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Avatar entscheidet über Einreise Lügendetektor soll EU-Grenzen kontrollieren

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Ungarische Soldaten errichten an der EU-Außengrenze zu Serbien einen Zaun.

(Foto: picture alliance / Balazs Mohai/)

Ein Avatar, der Reisenden knifflige Fragen stellt und Lügen enttarnt, noch bevor sich diese überhaupt an der Grenze befinden - was nach Science Fiction klingt, könnte an den EU-Außengrenzen bald Realität sein. Das Projekt stößt auf heftige Kritik.

Ein smarter Lügendetektor als Grenzkontrolle mit minimalem menschlichen Input - kann das funktionieren? "iBorderCtrl", ein von der EU mit 4,5 Millionen Euro gefördertes Projekt, will diese futuristisch anmutende Vorstellung wahr machen. Ein eigens dafür entwickeltes System soll bald an den EU-Außengrenzen in Griechenland, Lettland und Ungarn getestet werden, wie das Online-Magazin netzpolitik.org berichtet. Auch biometrische Daten der Reisenden sollen bei der Frage, ob sie die Grenzen überqueren dürfen, helfen.

Ziel von "iBorderCtrl" ist es, die Grenzkontrollen an den EU-Außengrenzen schneller, gründlicher und insgesamt effizienter zu gestalten, heißt es auf der projekteigenen Website. Neben der ungarischen Nationalpolizei, der Entwicklerfirma European Dynamics und der lettischen Grenzkontrolle ist auch die Leibniz-Universität Hannover am Projekt beteiligt. Netzpolitik.org zufolge werden die Privatsphäre-Risiken der Technologie vom dort ansässigen Institut für Rechtsinformatik evaluiert.

Das für "iBorderCtrl" entwickelte smarte Screening-System hat zwei Stufen: Zunächst sollen sich Menschen vor dem Grenzübertritt online registrieren und dazu Bilder aus ihrem Pass, ihr Visum, Reisedaten aus der Vergangenheit und einen Nachweis über ausreichende finanzielle Mittel für die Einreise hochladen. Ein virtueller Grenzbeamter stellt anschließend Fragen, die auf "Geschlecht, Ethnie und Sprache" der potenziellen Einreisenden zugeschnitten sind, wie ein von der Europäischen Kommission veröffentlichter Artikel erläutert. Das System richtet sich an alle Menschen aus EU-Drittstaaten. Es soll dabei helfen, illegale Migranten zu entdecken und so zur Prävention von terroristischen Anschlägen und Verbrechen beitragen.

Videochatten für den EU-Aufenthalt

Das Gespräch mit dem Avatar wird aufgezeichnet und jede kleinste Regung in der Mimik des Antwortenden, schließlich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Inwiefern diese Methode wissenschaftlich fundiert ist, ist jedoch noch umstritten. "Nonverbale Signale, sogenannte Mikroexpressionen, sagen wirklich nichts darüber aus, ob jemand lügt oder nicht", zitiert die niederländische Zeitung "De Volkskrant" den forensischen Psychologen Bruno Verschuere. "Das ist die Verkörperung von allem, was an Lügenerkennung falsch ist. Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die Methode, die nun verwendet werden soll."

George Boultadakis, der Projektkoordinator von "iBorderCtrl" erläutert in dem Artikel der Europäischen Kommission, dass dafür "bereits bestehende und bewiesene, aber auch neuere Technologien" eingesetzt würden.

Die Daten, die während der ersten Stufe des Prozesses in das System eingespeist werden, werden anschließend geprüft und gegebenenfalls unter anderem mit Daten aus Social-Media-Accounts der Antragssteller sowie aus Sicherheitsdatenbanken verglichen. Wer sich für die Einreise qualifiziert, erhält dann eine Einreiseerlaubnis mit personalisiertem QR-Code und Informationen zur Einreise sowie einen Hinweis darauf, illegales Verhalten zu unterlassen.

Noch bevor sie sich tatsächlich an der Grenze befinden, sortiert das System Reisende in eine "risikoarme" und eine "risikoreiche" Gruppe ein. An der Grenze findet dann die zweite Stufe des Prozesses statt: Die Daten der Menschen, die das System als "risikoarm" eingestuft hat, werden nur kurz überprüft. Zur detaillierteren Überprüfung von Menschen, die in die zweite Gruppe eingeordnet wurden, gehört unter anderem Fingerabdruckscanner und Handvenenerkennung. Dazu werden mobile Geräte verwendet, die einfach in die Hand des Grenzpersonals passen - sogenannte Mobilepass-Geräte. Dem von der Europäischen Kommission veröffentlichte Magazin "Horizon" zufolge könnten Mobilepass-Geräte künftig auch als Retina-Scanner fungieren. Unklar ist, was mit den gesammelten biometrischen Daten danach passiert.

Weil die Forschung über die Aussagekraft und Deutung von Mikroexpressionen noch uneins ist, warnt der britische Datenwissenschaftler Bennett Kleinberg gegenüber dem "Guardian", dies könne zu der "Einführung von Pseudo-Wissenschaft bei Grenzkontrollen führen". Bei einem ersten Test des "iBorderCtrl"-Systems erreichte dieses laut netzpolitik.org nur eine Trefferquote von 76 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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