Ratgeber

KGV hat keinen Sinn mehr So finden Anleger jetzt günstige Aktien

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Generell gilt: Je mehr Kennzahlen ein Anleger nutzt, desto besser kann er den Wert einer Aktie einschätzen.

(Foto: imago/Schöning)

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist wohl die am meisten gebrauchte Kennzahl für die Bewertung von Aktien. Doch in der Corona-Krise funktioniert sie nicht mehr. Dasselbe gilt für die Dividendenrendite. Andere Kennzahlen sind hilfreicher.

Börsianer halten sich immer zugute vorauszuschauen. In normalen Zeiten ist das durchaus sinnvoll. So erfolgt die Berechnung des KGVs auf dem erwarteten Gewinn je Aktie, durch den der Aktienkurs dividiert wird. Basis wäre jetzt also eigentlich der Gewinn, mit dem für das laufende oder das kommende Geschäftsjahr zu rechnen ist.

Nun weiß jedoch zurzeit kein Mensch und auch kein Aktienanalyst, wie lange der Shutdown der Wirtschaft noch dauern wird und welche Folgen das für die Unternehmen hat. Gewinnschätzungen kommen in diesem Umfeld einem Würfelspiel gleich. Die Schätzungen der Unternehmensanalysten helfen da auch kaum weiter. Denn erfahrungsgemäß passen sie ihre Prognosen dem Umfeld meistens mit einer größeren zeitlichen Verzögerung an.

Blick in die Vergangenheit

In diesem völlig unsicheren Umfeld ergibt es mehr Sinn, sich auf Fakten zu stützen, also für die KGV-Berechnung die in der Vergangenheit erzielten Gewinne eines Unternehmens zu nutzen. Um Ausreißer nach oben oder unten zu eliminieren, bietet es sich an, die Gewinne mehrerer Jahre heranzuziehen. Der Anleger kann also beispielsweise eine Aktie anhand der Gewinne der zurückliegenden zehn Jahre bewerten. So bekommt er ein Gefühl dafür, wie viel ein Unternehmen in normalen Jahren durchschnittlich verdient.

Daimler
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Beispiel Daimler: Der Konzern hat in den vergangenen zehn Jahren einen Gewinn je Aktie zwischen 2,22 Euro im Jahr 2019 und 9,61 Euro im Jahr 2017 erzielt. Im Durchschnitt lag der Gewinn je Aktie bei Daimler von 2010 bis 2019 bei 6,30 Euro. Bei einem aktuellen Kurs von 28,64 Euro ergibt sich ein durchschnittliches KGV von 4,5. Das gilt selbst für die generell eher niedrig bewerteten Autoaktien als preiswert. Das sogenannte Shiller-KGV, entwickelt von dem amerikanischen Nobelpreisträger Robert Shiller, nutzt ebenfalls die Gewinne der vergangenen zehn Jahre - und zwar die inflationsbereinigten. Dies ist allerdings für den Kleinanleger in der Regel nicht ganz so einfach zu berechnen.

Dividendenrendite mit Fragezeichen

Eine weitere beliebte und häufig genutzte Kennzahl ist die Dividendenrendite, also der Gewinn je Aktie, der ausgeschüttet wird. Nun ist es in diesem Jahr jedoch keineswegs gesagt, dass die ursprünglich angekündigten Dividenden auch tatsächlich gezahlt werden. Der Hersteller von Flugzeugtriebwerken MTU hat bereits bekannt gegeben, die Ausschüttung von 3,40 je Aktie zu streichen. Bei MTU handelt es sich immerhin um einen Dax-Wert. Der britische Konkurrent Rolls-Royce ist diesem Beispiel bereits gefolgt - ebenso der Modekonzern Hugo Boss.

Es ist wohl verständlich, dass Unternehmen, wenn sie weder produzieren noch Produkte verkaufen, erst einmal ihr Geld zusammenhalten. Außerdem ist zu erwarten, dass der öffentliche Druck zunimmt. Es ist kaum nachzuvollziehen, dass Firmen, die vom Staat Kurzarbeitergeld beziehen, gleichzeitig Milliarden von Euro an ihre Aktionäre ausschütten. Den drei genannten Unternehmen könnten weitere mit Kürzungen oder Streichungen der Dividenden folgen.

Gute Alternativen

Wahrscheinlich besser geeignet zur derzeitigen Bewertung von Aktien sind das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) und die Eigenkapitalquote. Das KBV setzt die Marktkapitalisierung, also den Börsenwert, zum Eigenkapital ins Verhältnis. Um beim Beispiel von Daimler zu bleiben: Das Unternehmen wird aktuell an der Börse mit 30,5 Milliarden Euro bewertet. Dem stand am 31. Dezember 2019 ein Eigenkapital in Höhe von 62,8 Milliarden Euro gegenüber. Das Unternehmen wird also derzeit nur mit knapp der Hälfte dessen bewertet, was tatsächlich den Aktionären gehört. Das KBV liegt bei 0,49. Generell gilt: Je niedriger das KBV ist, desto günstiger ist eine Aktie.

Darüber hinaus liefert die Eigenkapitalquote einen guten Hinweis darauf, wie stabil eine Bilanz ist. Sie gibt an, welcher Teil der Bilanzsumme, also des gesamten Kapitals eines Unternehmens, den Aktionären, also den Eigentümern zuzurechnen ist. Je höher sie ist, desto besser. Als Faustregel gilt, dass Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent als solide finanziert gelten. Bei einem niedrigeren Wert schleppen sie (zu) hohe Schulden mit sich herum. Bei Daimler ist die Eigenkapitalquote in den vergangenen zehn Jahren von 26,5 auf zuletzt nur noch 20,5 Prozent gefallen.

Außerdem ist in Zeiten eines zum Teil völligen Produktionsstopps die Liquidität einen Blick wert, also der Umfang der Barmittel. Deren Höhe vermittelt zumindest ein Gefühl dafür, wie lange ein Unternehmen ohne Produktion und ohne staatliche Hilfen durchhalten kann. Daimler verfügte Ende 2019 über einen Cash-Bestand von 18,9 Milliarden Euro.

Generell gilt: Je mehr Kennzahlen ein Anleger nutzt, desto besser kann er den Wert einer Aktie einschätzen. Das gilt erst recht bei den Kurskapriolen, die wir derzeit an den Aktienmärkten erleben.

Über den Autor: Wolfgang Böhm arbeitet als freier Finanz- und Wirtschaftsjournalist in Berlin.

Quelle: ntv.de