Ratgeber

Tenhagens Tipps Keine Krankenversicherung? So handeln

55573978.jpg

Nicht geleistete Beiträge der letzten Jahre müssen nachgezahlt werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Gleiches gilt wohl für die Krankenversicherung. Trotz entsprechender Versicherungspflicht besitzen hunderttausende Menschen hier keine Absicherung. Wie Betroffene dies ändern können, verrät Finanztip-Chef Tenhagen.

Wie kann es denn sein, dass es hierzulande Menschen gibt, die nicht krankenversichert sind, obwohl in Deutschland eine Versicherungspflicht besteht?

Ja, eine Versicherungspflicht besteht zwar, die wird aber bei privat- oder freiwillig-gesetzlich- Versicherten nicht kontrolliert. Wenn also jemand seine Krankenkasse aus welchen Gründen auch immer verlässt, wird nicht überprüft, ob im Gegenzug auch eine neue Versicherung abgeschlossen wird.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Früher gab es zusätzlich das verbreitete Phänomen, dass Beamte - die ja einen Anspruch auf Beihilfe haben - der Meinung waren, dass sie gar keine Versicherung benötigen, da die Beihilfe ja zwischen 50 und 70 Prozent der Krankheitskosten übernimmt. Die haben es dann drauf ankommen lassen oder sich aber nur einen ganz schmalen Tarif für stationäre Behandlung geleistet.

Dann gibt es Menschen, die jahrelang ihre Versicherung nicht gezahlt haben und sie infolgedessen verloren haben. Dann gibt es Personen, die aus dem Ausland zurückkommen und sich nicht wieder anmelden. Hinzu kommen noch Zuzügler aus dem EU-Ausland, die hier selbständig sind und keine Krankenversicherung abschließen. Wer hingegen angestellt ist, landet automatisch in einer Krankenversicherung.

Wie viele Menschen haben denn in Deutschland keine Krankenversicherung?

Das Statistische Bundesamt befragt dazu alle vier Jahre ein Prozent aller Haushalte in Deutschland - im sogenannten Mikrozensus. Demnach sind es 143.000 Betroffene. Dabei dürfte es sich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Untergrenze handeln. Weil zum Beispiel Obdachlose und auch einige der genannten Gruppen nicht erfasst sind. Sozialverbände in einzelnen Städten zählen allein schon zehntausende Menschen, die ohne eine Krankenversicherung leben - beispielsweise in Berlin. In jedem Fall betrifft dieses Problem mehrere 100.000 Leute.

Und wie können die wieder in einer Krankenversicherung unterkommen?

Im Prinzip kann jeder immer in die Kasse oder Versicherung zurückkehren, in der er zuletzt war. Dann stellt sich allerdings die Frage, mit welchen Kosten das verbunden ist. Bei den Privaten gilt die Regelung, dass man in den Basistarif kann. Der Beitrag wird halbiert, wenn man kein Geld hat. Wenn das immer noch nicht reicht, tritt dann das Sozialamt da mit ein. Zusätzlich zu den laufenden Beiträgen müssen Privatversicherte aber auch noch nachzahlen für die Zeit ohne Versicherung.

Bei hohen Beitragsschulden bleibt dann oft nur noch der sogenannten Notlagentarif, welcher dann noch günstiger ist. Hier ist dann aber nur noch eine absolute Schmerz- und Notbehandlung abgedeckt. Sonst nix. Immerhin rund 100.000 Versicherte müssen sich mit dem Notlagentarif behelfen.

Und wer wieder in die gesetzliche Krankenkasse rein möchte oder muss?

Dann kann es teuer werden. Denn nicht geleistete Beiträge der letzten Jahre müssen nachgezahlt werden. Gerechnet wird frühestens ab dem Beginn der Versicherungspflicht in 2007. Allerdings gibt es einen Nachlass auf Beiträge und die Krankenkassenschulden verjähren in vielen Fällen nach vier Jahren, so dass am Ende idealerweise nur ein paar tausend Euro gezahlt werden müssen und hoffentlich keine fünfstelligen Beträge. Aber auch dies dürfte für jemanden, dessen Leben finanziell auf Kante genäht ist, zu viel sein. Was dann dazu führt, dass Betroffene dies gar nicht machen. Und das, obwohl Ratenzahlung für die Altschulden der GKV eigentlich auch ermöglicht werden sollten.

Wie kann denen den geholfen werden? Beziehungsweise, was ist, wenn solche Menschen wieder in ein Angestelltenverhältnis möchten, wo sie ja in aller Regel pflichtversichert sind?

Dann hilft eigentlich nur ein Schuldenberater. Im Rahmen einer Privatinsolvenz werden ja auch Schulden bei der Krankenkasse beerdigt. Wobei Schuldnerberater hinter vorgehaltener Hand sagen, dass kaum ein Gläubiger so hartnäckig sei wie Krankenkassen.

Wo können sich Betroffene am besten beraten lassen?

Mehr zum Thema

Das eine ist, dass bei der Unabhängigen Patientenberatung angerufen werden kann, die können schon mal ein Stück weiterhelfen. Das andere sind klassischerweise die Sozialverbände, die sich der Problematik annehmen. Und natürlich auch ein Schuldnerberater. Wobei hier natürlich immer ein kommunaler genommen werden sollte, der nix kostet.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Axel Witte

Quelle: ntv.de