Produkten wie Haschisch oder Marihuana. Verkauf und Besitz sind ab sofort erlaubt - allerdings gibt es regionale Einschränkungen.

Kanada hat als erstes Land im Kreis der G7-Staaten den Verkauf von Cannabis freigegeben und damit eine drogenpolitische Wende eingeleitet. Zum Stichtag 17. Oktober trat ein entsprechendes Gesetzespaket in Kraft, das die Abgeordneten im kanadischen Parlament im Juni gebilligt hatten. Konsum, Besitz und Handel mit Cannabis-Produkten sind damit ab sofort erlaubt.

Kanadische Staatsbürger ab 18 Jahren - in manchen Bundesstaaten liegt die Altersgrenze bei 19 Jahren - können künftig rechtmäßig Rauschmittel auf Cannabis-Basis erwerben und als Genussmittel einsetzen. Erlaubt ist etwa die Bestellung im Internet oder der Kauf in autorisierten Fachgeschäften. Der persönliche Besitz ist - ähnlich wie in verschiedenen US-Bundesstaaten - auf maximal 30 Gramm beschränkt. Der Preis für ein Gramm Haschisch liegt in Kanada bei etwa 10 kanadischen Dollar (4,30 Euro).

Kanada ist damit das zweite Land der Welt nach Uruguay, das eine vollständige und landesweite Legalisierung von Cannabis umsetzt. Schon zuvor zählte Kanada zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Marihuana weltweit. Kritiker warnen vor gesundheitlichen Schäden durch den Cannabis-Konsum und eine Zunahme von Unfällen unter Drogeneinfluss.

Erklärtes Ziel der Legalisierung ist es, den illegalen Markt auszutrocknen und der organisierten Kriminalität eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen zu nehmen. Durch die Freigabe erhält der Staat zudem die Kontrolle über Anbau und Handel sowie Steuereinnahmen aus dem Verkauf. Gegner der Freigabe befürchten dagegen einen Anstieg des Konsums und Gefahren für Jugendliche.

Folgen für Justiz und Straßenverkehr

Der Umgang der Kanadier mit der künftig legalen Droge gilt im Ausland als mögliche Blaupause für ein ähnliches Vorgehen in Europa. In Deutschland hatte sich im Frühjahr neben Politikern von Grünen, Linken und FDP unter anderem auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) für ein Ende des Cannabis-Verbots ausgesprochen.

In der Kritik stehen auch die regional unterschiedlichen Vorgaben. So liegt die Altersgrenze in manchen kanadischen Provinzen bei 19 Jahren. Die Behörden sind vielfach noch nicht auf den Umgang mit legalen Drogenkonsumenten vorbereitet. Bei der kanadischen Polizei etwa wird noch über geeignete Bluttests diskutiert; neue Tests zum Nachweis des psychoaktiven Wirkstoffes THC sollen innerhalb von zwei Stunden Ergebnisse liefern.

Die von Provinz zu Provinz unterschiedlichen Vorschriften werfen zudem in der Rechtsprechung noch verschiedene Fragen auf. Diskutiert wird auch, wie die kanadische Justiz mit verurteilten Straftätern umgehen soll, die nur aufgrund eines nun legalen Cannabis-Besitzes hinter Gittern sitzen.

"Absolut noch nicht bereit"

Verkehrssicherheitsexperten fürchten eine Zunahme drogenbedingter Verkehrsunfälle. Kanadische Gesundheitsbehörden warnen vor den Gefahren des Rauchens allgemein - Apartmenthäuser oder Schulen in Kanada wollen das Cannabis-Rauchen denn auch auf ihrem Gelände verbieten. Schon jetzt ist in Kanada das Tabakrauchen an vielen Orten verboten.

"Als Arzt und Vater bin ich mit der Legalisierung von Freizeit-Cannabis nicht einverstanden", betont zum Beispiel Antonio Vigano, Experte für medizinisches Marihuana an der Santé Cannabis-Klinik in Montréal. Er warnt vor einem erhöhten Konsum unter jungen Menschen. "Diese Regierung ist absolut nicht bereit für die Legalisierung von Marihuana. Das Land ist nicht bereit", warnt auch der konservative Abgeordnete John Brassard, dessen Partei die bahnbrechende Reform von Premier Justin Trudeau konsequent verurteilt hat.

 "Es gibt gesundheitliche Bedenken"

Gleichzeitig begrüßen viele die Möglichkeit zum offenen Dialog: "Es gibt gesundheitliche Bedenken", sagt auch Gillian Connelly von der Ottawa Public Health Agency. "Aber die Legalisierung schafft die Möglichkeit, über den Cannabiskonsum zu diskutieren." Der Gebrauch als Genussmittel ist in Kanada weit verbreitet: Gestützt auf Umfragen wurde der Anteil der Haschich- und Marihuana-Nutzer zuletzt auf rund 16 Prozent der Bevölkerung geschätzt.

Mit der Legalisierung sind große Hoffnungen verbunden: Nach Angaben Connellys sollen Hunderte Millionen Dollar in die gesundheitliche Aufklärung fließen - "eine konzertierte Aktion, um die Menschen über die Gefahren von Cannabis zu informieren". Die Behörden verschickten Postsendungen an 14 Millionen Haushalte mit Warnungen, Cannabis von Kindern und Haustieren fernzuhalten. Für eine Kampagne gegen Fahren unter Cannabis-Einfluss kooperierte die Organisation "Mothers Against Drunk Driving" mit dem Fahrdienst Uber und dem Cannabis-Produzenten Tweed.

Vorbild: Colorado

Mit den Folgen einer Freigabe von Cannabis-Produkten gibt es längst reichlich Erfahrungswerte aus den USA: Connelly zufolge gab es im US-Bundesstaat Colorado einen kurzfristigen Anstieg von Krankenhausaufenthalten nach der Legalisierung von Cannabis 2014, da viele Nutzer die Wirkung und die Qualität der staatlich kontrollierten Rauschmittel unterschätzt hatten. Der durchschnittliche THC-Gehalt von Cannabis-Produkten sei demnach von durchschnittlich 3 Prozent in den 80er Jahren auf heute 15 Prozent gestiegen.

Die Freigabe in Kanada wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft und auch auf die Berufswelt aus: Kanadische Arbeitgeber erließen vorsorglich zahlreiche Einschränkungen. Das Militär untersagte den Soldaten den Konsum von Cannabis innerhalb von acht Stunden vor einer Schicht, einige Polizeibehörden und Fluggesellschaften verboten ihn Bediensteten und Angestellten gleich ganz.

Eine lebhafte Debatte gab es auch um das Mindestalter: Entgegen der Warnungen von Medizinern, Cannabis störe bis zum Alter von 25 Jahren die Reifung des Gehirns, setzten die Behörden das Mindestalter je nach Provinz auf 18 oder 19 Jahre fest. Für Jean-Sebastien Fallu, Suchtexperte an der Universität von Montréal, überwiegen trotz allem die Vorteile: "Cannabis ist nicht gut für die Gesundheit, doch ein Verbot ist extrem gefährlich und schlimmer als Cannabis", betonte er und verwies auf die "katastrophalen Konsequenzen wie Stigmatisierung, Gewalt, Kriminalität und Schwarzmarkt".

Quelle: ntv.de, mmo/AFP