Politik
Freitag, 16. Februar 2018

Tenenbom befragt Polens Premier: "Wo soll Gott Sie abwerfen?"

Polens Premier Mateusz Morawiecki kommt heute zum Antrittsbesuch nach Deutschland. Der israelisch-amerikanische Bestseller-Autor Tuvia Tenenbom traf ihn vorab und sprach mit ihm über vermeintlich faule Polen, fleißige Deutsche, Reparationen - und die Schwierigkeit der Kommunikation.

Tuvia Tenenbom: Polen liegt seit einiger Zeit mit der EU wegen seiner umstrittenen Justizreform über Kreuz. Was entgegnen Sie auf die Kritik aus Brüssel?

Der polnische Ministerpräsident Morawiecki (l.) gemeinsam mit Tenenbom. Tenenbom ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Leiter des Jewish Theater of New York.
Der polnische Ministerpräsident Morawiecki (l.) gemeinsam mit Tenenbom. Tenenbom ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Leiter des Jewish Theater of New York.(Foto: Isi Tenenbom)

Mateusz Morawiecki: Dafür brauche ich viel Zeit und der Vergleich mit Ostdeutschland ist erhellend: In Berlin blieben nach der Wende nur 11 Prozent der Richter im Amt, im Rest der ehemaligen DDR, glaube ich, 30 bis 33 Prozent der Richter und Staatsanwälte. In Polen geschah nichts dergleichen. Alle Richter aus den achtziger Jahren, die Oppositionelle verurteilt hatten, waren in den Neunzigern Teil der Justiz. Viele von ihnen verhielten sich völlig inadäquat. Es wurde eine Art postkommunistisches System aufgebaut. Und viele Menschen, auch ich, wir litten und bluteten, wir wollten das nicht.

Offenbar sind in Brüssel die Gründe für die Justizreform nicht klar geworden. Hat die EU nichts Besseres zu tun, als auf Polen einzuhacken?

Wir hätten einiges viel besser kommunizieren, die Details viel besser erklären müssen. Wenn zwei Parteien nicht miteinander reden, passiert das. Ich gebe mir selbst die Schuld. Wahrscheinlich liegt es auch daran,  dass einige harsche Worte fielen, die zu wechselseitiger Beleidigung führten. Ich werde hier keine Namen nennen.

Aber Polen und die EU reden doch seit zwei Jahren miteinander.

Es war zu wenig und zu spät. Die Diskussion fand manchmal versteckt hinter Mauern statt. Es gab auch viele Missverständnisse. Ansonsten würden viele Aspekte unserer Justizreform, da bin ich mir fast sicher, von unseren Ansprechpartnern wie der Europäischen Kommission gelobt werden.

Das heißt, Polens Justizreform verstößt nicht gegen die Verfassung?

Nein, definitiv nicht.

Wenn Sie Ihre Position der EU erklären, das aber nicht gelingt und Brüssel damit droht, nach Polen weniger Geld zu überweisen: Was werden Sie tun? Werden Sie einlenken oder werden Sie sagen: Behaltet eurer Geld?

In Polen sind wir meilenweit von einer ernsthaften Verletzung der Rechtsstaatlichkeit entfernt. Wenn ich die Situation in Polen mit seinem sehr geringen Maß an Korruption und einer Demokratie, die blüht und gedeiht, etwa mit meinen Freunden aus Bulgarien, Rumänien oder der Tschechischen Republik vergleiche - alles voller Korruption - oder mit Ungarn, lache und weine ich.

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Aber wenn das so klar ist: Warum sieht die EU das nicht?

Das ist eine gute Frage. Wir haben uns nicht gut genug erklärt.

Das heißt, die anderen EU-Länder konnten sich gut erklären - nur die Polen nicht?

Niemand führt so tiefgreifende Reformen durch wie wir. Zum ersten Mal seit 25 Jahren ist eine echte antikommunistische politische Elite an die Macht gekommen.

Wenn die EU nun reagiert, Artikel 7 in Kraft setzt und Polen die Stimmrechte entzogen werden, was machen Sie dann?

