Politik

Interview mit Forsa-Chef Güllner "Von Trendumkehr kann man sicherlich nicht reden"

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Laschet im Dilemma. Ende Juni feierte er mit FDP-Chef Lindner den vierten Jahrestag der Unterzeichnung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags in NRW.

(Foto: picture alliance / Flashpic)

Trotz wieder steigender Umfragewerte für die CDU/CSU sieht Forsa-Chef Manfred Güllner noch keine Trendumkehr. Allerdings habe die Union noch Wahlreserven, während SPD und Grüne ihr Potenzial weitgehend ausgereizt hätten.

ntv.de: Markus Söder hatte gefordert, dass Armin Laschet den CSU-Parteitag und das Triell dazu nutzt, um den Trend zu brechen. Ist das gelungen, ist das aktuelle Trendbarometer für die Union die Trendumkehr?

Manfred Güllner: Von Trendumkehr kann man sicherlich nicht reden. Man kann nur sehen, dass die CDU ihren Bodensatz erreicht hat und ein paar Wähler von der FDP zurückgewinnen kann. Während die Union zwei Punkte gewinnt, verliert die FDP zwei Punkte. Das ist eine der möglichen Wählerreserven, die die Union noch hat, nämlich einige der früheren CDU-Wähler, die zur FDP gewandert sind, wieder zur Union zu holen.

Laschet hat immer deutlich gemacht, dass er am liebsten mit der FDP regieren würde, er hat sogar den Jahrestag der Unterzeichnung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags mit Christian Lindner in Düsseldorf am Rhein gefeiert. Waren diese Signale möglicherweise ein strategischer Fehler?

Dieses Vorgehen ist Ausdruck eines Dilemmas der Union. Wenn sie eine Koalition mit der FDP anstrebt, muss sie einerseits hoffen, dass die FDP nicht zu schwach wird. Andererseits muss sie aufpassen, dass die FDP nicht zu stark wird, denn das gelingt der FDP vor allem mit sich der Union zuneigenden Wählern. So kamen auch die hohen Werte der FDP von bis zu 14 Prozent im Juni zustande.

Ist es aus Sicht der FDP eine richtige Entscheidung, die Ampel nicht auszuschließen? Oder vergrault sie damit Wähler, die zwar der FDP nahestehen, aber keinen SPD-Kanzler wollen?

Die FDP hat da eine bessere Position als die Union. Sie kann sagen: Wenn es nicht anders geht, machen wir bei einer Ampel mit, um aufzupassen, dass die beiden anderen, also die SPD und die Grünen, nicht zu viel Unfug anrichten. Die FDP kann sich hier als Korrektiv darstellen - eine Funktion, die sie in der Vergangenheit häufiger eingenommen hat.

Wie ist es für SPD und Grüne mit Blick auf Rot-Rot-Grün: Ist es klug oder unklug, das nicht auszuschließen?

Wir wissen, dass die Linkspartei für viele Wähler nicht mehr das Schreckgespenst ist, das mit einer Rote-Socken-Kampagne in Erinnerung gerufen werden kann. Andererseits gibt es immer noch Vorbehalte gegen die Linkspartei, gerade bei klassischen SPD-Wählern. Man darf die Historie nicht vergessen, die in einigen Köpfen immer noch präsent ist - aus Sicht von SPD-Anhängern gehört auch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED dazu. SPD und Grüne müssen also abwägen, ob es mehr Nutzen verspricht, die Koalitionsoption mit den Linken offenzuhalten oder auf vorhandene Vorbehalte Rücksicht zu nehmen.

Das Triell am vergangenen Sonntag hat gezeigt, dass Laschet die Strategie gewechselt hat und jetzt nicht mehr auf gemütlichen Wahlkampf setzt, sondern auf scharfe Attacken. Kann das funktionieren?

Die Umfragedaten, die ARD und ZDF nach dem Triell veröffentlicht haben, zeigen, dass das Urteil des Publikums ähnlich ist wie nach dem ersten Triell von RTL und ntv, als wir im Nachgang eine entsprechende Umfrage durchgeführt haben. Die Zahlen zeigen, dass Laschet solche Attacken wenig nutzen. Grundsätzlich ist es immer schwierig, wenn man versucht, eine Imageänderung vorzunehmen. Laschet ist kein Kämpfer, sein Markenzeichen ist es, ein ausgleichender Typ zu sein. Da passt es nicht, wenn er plötzlich auf Olaf Scholz eindrischt.

