Ratgeber

Gerichtsurteil stärkt Fluggäste Was zahlen Airlines bei Stornierungen?

Sun.jpg

Wer nicht im Flieger sitzt, kann für seine Buchungsstornierung den gesamten Ticketpreis zurückverlangen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Flug abgesagt, Geld weg? Nicht unbedingt! Eine Airline muss den kompletten Flugpreis zurückzahlen, wenn ein Passagier den Flug von sich aus storniert. Das hat das Landgericht Frankfurt am Main entschieden. Aber halten sich die Fluggesellschaften auch daran?

Die Reise in den Sommerurlaub, ein Städtetrip übers Wochenende - gebucht ist das Flugticket schnell. Doch was passiert mit den Kosten, wenn man den Flug nicht antritt? Bisher weigerten sich Airlines meist, in einem solchen Fall zu zahlen. Fast nie sahen Kunden ihr Geld wieder, oft nicht mal Steuern und Gebühren. Dabei steht das Recht auf der Seite der Passagiere - das haben die Richter des Landgerichts Frankfurt nun mit ihrem Urteil bestätigt.

In dem verhandelten Fall hatte die Klägerin bei einer Airline Flüge in einem Gesamtwert von 604,32 Euro gekauft. Sie stornierte jedoch den Flug und kündigte den Beförderungsvertrag. Von der Airline forderte sie die Rückzahlung des Flugpreises. Das Gericht gab der Klägerin recht und sprach ihr den kompletten Flugpreis zu.

Normalerweise darf die Airline den Teil davon einbehalten, der ihr faktisch an Kosten entstanden ist. Dazu muss sie jedoch darlegen, dass sie den Platz im Flugzeug nicht anderweitig verkaufen konnte und ihr wirklich Kosten entstanden sind. Das habe die Airline trotz Aufforderung nicht gemacht, stellte das Gericht fest. "Eine solche Gegenrechnung machen die Fluggesellschaften regelmäßig nicht, weil es für sie zu viel Aufwand ist. Sie behalten vielmehr den kompletten Ticketpreis ein, was den BGB-Regeln widerspricht", sagt der Hannoveraner Reiserechtler Paul Degott.

AGBs sind unwirksam 

Für ihn ist das Urteil aus Frankfurt ein Meilenstein. "Passagiere können sich künftig bei Streitfällen darauf berufen. Das gilt auch rückwirkend bis zu drei Jahre", sagt er gegenüber n-tv.de. Selbst bei nicht flexiblen Tarifen, die von der Stornierung ausgeschlossen sind, habe der Kunde Anspruch auf den kompletten Flugpreis, so Degott. Und zwar auch dann, wenn die Airlines eine Erstattung in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen ausschließen.

"Die AGBs sind unwirksam, weil sie gegen das Leitbild des Luftbeförderungsvertrags §649 BGB verstoßen. Das BGB sagt, dass der Kunde 100 Prozent seines Flugpreises zurückbekommt, wenn es der Airline nicht möglich ist, zu berechnen, wie viel sie an Steuern, Gebühren, Kerosin, Verpflegung et cetera aufgrund der Stornierung einsparen konnte oder durch anderweitigen Verkauf des Tickets erzielt hat. Die Beweislast liegt beim Unternehmen", sagt der Reiserechtler.

Soweit die Theorie, aber was hat sich in der Praxis seit dem Urteil aus Frankfurt verändert? "Nicht viel", sagt Degott. "Die Airlines verweisen ihre Kunden bei einer Stornierung immer noch auf ihre AGBs. Das Urteil in Frankfurt ist zwar ein Einzelfall, aber es ist auch eine fundierte Rechtsmeinung, um die die Fluggesellschaften nicht mehr drumherum kommen."

Das sagen die Airlines

Lufthansa: Bei vielen deutschen Airlines klappt das mit dem Drumherumkommen aber ziemlich gut: Zum Beispiel bei der Lufthansa. 100 Prozent Geld zurück, auch bei nicht stornierbaren Flügen, gibt's bei Deutschlands größter Airline nicht. "Grundsätzlich stellen die nicht erstattbaren Tickets bei Lufthansa ein preislich besonders attraktives Angebot dar, für das sich der Kunde bewusst entscheidet und bei der Buchung auch genau auf die damit verbundenen Tarifkonditionen hingewiesen wird", sagt Unternehmenssprecher Boris Ogursky gegenüber n-tv.de. "Steuern und Gebühren erhält der Kunde aber auch bei dieser Buchung zurück."