Das wird ein sehr trauriger Moment für Europa. Es würde bedeuten, dass es nicht den EU- Verträgen entspricht.

Werden Sie dann nachgeben?

Nein. Die Justizreform hat Priorität für unser Land. Wir halten an den Veränderungen fest, weil wir sie für notwendig halten.

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In Polen hat das Parlament gerade das sogenannte Holocaust-Gesetz gebilligt. Danach, so schreibt die "Washington Post", wird es künftig eine Straftat sein, eine polnische Beteiligung an Verbrechen während des Holocaust zu erwähnen. Ich habe mal mit einem Juden gesprochen, der den Holocaust überlebt hatte und mit anderen Juden in einen Zug steigen wollte, in dem lauter Polen saßen. Sie schossen auf ihn. Wenn jemand künftig so etwas sagt, kommt er dann in Polen ins Gefängnis?

Nein. Diese Person wird nicht vor Gericht gestellt werden. Vielmehr sollten Forschungen durchgeführt und gefördert werden, weil wir die historische Wahrheit ordentlich untersuchen müssen.

Das heißt, das Zitat aus der "Washington Post" ist falsch?

Es ist komplett falsch. Das Holocaust-Gesetz spricht vom polnischen Staat, von der polnischen Nation insgesamt. Es geht nicht darum zu leugnen, dass Menschen Dinge getan haben wie die, von denen Sie sprechen. Natürlich nicht.

Aber warum erklärt die polnische Regierung auch dies nicht richtig? Schließlich haben alle westlichen Medien das so aufgefasst. Ich war gerade in Lodz, einer polnischen Stadt mit einer langen jüdischen Geschichte. In den Straßen ist alles voller antisemitischer Graffiti. Warum kann die Regierung dies nicht für illegal erklären? Warum tolerieren Sie das?

Ich gebe zu, wir müssen hier aktiver werden, um die Graffiti völlig zu beseitigen und zu verbieten.

Warum machen Sie das nicht? In New York muss man dafür ins Gefängnis gehen.

Ich gehe davon aus, dass wenn jemand dabei erwischt wird, er eine Strafe zahlen oder ins Gefängnis muss.

Das passiert nicht.

Wir werden dies ändern. Es muss unter Strafe stehen.

Verkauf sogenannter Jydkies, "kleiner Juden", in Polen.
Verkauf sogenannter Jydkies, "kleiner Juden", in Polen.(Foto: Isi Tenenbom)

Wenn ich nächstes Jahr nach Polen komme, werden die Wände dann sauber sein?

Ja, das hoffe ich. Ich werde entsprechende Anstrengungen unternehmen.

Sie versprechen es mir?

Ja.

Gut, ich werde nächstes Jahr wieder kommen. Nun eine ganz andere Frage: Ist Jerusalem die Hauptstadt von Israel?

Wir haben uns bei der UN-Abstimmung enthalten. Wir waren unter Druck von unseren westeuropäischen Partnern, die in dieser Frage völlig anders denken. Sie sind der Meinung, dass Jerusalem seit 1967 besetzt ist.

Und was denken Sie?

Was ich persönlich denke, kann ich nicht öffentlich sagen.

Was heißt es, dass die EU Druck auf Sie ausgeübt hat? Immerhin sind Sie der Ministerpräsident. Wie sah dieser Druck aus?

Das überlasse ich Ihrer Fantasie.

Eine andere Frage: Glauben Sie, dass die Russen den ehemaligen Präsidenten Lech Kaczynski getötet haben, als sein Flugzeug im April 2010 in Smolensk zerschellte?

Ich halte es für falsch, dass die Russen uns das Flugzeug nicht zurückgegeben haben. Sie sollten offener sein. Denn andernfalls glauben viele Menschen weiter, dass sie etwas verbergen.

Und was glauben Sie?

Ich muss auf die Ergebnisse einer speziellen polnischen Kommission warten, die den Fall untersucht. Diese werden in den nächsten Wochen oder den nächsten 2 Monaten veröffentlicht. Bis dahin werde ich nichts sagen.

Was sagen Sie zum Thema Reparationen? Sollte Deutschland Reparationen an Polen zahlen?

