Pressestimmen

Die Macht der Bilder von Idomeni "Seht her, auf euch wartet nur neues Elend"

50070881.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Wochen des Zögerns zieht die griechische Regierung die Notbremse und räumt das illegale Grenzlager Idomeni. Ein längst überfälliger Schritt, wie die Kommentatoren der Tageszeitungen feststellen. Was bleibt, sind Berichte des Schreckens und die Erkenntnis, dass das Element der Abschreckung ebenso wenig fehlen darf. Denn die Macht der Bilder ist enorm und sendet eine eindeutige Botschaft in die Herkunftsländer: Hier wartet das Elend.

Die Welt aus Berlin zieht nach Beginn der mehrtägigen Räumung des illegalen Flüchtlingslagers von Idomeni ein eindeutiges Fazit: "Es ist gut, dass dieser Ort geräumt wird. Und es ist noch besser, dass dies ohne Gewalt und Protest vonstatten geht." Da die Balkanroute unumkehrbar zu bliebe, habe die Flüchtlingskrise einen gewissen Punkt ohne Rückkehr erreicht, schreibt das Blatt. Idomeni könne dementsprechend nicht mehr als Wartesaal für die Weiterreise gelten. Auch für die Flüchtlinge gilt die Erkenntnis:" Sie haben gemerkt und verstanden, dass sie nicht in einem Treck des Willens weiterkommen, mit der Macht ihrer Masse, sondern dass sie sich der staatlichen Erfassung und Betreuung ergeben müssen." Die Kommentatoren kritisieren zudem das anfängliche Versagen der griechischen Behörden und halten fest: "Idomeni wurde zur Falle und zum Schlammloch".

Die Kommentatoren der Frankfurter Allgemeinen Zeitungen erinnern an die Macht der Bilder: "Die Fotos aus Idomeni wirkten, mancher in der EU setzte darauf, als Korrektive zu den Flüchtlings-Selfies der Kanzlerin." Zwar hätten die Verhältnisse im illegalen Lager niemanden kalt lassen können, doch: "die Fotos und Berichte von dort brachten nicht einmal mehr die Bundeskanzlerin dazu, noch einmal Barmherzigkeit vor Recht ergehen zu lassen". Auf dem Weg von einem chaotischen Umgang mit der Flüchtlingskrise hin zu einer geordneten Migrationspolitik hätte das Element der Abschreckung nicht fehlen dürfen, konstatiert die FAZ. Insgesamt hätten die Bilder der menschenunwürdigen Zustände im Grenzlager eine Botschaft in die Welt gesandt: "Irreguläre Migration auf der Balkanroute endet (...) im Schlamm an der Grenze zu Mazedonien."

Einen vergleichbaren Schluss zieht die Westdeutsche Allgemeine Zeitung angesichts der schockierenden Bilder inmitten von Europa. Während viele Menschen entsetzt seien, so sehr setzten andere – mächtige – auf eben dieses Entsetzen. Es sei zwar zynisch, doch die Bilder des Elendes sollten vor allen im den Herkunftsländern der Flüchtlinge eine gezielte Botschaft vermitteln, schreibt die WAZ: "Seht her, auf euch wartet in Europa nicht das Paradies sondern nur neues Elend." Die Zeitung nimmt zudem die EU mit ihren 500 Millionen Bürgern in die Pflicht: "Dass sich die EU (…) nicht um das Schicksal einiger Hunderttausend akut bedrohter Menschen kümmert, gereicht diesem so reichen Kontinent zur Schande."

Für die Sächsische Zeitung bleiben die Berichte aus Idomeni als dunkle Seite der europäischen Flüchtlingspolitik in Erinnerung: "Idomeni zeigt - vor unserer Haustür, jedenfalls innerhalb eines Landes der einst so stolzen Europäischen Union - die immer noch dunkle Seite der Flüchtlingspolitik." Zwar möge sich die Flüchtlingskrise beruhigt haben, stellen die Kommentatoren der Zeitung fest, doch viele Tausend Menschen seien immer noch auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Not. Zwar sei es richtig, dass Deutschland nicht alle notleidenden Menschen auf der Welt aufnehmen könne: " Aber das heißt nicht, dass uns ihr Schicksal wurscht sein sollte. Es gab doch mal den humanitären Imperativ."

Auch die Heilbronner Stimme räumt Idomeni einen besonderen Status in der Migrationspolitik der EU ein: "Idomeni ist zum traurigen Symbol geworden: für das Scheitern einer humanen Flüchtlingspolitik." Das nun geräumte Grenzlager stehe für das schlechte Gewissen und dafür, dass es lange Zeit nicht möglich war, den unkontrollierten Zustrom nach Norden zu stoppen. Auf der anderen Seite, stellt die Zeitung aus Heilbronn fest, gebe es aber auch kein Zurück mehr "zu der Zeit, als die Westbalkanroute offen stand und Länder mehr oder weniger großzügig Flüchtlinge durchwinkten." Insgesamt, schreiben die Kommentatoren aus Heilbronn, markiere Idomeni für die EU das, "was man im Fußball einen schmutzigen Sieg nennen würde." Der ginge auf Kosten vor allem eines Landes: Griechenland.

Zusammengestellt von Judith Günther

Quelle: n-tv.de