Österreich-Newsletter

Kurz' Spiel mit der Angst Der Babyelefant ist das Maß aller Dinge

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei ntv.de!

"Heraus zum 1. Mai", das bekommt in Österreich heute einen ganz anderen Klang. Normalerweise dominiert die SPÖ den Tag der Arbeit mit großen Mai-Aufmärschen, heute erlaubt die Corona-Krise nur eine virtuelle Kundgebung - dafür dürfen die Menschen im Land aber seit Mitternacht wieder ohne besonderen Grund auf die Straße gehen und sich mit Freunden treffen.

Wie Österreich Seit' an Seit' (aber mit einem Babyelefanten Abstand) in die "neue Normalität" schreitet, lesen Sie in dieser Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Ein geleaktes Protokoll wirft heikle Fragen zu Sebastian Kurz' Krisenstrategie auf. Und Markus Söder ... ach, sehen Sie selbst.

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waschlnass: völlig durchnässt

Das Wichtigste zuerst: Es regnet, es regnet, die Erde wird nass. In weiten Teilen Österreichs kommt in diesen Tagen ergiebiger Landregen runter, und das ist auch bitter nötig. Seit Monaten trocknet das Land regelrecht aus, zwischen 40 und 50 Prozent weniger Niederschlag als üblich verzeichneten die Meteorologen im März und im April. Dazu kommen die Hitze (der April war zwei Grad wärmer als im langjährigen Mittel) und warmer Wind, der den Boden angreift. Unerfreulich vor allem für Bauern: Ihre Brunnen versiegen; weil das Gras nicht wächst, müssen sie Futter nachkaufen.

Noch unerfreulicher sind die Aussichten: Um die Wasserspeicher nachhaltig aufzufüllen, müsste es im Mai quasi wochenlang regnen, was eher nicht passieren wird. Und laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik steht "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" der nächste Hitzesommer vor der Tür.

Das wird nicht nur die Landwirte vor Probleme stellen, sondern auch die Österreicher, die in den Häuserschluchten der Städte vor sich hin brutzeln. Immerhin: Die Lockerungspläne der Regierung sehen vor, dass Freibäder ab Ende Mai wieder öffnen dürfen. Wie das Corona-konform ablaufen könnte, hat die Stadt Wien unter der Woche skizziert: Mit Abstand auf den Liegewiesen und Zugangsbeschränkungen zum Pool, überwacht vom "Beckenmanager" formerly known as Bademeister.

Ob im Freibad, in der Schule oder im Kaffeehaus: Wo Österreich aufsperrt, wird es kompliziert. Wer zum Beispiel ab 15. Mai in ein Wirtshaus gehen will, kann das tun, sich den Tisch aber nicht frei auswählen. Beim Eintritt und beim Gang aufs Klo muss ein Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt werden, wie ab sofort in allen geschlossenen öffentlichen Räumen. An einem Tisch dürfen höchstens vier Erwachsene plus Kinder Platz nehmen, der Sicherheitsabstand zu anderen Gästen beträgt ein Meter, gemessen an den Schultern.

Die Distanz von einem Meter zu allen Menschen, mit denen man nicht in einem gemeinsamen Haushalt lebt, bleibt auch mit der "Covid-19-Lockerungsverordnung" die goldene Regel für die "neue Normalität" (Sebastian Kurz). Wer einen Meter schlecht abschätzen kann, dem hat die Regierung in ihrer Informationskampagne eine merkwürdige, ähm, Eselsbrücke gebaut: Das ist so viel wie ein Babyelefant.

*Datenschutz

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"Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona verstorben ist." Mit diesen drastischen Worten verteidigte Sebastian Kurz Ende März die harten Covid-19-Maßnahmen in Österreich. Die Infektionsrate war im Sinkflug, die Debatte um Lockerungen flackerte auf. Doch Kurz warnte: "Die Wahrheit ist: Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Wie grausam dieser Sturm sein kann, sieht man in Italien."