Ja.

Wie viel?

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Das muss noch berechnet werden. Deutschland hat Reparationen an viele andere Länder bezahlt. Polen war nach 1945 vollkommen zerstört und hat insgesamt nur 1,5 Prozent aller Reparationszahlungen bekommen.

Sie haben einige Zeit in Deutschland verbracht. Gibt es etwas, was Sie an Deutschen mögen?

Den wirtschaftlichen Erfolg und das gute Organisieren. Die Deutschen sind sehr ordentlich, sie haben einen systematischen Ansatz, sind pünktlich, diszipliniert und arbeiten viel.

Wie definieren Sie im Vergleich dazu den polnischen Charakter?

Wir sind Freiheitskämpfer. Die Demokratie ist sehr wichtig für uns. Daher geht der Vorwurf, dass wir diese beschneiden, am Punkt vorbei. Wir sind kreativ, aber nicht systematisch genug.

Faul?

Nein, das würde ich nicht sagen, wenn ich sehe, wie viele Stunden wir arbeiten.

Was ist einzigartig an Polen?

Gastfreundschaft, Offenheit, Wohlwollen gegenüber anderen - das sind Eigenschaften, die ich als typisch polnisch bezeichnen würde. Und Kreativität. Und zu viel Individualismus. Zu wenig Einsatz für gemeinsame Ziele, außer in sehr schwierigen Zeiten von Krieg und Aufständen.

Mir ist aufgefallen, dass die Polen das Gefühl haben, nie genug vom Rest der Welt anerkannt zu werden. Fühlen sich die Polen nicht richtig wertgeschätzt?

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Das ist eine sehr interessante Beobachtung. Ich glaube, ich würde sie unterschreiben. In Deutschland glauben sie, dass es der Fall der Berliner Mauer gewesen sei, der den Wandel eingeläutet habe. Aber die Deutschen haben nichts getan, um diese Veränderungen herbeizuführen. Trotzdem war es plötzlich die Mauer statt Solidarnosc, Ronald Reagan und Johannes Paul II. Polen fühlten sich von der Geschichte betrogen.

Jaroslaw Kaczynski, den Chef der jetzt regierenden PiS-Partei, beschreibt jeder unterschiedlich. Wie sehen Sie ihn?

Er ist lebendig, klug und ganz und gar nicht mysteriös. Er ist ganz anders als die Leute ihn beschreiben, besonders die ausländische Presse. Er verfügt über einen großen Sinn für Humor, ist selbstkritisch, hat ein großes Wissen.

Er lebt allein mit seiner Katze?

Er ist unverheiratet.

Und er ist nicht schwul?

Nein.

Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?

Sie ist gut. Er ist der Chef der regierenden Partei.

Wenn Gott zu Ihnen käme, bevor Sie noch einmal geboren würden, und zu Ihnen sagte: "Mateusz, ich werde dich auf die Erde schicken, deine Seele da unten abwerfen. Wo wärst du gerne? In welchem Land?"

Dort wo ich bin. Ich möchte gerne in Polen abgeworfen werden.

Warum?

Wir können eine sehr positive Rolle in der zukünftigen Entwicklung Europas spielen. Trotz allem, was manche Leute in Brüssel über uns denken, sind wir sehr proeuropäisch. Selbst wenn es trivial klingt: Wir können das fehlende Bindeglied zwischen dem Osten und dem Westen sein.

Aber Herr Ministerpräsident, Sie sind nur ein Säugling, ein kleines Baby im Himmel! Sie wissen nichts von Bindegliedern zwischen Ost und West. Gott sagt zu Ihnen: "Schau dir die Leute da unten an." Er zeigt Ihnen all die Leute, und Sie müssen sich entscheiden.

Ich wäre definitiv gerne ein Fußballspieler geworden und hätte die Weltmeisterschaft gewonnen. In Polen natürlich. Weil es das Land mit der schönsten Geschichte ist, das auch ein Signal für die Zukunft setzen kann. Wenn wir unsere guten Eigenschaften auf eine bessere Art einsetzen, können wir viel zu einer besseren Welt beitragen.

Quelle: n-tv.de