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Dass eine Versicherung sinnvoll wäre, merkt man oft erst, wenn es schon gekracht hat.
Dass eine Versicherung sinnvoll wäre, merkt man oft erst, wenn es schon gekracht hat.(Foto: imago stock&people)
Mittwoch, 21. September 2016

Arag versichert, wenn's zu spät ist: Rechtsschutz rückwirkend - wie geht das?

Von Isabell Noé

Dass eine Versicherung ganz sinnvoll sein kann, merkt man oft erst, wenn man den Schaden schon hat. Nur ist es dann für den Abschluss zu spät. Normalerweise. Bei der Arag kann man Verkehrsrechtsschutz jetzt auch rückwirkend abschließen. Was bringt das?

Es gehört zu den Grundprinzipien von Versicherungen, dass man sie abschließt, solange man sie noch nicht braucht. Der Abschluss einer Hausratversicherung bringt nichts mehr, wenn die Einbrecher schon da waren. Die Zahnzusatzversicherung hilft nicht, bestehenden Lücken im Gebiss zu füllen. Und für die Rechtsschutzpolice ist es zu spät, wenn der Streit zum Zeitpunkt des Abschlusses schon schwelt. Die Arag stellt dieses Prinzip nun auf den Kopf. Der derzeit beworbene "Verkehrs-Rechtsschutz sofort" soll Kunden aus der Patsche helfen, wenn es bereits gekracht hat. Wie funktioniert das und wo ist der Haken?

Die Werbung klingt gut: Die Versicherung leistet nicht nur ohne die sonst oft übliche Wartezeit, sondern auch für Fälle, die bis zu drei Monate zurückliegen. War man beispielsweise im Juli in einen Unfall verwickelt, kann man sich im September immer noch Rechtsschutz sichern. Dabei übernimmt die Arag zunächst mal die Kosten für einen Anwalt. Kommt keine außergerichtliche Einigung zustande, bezahlt sie auch die Prozesskosten, Zeugenentschädigungen und gegebenenfalls Gutachter, die vom Gericht bestellt werden.  

Nicht alles ist versichert

Rückwirkend versichert sind Unfälle und Verkehrsordnungswidrigkeiten. Dazu gehören zum Beispiel Rotlichtverstöße und Tempoüberschreitungen. Viele Bereiche, die sonst zu Verkehrsrechtspolicen gehören, klammert die Arag beim nachträglichen Rechtsschutz aber aus. Steuer- und Verwaltungsrechtsschutz etwa gibt es nur für Fälle, die sich während der Vertragslaufzeit ereignen. Wer sich jetzt schon mit dem Führerscheinamt wegen einer MPU herumärgert, dem ist mit dem Sofortschutz also nicht geholfen. Auch bei Vertragsstreitigkeiten, wie sie beispielsweise beim Gebrauchtwagenkauf vorkommen können, greift die Police nicht rückwirkend.

Verkehrsstraftaten sind auch höchstens dann versichert, wenn man sie während der Vertragslaufzeit begangen hat. Bei Straftaten geht es insbesondere um fahrlässige Körperverletzung, etwa bei Unfällen unter Alkoholeinfluss. Bei vorsätzlichen Straftaten zahlt die Arag nicht. Das tut aber auch keine andere Rechtsschutzversicherung.

Den Sofort-Schutz kann man nur abschließen, wenn man sich nicht schon selbst um einen Anwalt gekümmert hat. Damit ist der Kreis der möglichen Kunden schon etwas eingeschränkt. Denn oft gehen die Betroffenen nach einem Unfall sofort zum Anwalt, insbesondere dann, wenn sie davon ausgehen, dass sie unschuldig sind und die gegnerische Versicherung alles bezahlt. Stellt sich dagegen erst im Laufe der Zeit heraus, dass es Ärger bei der Regulierung gibt, ist die Dreimonatsfrist womöglich schon abgelaufen. 

Nicht jeder wird genommen

Ist dagegen von vornherein klar, dass der potenzielle Kunde schlechte Karten hat, wird er womöglich auch gar keinen Versicherungsschutz bekommen. Denn den Sofort-Rechtsschutz gibt es nur nach vorheriger Risikoprüfung. Von Fällen mit wenig Erfolgsaussichten oder hohem Streitwert lässt die Arag lieber die Finger, das bestätigte der Arag-Produktmanager Zouhair Haddou-Temsamani dem Versicherungsmagazin. Wer einen Online-Antrag ausfülle, werde persönlich kontaktiert und dann spreche man den Fall mit dem potenziellen Kunden durch, so Haddou Temsamani weiter.  

Nun liegen die Kosten für Rechtsschutz bei Ordnungswidrigkeiten eher selten im vierstelligen Bereich. Da stellt sich die Frage, ob sich die Sache für die potenziellen Kunden überhaupt lohnt. Das kann sich jeder selbst ausrechnen, denn die Preise sind transparent: Wer kein Fahrzeug besitzt, zahlt 17,75 Euro im Monat, für einen Haushalt mit einem Fahrzeug werden 20,42 Euro fällig und bei mehreren Autos oder Motorrädern liegt der Preis bei 22,21 Euro. Das sind pro Jahr zwischen 213 und 266 Euro. Wenn man keinen Anwalt aus dem Arag-Netzwerk nutzt, kommen 150 Euro Selbstbehalt dazu.

Doppelt so teuer wie normal

Zum Vergleich: Normale Rechtsschutztarife ohne Selbstbehalt, die bei der Stiftung Warentest "sehr gut" abschneiden, gibt es ab 100 Euro, Familien mit mehreren Autos sind ab rund 130 Euro dabei. Der Sofort-Tarif ist also etwa doppelt so teuer wie andere Rechtsschutzpolicen. Einfach abschließen und nach der Schadensregulierung sofort wieder kündigen ist bei der Arag natürlich nicht drin. Man ist für drei Jahre gebunden. In dieser Zeit kommen zwischen  640 Euro und 800 zusammen. Natürlich ist man während dieser drei Jahre auch bei neuen Rechtsstreitigkeiten geschützt. Nur könnte man diese Sicherheit eben anderswo auch deutlich billiger haben.

Also: Abschließen oder Finger weg? Das kommt darauf an. In den Fällen, die überhaupt von der Arag angenommen werden, ist das Kostenrisiko meist überschaubar. Wer den Rechtsstreit auch selbst bezahlen könnte, sollte sich gut überlegen, ob er sich auf den teuren Dreijahresvertrag einlässt. Wer dagegen beispielsweise um seinen Führerschein kämpft und sich einen Anwalt oder Gerichtsprozess derzeit nicht leisten kann, könnte über den Deal nachdenken. Wichtig: Sinnvoll ist das Ganze nur, wenn man den teuren Tarif auch rechtzeitig wieder kündigt. Sonst zahlt man am Ende doch noch drauf.

Rechtsschutzversicherung: Hier geht's zum Vergleich

Quelle: n-tv.de