Politik

PR-Masche gescheitert Krawall hilft Trump nicht mehr

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Seine Tiraden wirken auf einige Amerikaner anziehend, schrecken aber offensichtlich auch viele ab: Donald Trump.

(Foto: REUTERS)

Attacke und Pöbelei - das zeichnet den Wahlkampf des Donald Trump seit Monaten aus. Nun gibt es erneut Empörung über eine Aussage des Präsidentschaftskandidaten. Die Nutznießerin heißt Hillary Clinton.

Es ist erst ein paar Tage her, da meinten einige Beobachter, bei Donald Trump einen Kurswechsel bemerkt haben: keine Ausfälle das ganze Wochenende über, dazu sein doch noch erfolgter Aufruf zur Wahl seiner Republikaner-Parteikollegen Paul Ryan und John McCain. Nicht wenigen schien es, als wäre Trump ruhiger und diszipliniert geworden. Als versuche er plötzlich auf seine Gegner zuzugehen. Als gäbe sich Trump auf der Zielgeraden, drei Monate vor der US-Wahl, plötzlich doch noch milde.

Von wegen. Der Präsidentschaftskandidat hat mal wieder für krachende Schlagzeilen gesorgt. Bei einer Wahlveranstaltung machte er eine vielseitig interpretierbare Anspielung, die viele als Aufruf zur Gewalt gegen seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton verstanden haben wollen. Erneut empören sich nun viele über das Gebaren des Milliardärs. Unübersehbar ist allmählich: Umso näher die Wahl rückt, desto massiver schadet sich Trump durch sein Auftreten.

Der erneute Zwischenfall ist ein typischer Trump. In seinem Ablauf folgt er einem Schema, das sich in diesem Wahlkampf schon häufig beobachten ließ. Der Kandidat der Grand Old Party sagt etwas und streitet anschließend ab, es so gesagt oder gemeint zu haben. Er fühlt sich falsch dargestellt und missverstanden. Die Grenzen von richtig und falsch zerfließen bis zur Unkenntlichkeit. Nicht wenige erkennen darin ein Kalkül. Zwei Schritte vor, zuschlagen und dann einen Schritt zurück - um damit radikale Wähler zu gewinnen, ohne dabei die Moderaten zu verprellen.

"Ich wurde attackiert, also wehre ich mich"

Trump polarisiert, seit er im vergangenen Jahr als Präsidentschaftsbewerber angetreten ist. Seine scharfen Äußerungen verschaffen ihm nicht nur Aufmerksamkeit und Schlagzeilen, sie sprechen offenbar auch vielen Amerikanern aus dem Herzen. "Trump verkörpert die Wut und den Wunsch nach einem Bruch mit der Regierungspolitik. Es gibt viele Menschen in den USA, die sehr wütend sind", sagte der CNN-Journalist Jonathan Mann im Interview mit n-tv.de. Lange schien es, als würde dieser Krawall-Kurs eher nutzen als schaden. Doch viel deutet daraufhin, dass Trump mit seiner PR-Masche überreizt hat.

Nach seiner offiziellen Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten beim Parteitag teilte Trump Anfang August weiter kräftig aus. Innerhalb weniger Tage sympathisierte er mit dem Einsatz von Atomwaffen ("Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?"), echauffierte sich über ein schreiendes Baby, sperrte sich dagegen, Politiker aus der eigenen Partei im Wahlkampf zu unterstützen. Am meisten Wirbel machten seine beleidigenden Angriffe auf die Eltern des getöteten US-Soldaten Humayun Khan.

Das kam nicht nur bei Demokraten-Anhängern schlecht an. Laut einer Umfrage von "Washington Post" und "ABC News" beurteilten 74 Prozent der Amerikaner Trumps Umgang mit der Familie Khan negativ. Und Trump? Der verteidigte sich anschließend mal wieder trotzig ("Ich wurde attackiert, also wehre ich mich"), von Reue keine Spur. Und nun die nächste Nummer: Ein mutmaßlicher Aufruf zur Gewalt auf eine potenzielle neue US-Präsidentin – und das ausgerechnet in einem Land, in dem vier Staatsoberhäupter durch Attentate ermordet worden sind. Es lässt sich darüber streiten, ob das so eine gute Idee war.

Wahrscheinlichkeit: 12,3 Prozent

Sein Verhalten nutzt Trump nachweislich nicht. Seit seiner Nominierung vor drei Wochen ging es in sämtlichen Umfragen bergab. Nachdem Trump in den landesweiten Befragungen nach seiner Kür sogar kurzzeitig an Clinton vorbeiziehen konnte, liegt diese inzwischen fast zehn Prozentpunkte vorn. Der Statistik-Blog "FiveThirtyEight" sieht die Wahrscheinlichkeit eines Clinton-Siegs bei 87,6 Prozent, Trump kommt nur noch auf klägliche 12,3 Prozent. Eine naheliegende Erklärung: Das Lager der radikalen Wähler ist ausgeschöpft, Trump müsste sich um gemäßigte Wähler bemühen. Die treibt er durch sein Auftreten jedoch scharenweise zu seiner Rivalin und womöglich auch zu unabhängigen Kandidaten, wie dem Republikaner Evan McMullin.

Zugegeben: In amerikanischen Wahlumfragen ist traditionell viel Bewegung. Noch vor einem Jahr lagen darin Politiker vorn, die schnell keine Rolle mehr gespielt haben. Doch inzwischen sind die Prognosen zuverlässiger: Die Kandidaten sind gekürt, die heiße Phase des Wahlkampfes ist gestartet, bis zum Wahltag sind es nur noch dreizehn Wochen. Die Lesart der Umfragen lässt im Gegensatz zu Trumps Rhetorik keine Missverständnisse zu. Im Schlussspurt sieht es für den Republikaner nicht gut aus.

So kippte die Stimmung auch in wichtigen Swing States zuletzt gegen ihn und zu Gunsten Clintons. In Pennsylvania und Ohio konnte die frühere First Lady ihren Vorsprung ausbauen beziehungsweise einen Rückstand in eine Führung drehen. In Florida lag Trump im Juli noch deutlich vorn, inzwischen steht es Unentschieden. Sollte Clinton diese drei Staaten holen, in denen es um 67 der für einen Wahlsieg nötigen 270 Wahlmänner geht, wäre Trumps Niederlage besiegelt.

Die Zahlen sind eine Warnung. Ob sie Trump zur Einsicht oder gar zur Kurskorrektur bringen, er sich gar zu einer Entschuldigung durchringen kann? Er müsste einsehen, dass Anspielungen oder vermeintlich ironische Bemerkungen zu Missverständnissen führen können, die sich in einem Wahlkampf nicht mehr einfangen lassen. Wie er seine Äußerung über Clinton gemeint hat, ist zweitrangig. Dass mancher ihm jetzt "Todesdrohungen" unterstellt und Ermittlungen des Secret Service fordert, mag übertrieben sein. Das Problem ist, dass viele ihm tatsächlich zutrauen, zur Gewalt aufzurufen. Das kann sogar Donald Trump nicht Recht sein.

Quelle: n-tv.de

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