Die Lufthansa bietet noch zwei weitere Tarife an: Bei dem teuersten ist eine Stornierung kostenlos, beim mittelpreisigen gibt's eine Erstattung nur gegen eine Gebühr von 50 bis 100 Euro. "Wem Umbuchbarkeit wichtig ist, kann diese Tarife wählen", so Ogursky. Das Stornierungs-Urteil aus Frankfurt hat bei Lufthansa offensichtlich nichts verändert. Das gleiche gilt für ihre Billigtochter Germanwings.

Germanwings: Auch hier bekommt der Kunde nicht bei allen Tarifen seinen kompletten Flugpreis zurück - nur Buchungen mit der sogenannten Flex-Option können kostenlos storniert werden. Auf Nachfragen von n-tv.de nennt Germanwings-Sprecherin Gaby Drawe den Grund dafür: "Die Wahrscheinlichkeit eines Wiederverkaufs eines stornierten Fluges ist gering. Für Germanwings ist die Planungsunsicherheit höher und der Arbeitsaufwand größer. Um den Kunden günstige Flüge anbieten zu können, bieten wir ihnen diese ohne Stornierbarkeit an."

Das Urteil des Frankfurter Landgerichts habe laut Gaby Drawe keine Auswirkungen auf die Stornierungspolitik von Germanwings-Flügen: "Ein höchstrichterliches Urteil, ob ein Kündigungsausschluss durch AGBs wirksam ist oder nicht, gibt es nicht."

Air Berlin: Auch Deutschlands zweitgrößte Airline sieht sich durch das Frankfurter Urteil offensichtlich nicht zum Umdenken gezwungen. Beim günstigsten Tarif FlyDeal ist eine Stornierung nur gegen eine Bearbeitungsgebühr von 25 Euro möglich: Dann gibt's aber wenigstens Steuern und Gebühren zurück. Der etwas teurere FlyClassic-Tarif erlaubt zwar eine Stornierung, diese gilt aber lediglich für Langstrecken. 90 Euro behält die Airline auch hier. Wer auf Nummer sicher gehen will, muss bei Air Berlin den teuersten Tarif wählen.

Auf Nachfrage von n-tv.de räumt Air-Berlin-Sprecherin Theresa Krohn dem Kunden aber das Recht auf eine genaue Abrechnung ein: "Grundsätzlich ist eine Kalkulation der ersparten Aufwendungen als Folge des Nichtantritts eines Fluges durch den Kunden möglich und orientiert sich stets am Einzelfall."

Tuifly: Tuifly geht sogar noch einen Schritt weiter: Hier hat der Stornierende bei keinem Tarif die Chance, seinen kompletten Flugpreis erstattet zu bekommen - lediglich Steuern und Gebühren. Dazu wird eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 15 Euro erhoben. Wie Tuifly mit dem Urteil des Landgerichts Frankfurt umgeht, war in der Pressestelle nicht in Erfahrung zu bringen.

Schlichtung nur im Einzelfall

Wie kommt man als Kunde nun trotzdem zu seinem Recht? Meistens wird Fluggästen geraten, sich bei Streitigkeiten mit einer Fluggesellschaft an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr, kurz SÖP, zu wenden. Alle deutschen und viele internationale Airlines machen hier mit. Es gibt allerdings ein Problem: Die Schlichtungsstelle ist nach dem Gesetz nur zur Schlichtung bei Verspätungen, Annulierungen, Überbuchung und Gepäckschäden zuständig.

Streitereien wegen Stornierungen sind nicht Bestandteil des Schlichtungskatalogs und können bisher nur im Einzelfall durch eine Schlichtung beigelegt werden, sagt der Geschäftsführer der SÖP, Heinz Klewe, gegenüber n-tv.de. "Wobei Schlichtungsanträge aufgrund von Stornierungen allerdings auch weniger als fünf Prozent der Fälle ausmachen." Dies könnte auch daran liegen, dass nur eine Minderheit der Airlines in solchen Fällen einem Schlichtungsverfahren zustimmt.

Wer als Kunde den kompletten Flugpreis einfordern will, ist mit einer Rechtsschutzversicherung gut bedient - besonders bei teuren Flügen sollte man sich einen Anwalt nehmen, rät die Stiftung Warentest.

Rechtsschutzversicherungen im Vergleich

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema