Person der Woche

Person der Woche Angela Merkel, die XXL-Kanzlerin

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Das Griechenland-Drama kommt zur Entscheidung, der G7-Gipfel beginnt, Russland provoziert und Großbritannien will eine neue EU. Angela Merkel fällt in diesen Tagen die Schlüsselrolle der Weltpolitik zu.

Das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat Angela Merkel soeben zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. In dieser Woche zeigt sich (wie selten zuvor) warum. Die Bundeskanzlerin ist zur unumstrittenen Führungskraft Europas aufgestiegen und steht nun vor einem Definitionsmoment ihrer Kanzlerschaft. Vier Konstellationen spielen dabei eine Rolle:

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(Foto: dpa)

Erstens erreicht das Griechenland-Drama seinen Entscheidungsmoment - und es liegt am Ende an Merkel persönlich, ob Athen im Euro gehalten oder ins währungspolitische Exil geschickt wird. Die Links-Grobiane um Tsipras, Varoufakis & Co. haben über Monate hinweg alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, wenn man pleite ist. Sie beschimpften und brüskierten ihre Helfer, verstiegen sich in ideologische Debatten, fällten chaotische, schädliche Entscheidungen und benahmen sich wie Poltergeister und Amateure. Gerade Deutschland im Allgemeinen und Angela Merkel im Besonderen wurde aus Athen kübelweise mit rhetorischem Dreck beworfen.

Geduld einer Teppichweberin

Jeder andere Regierungschef hätte den Griechen längst den Rücken gekehrt. Angela Merkel hingegen steckt jede Attacke und Beleidigung mit der robusten Grundruhe einer deutschen Eiche unsichtbar weg. Sie will Griechenland in der Euro-Familie halten und arbeitet mit der Geduld einer Teppichweberin Knoten für Knoten am neuen Webmuster eines unseriösen Landes mit dem Rest Europas. Sollte ihr das Kunststück gelingen, die Griechen wieder auf Reformkurs zu zwingen, ohne dass am anderen Ende die solideren Europäer revoltieren, das EU-Gebäude mitsamt Euro an Integrität verliert und Rechts- wie Linkspopulisten letztlich obsiegen, dann hätte sie eine historische Leistung als Versöhnerin Europas vollbracht.

Die zentrifugalen Kräfte der EU sind freilich gewaltig. Denn, zweitens: Angela Merkel muss in diesen Tagen auch das andere Ende des Euro-Spektrums integrieren: die Briten. David Cameron fordert - mit einigem Recht - grundlegende EU-Reformen. Sein Europa soll marktwirtschaftlicher, schlanker, subsidiär, bürgerlicher werden - also genau das Gegenteil dessen, was die Linke Südeuropas derzeit will. Cameron reist in diesen Tagen durch Europa, um auszuloten, was an Reformen möglich ist - oder ob Großbritannien aus der zentralistischen Union austreten muss. Auch hier kommt Merkel die Schlüsselrolle bei der Ausbalancierung der künftigen EU zu. Mehr noch als die Griechen will sie die Briten unbedingt in der Union halten, und auch hier hat sie eine Strategie der geduldigen Konsens-Suche eingeleitet, bei der am Ende just in Berlin alle Fäden zusammen laufen.

Fäden der Weltpolitik an sich gezogen

Drittens sortiert sich das Verhältnis des Westens mit Russland gerade neu, vieles fühlt sich bereits nach einem neuen Kalten Krieg an. Die Bundeskanzlerin hat freilich hinter den Kulissen eine Phase der Deeskalation eingeleitet. Während Briten, Amerikaner und Osteuropäer noch über Moskau entsetzt sind und nach neuer Härte suchen; Frankreich, die Iberer und Italien unsicher bleiben und keine rechten Zugänge nach Russland haben, da fällt Deutschland die Schlüsselrolle als Brückenbauer zu. Merkel hat nach Westen eine gute Glaubwürdigkeit, weil sie gegenüber Putin selbstbewusst-kritisch auftritt, Sanktionen betreibt und Unrecht offen anprangert. Zugleich aber hält sie sich die Türen offen und signalisiert Putin, dass sein Weg zurück nach Westen über Berlin führen kann.

So ist es Merkel also systematisch gelungen, die großen Fäden der Weltpolitik an sich zu ziehen, wie dies unter den bundesrepublikanischen Kanzlern nur Helmut Kohl geschafft hat. Just in dieser Woche wird ihre Schlüsselrolle aller Welt sichtbar, weil der G7-Gipfel unter ihrer Ägide in Deutschland beginnt. Dabei ist sie nicht nur Gastgeberin, sie ist erstmals Gestalterin und Agenda-Setterin - auch weil die anderen Gipfelisten schwächeln: US-Präsident Obama ist ohne parlamentarische Mehrheit und mit schlechten Umfragewerten ein gefesselter Präsident auf Abruf. Frankreichs Hollande, Italiens Renzi und Japans Abe haben mit schweren wirtschaftlichen Problemen in ihren Ländern zu kämpfen. Cameron sucht seine Rolle in und mit Europa.

Und so ist das wirtschaftlich vor Kraft strotzende Merkel-Deutschland mit seiner stabilen Regierung nach innen und seiner geduldig integrierenden Strategie nach außen derzeit eine echte Friedensmacht. Schon um diese historische Situation nicht zu verderben, wird Angela Merkel in dieser Woche die Griechenlandrettung auch um einen hohen Preis ermöglichen. Tsipras hat Glück, dass er just in dem Moment mit der mächtigsten Frau der Welt einen Verteilungskampf finalisiert, da sie in jeder Beziehung stark und generös ist.

Quelle: n-tv.de

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