Kurz, der in der Migrationspolitik stets betont, man dürfe sich nicht von schlimmen Bilder leiten lassen, malte den Österreichern also Horrorszenarien aus - offenbar als gezielte Strategie, wie ein Protokoll nahelegt, über das der ORF am Montag berichtete. In einer Besprechung am 12. März habe Kurz demnach gesagt, "dass die Menschen vor einer Ansteckung Angst haben sollen bzw. Angst davor, dass Eltern/Großeltern sterben." Nicht das einzige Indiz dafür, dass die Regierung der Bevölkerung gezielt Angst gemacht hat, um sie zu disziplinieren. Ich habe die ganze Geschichte hier aufgeschrieben.

Der Kollege Volker Petersen hat sich derweil mit Sebastian Kurz' Buhlen um die deutschen Touristen beschäftigt. Zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder scheint immun gegen den Wiener Charme - im "ZDF Spezial" vom Donnerstag konterte er Kurz mit einem Satz, der entweder genial ist oder komplett deppert: "Wer Österreich genießen will, kann das auch in Bayern tun." Denken Sie mal drüber nach. Aber nicht zu lange, es ist ja Feiertag.

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++ Stand Freitag 8 Uhr verzeichnet Österreich 15.461 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 584 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Die Zahl der aktiven Infektionen ist unter 2000 gesunken, derzeit sind es 1.961 Erkrankte. ++ Immer konkreter werden die Pläne der Formel 1 für einen doppelten Saisonauftakt auf dem Red Bull Ring in Spielberg. Der erste Durchgang könnte am 5. Juli starten, eine Woche später würde Nummer 2 folgen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober macht sein Okay "total vom Sicherheitskonzept der Veranstalter" abhängig. ++ 410 Millionen Euro Kreditgarantien, 90 Millionen Euro Fixkostenzuschuss, 267 Millionen Euro Eigenkapital: Die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines beantragt insgesamt 767 Millionen Euro Staatshilfe. "Eine Hilfe ohne Vorteil für den Standort Österreich wird es nicht geben", sagte Kanzler Kurz nach einem Treffen mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwoch. Im Gespräch ist u.a. eine umweltfreundlichere Ausrichtung durch den Verzicht auf Kurzstrecken. ++ Opernball ohne Mörtel? Der neue Chef der Staatsoper Wien, Bogdan Roscic, sorgt zum Einstand gleich mal für Zoff und stellt in einem Interview mit der "Krone" den Anspruch von Richard Lugner auf eine Loge in Frage. Der Baumeister ist not amused: "Als Stammgast, der 30 Jahre lang in guten und in schlechten Zeiten brav seine Loge gezahlt und mit seinen Gästen für weltweite Aufmerksamkeit für Wien und den Opernball gesorgt hat, halte ich das für eine fragliche Lösung". ++

Zum Abschluss noch eine Meldung, die mich amüsiert und beruhigt hat: Man muss kein Piefke sein, um sich in Österreich "Lost in Translation" zu fühlen. In Tirol rasselte ein angetrunkener Wiener in einem Lokal eine ungesicherte Treppe hinunter - er hatte den Wirt nach dem Weg zum WC gefragt, die Antwort im breitesten Dialekt aber schlicht nicht verstanden und die falsche Abzweigung genommen. Der Oberste Gerichtshof entschied nun: Dem Verunglückten steht eine Entschädigung wegen der gemeingefährlichen Treppe zu, aber nicht die volle Summe - er hätte ja ruhig nochmals nach dem Weg fragen können. Aus Erfahrung mit dem Tiroler Zungenschlag sei gesagt: Das hätte auch nichts gebracht.

Ihnen wünsche ich ein stolperfreies langes Wochenende - wenn Sie Lob, Kritik, Wünsche oder Anregungen loswerden möchten, schreiben Sie mir gern eine Mail. Wenn Sie diesen Newsletter bequem jeden Freitag per Mail erhalten wollen, tragen Sie sich bitte einfach hier in den Verteiler ein.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de