Politik

Die Griechen sind es leid Warum Tsipras die Wahl gewinnt

2015-01-22T215341Z_350527212_GM1EB1N0B6601_RTRMADP_3_GREECE-ELECTION.JPG1896710594286379288.jpg

Führt die Umfragen an: Alexis Tsipras.

(Foto: REUTERS)

Er wird als "gefährlichster Mann Europas" bezeichnet und als Populist, der Griechenlands Austritt aus der Eurozone riskiert: Alexis Tsipras. Viele Griechen wünschen sich, dass er ihr neuer Regierungschef wird.

Es geht ein Gespenst um in Europa - das Gespenst Alexis Tsipras. Der Chef des Linksbündnisses Syriza hat große Chancen, der nächste Ministerpräsident Griechenlands zu werden. In den Umfragen liegt der heterogene Zusammenschluss aus Sozialdemokraten, Globalisierungskritikern, Marxisten und Intellektuellen vorn. Sogar eine absolute Mehrheit im Parlament ist möglich. Während Tsipras das Ende des rigiden Sparkurses verspricht, warnen seine Gegner, dass er dadurch den Bruch mit der Eurozone riskiere - mit unabsehbaren Folgen nicht nur für Griechenland, sondern für den gesamten Währungsraum.

Und so wird Tsipras nicht müde zu versichern, dass Griechenland in der Eurozone bleiben wird. "Er will auch die Wähler in der Mitte ansprechen", sagt der griechische Politikwissenschaftler Petrus Ioannidis im Gespräch mit n-tv.de. Tsipras wolle ihnen die Furcht vor Syriza nehmen, indem er sie als pro-europäische Partei positioniere. Das scheint ihm zu gelingen. Was auch daran liegen mag, dass seine Rhetorik spürbar zurückhaltender geworden ist.

Der Kern der Botschaft Syrizas lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Hoffnung. Hoffnung ist auch ein Wort, mit dem Sofia Mandilara erklärt, warum sie sich für das Linksbündnis engagiert. "Die Griechen sitzen wegen der Krise zu Hause. Sie gehen nicht ins Kino, nicht ins Theater. Sie setzen keine Kinder in die Welt, sie heiraten nicht", sagt die Athenerin n-tv.de. "Erst wenn die Menschen wieder hoffen, wird es unserem Land bessergehen." Und für viele Griechen verkörpert Syriza diese Hoffnung.

Dabei geht es ihnen nicht nur um Sparkurs oder Schuldenschnitt. Ihr Zorn richtet sich vor allem gegen das politische Establishment - verkörpert von der konservativen Nea Dimokratia und der sozialdemokratischen Pasok. Sie stehen aus Sicht vieler Griechen für Korruption, Vetternwirtschaft und überbordende Bürokratie und werden dafür verantwortlich gemacht, das Land heruntergewirtschaftet zu haben. Jahrzehntelang haben die beiden Parteien gemeinsam rund 80 Prozent der Stimmen bekommen und dabei ihre jeweilige Klientel versorgt. Doch angesichts tiefer Wirtschaftskrise und drohender Staatspleite hat sich das geändert

Die Nea Dimokratia liegt Umfragen zufolge bei rund 30 Prozent, der Pasok werden lediglich zwischen drei und fünf Prozent der Stimmen vorhergesagt. "Der Wähler denkt sich entweder: Ich wähle Tsipras, damit die Regierung weg ist. Oder er denkt sich: Ich wähle Nea Dimokratia, um Tsipras zu verhindern", sagt Politikwissenschaftler Ioannidis.

In einem stimmen Tsipras selbst viele seiner Kritiker zu: Es darf in Griechenland nicht so weitergehen wie bisher. In den Jahren der Krise ist das Bruttoinlandsprodukt um ein Viertel eingebrochen, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 25 Prozent. Bei Jugendlichen ist sie mehr als doppelt so hoch. "Die Schmerzen zahlen sich nicht aus. Die Sparmaßnahmen und die Rezession tun weh, aber die Griechen spüren keinen Nutzen", sagt Nikos Konstandaras, leitender Redakteur der liberal-konservativen Zeitung "Kathimerini". "Die Bürokratie ist nicht effizienter geworden, das Land nicht funktionstüchtiger."

"Volk liegt am Boden"

"Nur Syriza kann Neues errichten", sagt Nikos Xydakis, der für Syriza für das Parlament kandidiert, n-tv.de. Es gehe darum, Arbeitsplätze zu schaffen und den Klientelismus zu beenden. Den Griechen solle wieder ein würdevolles Leben ermöglicht werden. Es herrsche Depression, sagt Xydakis. "Dieses Wort beschreibt zweierlei: den Gefühlszustand und die ökonomische Lage." Das Volk liege am Boden. Tsipras werde es wieder aufrichten.

Und wird es Tsipras gelingen, den Sparkurs zurückzufahren und dennoch weiterhin von der Troika Geld zu bekommen? Der Journalist Konstandaras ist skeptisch: "Wenn Griechenland die Vereinbarungen zu seinen Gunsten ändern will, muss es etwas anbieten. Und ich sehe nicht, dass Syriza etwas anbietet."

"Es wäre ja schon ein Anfang, wenn jemand mit der Troika wirklich verhandeln würde", sagt Syriza-Wählerin Mandilara mit Blick auf den konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras. Unter seiner Führung werde nichts gegen Korruption, Bürokratie und Vetternwirtschaft unternommen. Und nur wenn diese Kernprobleme angegangen würden, würde Griechenlands Wirtschaft gesunden. "Als deutscher Politiker würde ich mich fragen, wie man das geliehene Geld wieder zurückbekommt", so Mandilara. "Von der Nea Dimokrotia jedenfalls nicht."

Quelle: ntv.de