Sind Trielle überhaupt geeignet, um Trends zu drehen?

Es gab Kanzlerduelle, die wahlentscheidend waren. Etwa das zwischen dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder von der SPD und dem damaligen CSU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber, 2002. Im ersten Duell hatte Stoiber besser abgeschnitten als erwartet, Schröder hatte das nicht ernst genug genommen. Zwei Wochen später, beim zweiten Duell, hat Schröder Stoiber dann klar geschlagen. Mittlerweile gibt es aber eine regelrechte Flut solcher Formate, da bin ich nicht sicher, ob die Wirkung mit früheren Kanzlerduellen vergleichbar ist.

Haben die Themen Wirecard, Cum-Ex und die Ermittlungen gegen Beamte der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen, FIU, das Potenzial, Scholz im Wahlkampf zu schaden?

Das Problem ist, dass viele Menschen nicht genau verstehen, was da eigentlich passiert. Deshalb bleibt an Scholz wenig von den Vorwürfen haften. Auch der Hintergrund der Durchsuchung im Finanzministerium ist für normale Menschen eher unklar, sodass ihm auch das kaum schaden dürfte.

Im Politiker-Ranking hat Scholz Söder überholt, Laschet liegt auf Platz zehn. Nun werden bei der Bundestagswahl aber Parteien gewählt, keine Kanzlerkandidaten, wie Unionspolitiker in letzter Zeit betonen. Kann eine Partei auch mit einem wenig beliebten Kandidaten erfolgreich sein?

In Wahlkämpfen gibt es zwei wichtige Komponenten. Das eine ist der Kandidat, das andere ist das Vertrauen, das man einer Partei entgegenbringt. Dazu gehört vor allem die Einschätzung der politischen Kompetenz, also der Frage, ob man einer Partei zutraut, mit den Problemen im Lande fertig zu werden. Aber beides, Kandidat und Vertrauen, bedingen einander. Ein schlechter Kandidat führt meist dazu, dass einer Partei auch wenig politische Kompetenz zugebilligt wird. Der Kompetenzwert der Union lag im vergangenen Jahr in der Corona-Krise bei rund 50 Prozent - jetzt liegt er weit unter 20 Prozent. Das ist natürlich vor allem auch dem Kandidaten geschuldet.

In dieser Woche ist die Union in der Frage nach der politischen Kompetenz um zwei Punkte zurückgefallen, aber in der Kanzlerfrage hat Laschet zugelegt. Wie ist das zu erklären?

Bei Laschet ist die Zunahme relativ leicht zu erklären. Er findet jetzt stärkeren Rückhalt bei jenen, die sich durchgerungen haben, doch die CDU zu wählen. Bislang war für ihn die Zustimmung unter den Anhängern der Union ja nicht besonders hoch, die ist nun ein bisschen gestiegen. Bei der Kompetenz wirkt sich aus, dass bei vielen Wählern die Zweifel wachsen, ob eine von Laschet geführte Regierung wirklich fertig wird mit den anstehenden Problemen, die ja jeder sieht - ob das Corona ist, die Digitalisierung, Klimaschutz, die Modernisierung der Infrastruktur, das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land und vieles mehr.

Das heißt, die zwei Punkte, die CDU und CSU in dieser Woche zugelegt haben, sind keine sichere Bank?

Das ist keine sichere Bank. Es kann aber vermutet werden, dass die jetzt von der FDP wieder zurück gewanderten Wähler der CDU in den nächsten 14 Tagen treu bleiben werden, sodass die Werte für die Union nicht weiter fallen. Hinzu kommt, dass unter den Unentschlossenen mehr frühere CDU-Wähler zu finden sind als ehemalige Wähler anderer Parteien, mit Ausnahme der sonstigen Kleinparteien. Auch hier ist also noch ein gewisses Potenzial vorhanden, das die CDU für sich gewinnen kann, während SPD und Grüne ihr Potenzial weitgehend ausgereizt haben.

Mit Manfred Güllner sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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