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Tenhagens Tipps Unfallversicherung? Es gibt Besseres

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Für Arbeitsunfälle von Angestellten zahlt die gesetzliche Unfallversicherung.

(Foto: imago/McPHOTO)

Eine Unfallversicherung zahlt, wenn man bei einem Unfall zu Schaden kommt? Ganz so einfach ist es nicht, erklärt Finanztip-Chef Tenhagen. Viele Versicherte überschätzten die Police und vernachlässigten den Schutz, der wirklich wichtig ist.

Eine Unfallversicherung zahlt, wenn man bei einem Unfall zu Schaden kommt? Ganz so einfach ist es nicht, erklärt Finanztip-Chef Tenhagen. Viele Versicherte überschätzen die Police und vernachlässigen den Schutz, der wirklich wichtig ist. 

n-tv.de: Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt und habe mir das Schlüsselbein gebrochen. Kann ich mich jetzt freuen, dass ich eine private Unfallversicherung abgeschlossen habe?

Hermann-Josef Tenhagen: Sie können sich freuen, dass Sie die abgeschlossen haben, aber Geld werden Sie von der erstmal nicht bekommen. Die private Unfallversicherung zahlt nämlich nur dann, wenn Sie einen bleibenden Schaden haben. Bleibend heißt: Er muss Sie mindestens drei Jahre lang beeinträchtigen. Und das wollen wir nicht hoffen bei dem Fahrradunfall.

Welche Kriterien müssen sonst noch erfüllt sein?

Unfall heißt, es muss eine Einwirkung von außen gegeben haben. Wenn Sie zum Beispiel mit dem Motorrad gegen eine Leitplanke fahren oder beim Skifahren stürzen, dann ist das ein Unfall. Wenn Sie über Ihre eigenen Füße stolpern, dann nicht. Jedenfalls nicht nach der Definition der Versicherung.

Was leistet die Versicherung?

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur beim gemeinnützigen Finanzratgeber Finanztip.

Wenn Ihnen dann tatsächlich ein dauerhafter Schaden entstanden ist, zahlt die Versicherung in der Regel eine einmalige Summe entsprechend der jeweiligen Gliedertaxe. Das ist ein bestimmter Prozentsatz der Versicherungssumme. Wobei man sich das Leistungsdiagramm oft nicht als lineare Funktion vorstellen muss, sondern als eine Kurve.

Im schlimmsten Fall sind Sie zu 100  Prozent behindert und können gar nichts mehr machen. Dann würden Sie die volle Summe bekommen, gehen wir mal von einer halben Million Euro aus. Wenn Sie zu 50 Prozent behindert sind, dann heißt das nicht, dass Sie 50 Prozent der Versicherungssumme bekommen, sondern vielleicht nur 100.000 Euro. Und je nachdem, wie die Gliedertaxe berechnet wird, ist die Unfallversicherung entweder ein bisschen besser oder eben schlechter.

Sollte man denn eine Unfallversicherung haben?

Meistens ist sie nicht die erste Wahl. Nur zwei Prozent aller bleibenden Behinderungen gehen auf einen Unfall zurück. Die meisten Schwerbehinderungen entstehen durch Krankheiten. Das geht bei Diabetes los und hört bei Multipler Sklerose noch lange nicht auf. Da ist man mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung besser dran. Die zahlt, wenn man nicht mehr arbeiten kann, egal was der Grund dafür ist. Das Problem ist allerdings, dass BU-Policen mit steigendem Alter nicht mehr so einfach zu bekommen sind. Da können Dread-Disease-Policen eine Alternative sein. Die umfassen einen ganzen Katalog von Krankheiten und leisten dann, wenn man eine davon bekommt.

Was ist mit gefährlichen Hobbys?

Da kann die Police unter Umständen sinnvoll sein. Wenn Sie in Ihrer Freizeit zum Beispiel oft auf dem Motorrad sitzen oder skifahren oder tauchen, ist die Unfallversicherung eine Variante, über die Sie nachdenken könnten. Flug- oder Rennsport sind aber meist in den Versicherungsbedingungen ausgeschlossen. Wenn Sie Segelfliegen oder Autorennen fahren, hilft Ihnen die Unfallversicherung also nichts.

Worauf sollte man beim Abschluss achten?

Zum einen auf eine ausreichende Versicherungssumme. Eine halbe Million Euro sollte es schon sein. Gut ist es außerdem, wenn schon ab einem Prozent Invalidität gezahlt wird. Kleinere Beeinträchtigungen sind schließlich deutlich wahrscheinlicher als Schwerbehinderungen. Außerdem ist es sinnvoll, eine Progression zu vereinbaren - Stichwort Leistungskurve.

Außerdem sollte man sich mal die Tabelle mit der Gliedertaxe anzuschauen. Es gibt Empfehlungen vom Versicherungsverband GDV. Manche Tarife leisten aber deutlich mehr und das kann auch wichtig sein. Der GDV empfiehlt zum Beispiel für den Verlust des Gehörs auf einem Ohr eine Gliedertaxe von 30 Prozent. Ein Dirigent wird in seinem Beruf aber ernsthaft beeinträchtigt sein, wenn er nicht mehr richtig hört. Im Spezialtarif mit der höchsten Gliedertaxe bekommt er 80 Prozent. 

Sinnvoll kann der Todesfallschutz sein, auch wenn man keine Hinterbliebenen absichern muss. Die vereinbarte Todesfallsumme wird nämlich auch gezahlt, wenn klar ist, dass Behinderungen bleiben werden, aber noch nicht in welchem Ausmaß. Ohne Todesfallschutz gibt es normalerweise auch keinen Vorschuss.

Es gibt Tarife, bei denen man am Ende der Laufzeit sein Geld zurückbekommt, wenn man die Unfallversicherung nicht braucht. Das klingt doch gut.

Tarife mit Beitragsgarantie, ja. Im Grunde handelt es sich dabei um eine verkappte Lebensversicherung. Ein Teil der Prämie fließt in den Versicherungsschutz, der andere Teil wird angelegt. Die Beiträge sind um ein Vielfaches höher als bei normalen Unfallpolicen und die Renditen sind unterirdisch. Außer Sie haben noch einen alten Vertrag mit vier Prozent Garantieverzinsung. Den sollten Sie ruhig behalten. Aber neu würde ich so was nicht abschließen.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Isabell Noé

Quelle: n-tv.de

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