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Manchmal sind die Kunden schuld Wie sich Versicherungen drücken

Versicherungen stellen sich gern als zuverlässige Partner ihrer Kunden dar. Ob das Vertrauen gerechtfertigt ist, merkt man aber erst, wenn man Geld von ihnen will. Im Schadensfall sehen Versicherungen ganz genau hin - zumindest wenn es um größere Summen geht. Doch nicht alle Ablehnungsgründe sind rechtens.

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Ob die Police gut ist, zeigt sich erst im Schadensfall.

Es war nicht anders zu erwarten: Als der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft im Juli die Betrugsstatistik vorstellte, gab es zwar wenig verlässliche Informationen, aber dafür viele dramatisch klingende Zahlen: Jeder Fünfte sehe im Betrug ein Kavaliersdelikt, so das Ergebnis einer Umfrage, und jeder zehnte gemeldete Versicherungsschaden sei wahrscheinlich ein Betrugsfall. Dass Versicherte Schäden erfinden oder absichtlich herbeiführen, um bei der Versicherung Kasse zu machen, sei zwar die Ausnahme. Problematisch seien aber die Mogeleien bei der Schadenshöhe und den Verlaufsschilderungen, so der GDV.

Dass Versicherungen genau prüfen, warum man Geld von ihnen will, ist legitim und nutzt letztlich auch der Gemeinschaft der Versicherten. Problematisch wird es allerdings, wenn sich Versicherungen vor Zahlungen drücken, die sie eigentlich übernehmen müssten. Darüber, wie oft Versicherte mit berechtigten Forderungen abblitzen, gibt es keine verlässlichen Statistiken, auch der Jahresbericht des Versicherungs-Ombudsmanns hilft kaum weiter. Ein großer Teil der Beschwerden, die beim Vermittler zwischen Kunden und Versicherungsbranche eingehen, betreffen nämlich Renten- und Lebensversicherungen und deren niedrige Rückkaufswerte bei Kündigung. Wer hier bis zum Ende einzahlt, bekommt aber zumindest die garantierte Rente oder Auszahlung heraus.

Ärger ist oft vermeidbar

Bei Personenversicherungen kann man sich da nicht so sicher sein. "Ein Hauptproblem ist und bleibt, dass Versicherte im Leistungsfall einwenden, dass der Versicherungsnehmer die Gesundheitsfragen bei Antragstellung falsch oder unvollständig beantwortet hat", sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). Das trifft besonders die Berufsunfähigkeitsversicherung. Erst 2009 hat der Bundesgerichtshof klargestellt: Wer im Antrag arglistig täuscht, also bekannte Vorerkrankungen nicht angibt, riskiert den kompletten Versicherungsschutz. Hat man etwa die Frage nach Rückenproblemen verneint, obwohl man deswegen in Behandlung war, kann die Versicherung den Vertrag später für ungültig erklären - auch wenn man nicht wegen des Rückens, sondern wegen psychischer Probleme in Rente will. Da hilft nur eins: Die Gesundheitsfragen so penibel wie möglich zu beantworten - auch wenn ein Versicherungsvertreter bestimmte Erkrankungen lieber unerwähnt lässt.

Auch wer beim Ausfüllen alles richtig gemacht hat, muss möglicherweise lange um seine Berufsunfähigkeitsrente kämpfen. Fast 30 Prozent der Ablehnungen werden damit begründet, dass der notwendige Berufsunfähigkeitsgrad - in der Regel sind das 50 Prozent - nicht erreicht ist. Deshalb sollte man die gravierenden Einschränkungen gut begründen können. Das geht nur mit medizinischen und berufskundlichen Stellungnahmen. Immerhin verzichten die meisten Gesellschaften in neueren Verträgen auf Fallstricke wie die abstrakte Verweisung. Es ist heute also nicht mehr so schwer wie früher, an die BU-Rente zu kommen.

Der Teufel steckt im Detail

Häufiger kommt es inzwischen zum Streit mit privaten Krankenversicherern. Wegen der Kostensteigerungen im Gesundheitssystem würden die eingereichten Rechnungen inzwischen genauer geprüft, beobachten Anwälte und BdV. Und immer öfter würden Kosten wegen "fehlender medizinischer Notwendigkeit" nicht oder nur zum Teil übernommen. Vorsicht auch bei der Auslandsreisekrankenversicherung: Sie zahlt nicht, wenn die Diagnose schon vor Reiseantritt feststand. Gerade chronisch Kranke sollten die Bedingungen genau prüfen. Denn wenn nur "akute" oder "nicht absehbare" Erkrankungen versichert sind, stehen sie im Ernstfall ohne Schutz da.

Auch bei Unfallversicherungen scheitert die Auszahlung bisweilen am Kleingedruckten. Was viele Versicherte nicht wissen: Ein Unfall setzt per Definition eine plötzliche "äußere Einwirkung" voraus. Ein Ausrutschen auf der Treppe oder ein Umknicken beim Sport werten die Versicherer unter Umständen nicht als Unfall, wenn dieses äußere Einwirken fehlt. Umso wichtiger ist es, die genauen Umstände darzustellen. So können Unebenheiten im Boden etwa als Einwirken von außen gewertet werden.

Wie plausibel ist der Schaden?

Egal, in welcher Versicherungssparte: Die Gesellschaften sehen inzwischen genauer hin - sagt zumindest der GDV. So würden Mitarbeiter gezielt geschult, um betrugsverdächtige Meldungen zu erkennen. Konnte man sich früher sicher sein, dass die Versicherung kleinere Schäden ohne viel Aufhebens übernimmt, hätten viele Versicherer die Untergrenzen für Plausibilitätsprüfungen abgeschafft. Solche Abschreckungsmaßnahmen müssen aber auch wirtschaftlich sein. Um einen arg konstruierten Schadensverlauf zu erkennen, muss man nicht das Büro verlassen. Teurere Nachforschungen bleiben aber eher den größeren Schadensfällen vorbehalten, meint der Versicherungsmakler Wladimir Simonov . In der Kfz-Versicherung etwa würden Schäden unter 1000 Euro meistens automatisch reguliert. "Die rund 500 Euro für ein Gutachten lohnen sich hier nicht".

Manchmal können sich die Versicherungen die Nachforschungen auch sparen, weil sich die Versicherten selbst durch Falschaussagen um ihren Schutz bringen. So zahlen Haftpflichtversicherungen normalerweise nicht für Schäden von Kindern unter sieben Jahren, weil diese nicht schuldfähig sind. Anders sieht es aus, wenn die Schuld bei den Eltern liegt, weil diese ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Dann muss die Haftpflicht einspringen. Behauptet man also in der Schadensschilderung wahrheitswidrig, man habe sein Kind nicht aus den Augen gelassen, geht der Geschädigte am Ende leer aus. Das dürfte die Eltern vielleicht nicht finanziell, aber zumindest moralisch in die Bredouille bringen.

Häufige Ablehnungsgründe

Während die Haftpflichtversicherung auch bei grober Fahrlässigkeit zahlt, ist allzu leichtfertiges Handeln bei anderen Versicherungsarten ein Ausschlussgrund. Klassisch sind beispielsweise die unbeaufsichtigt brennende Kerze in der Wohngebäudeversicherung, das angekippte Fenster bei der Hausratpolice oder Rotlichtverstöße bei der Kaskoversicherung. Hier gibt es unterschiedliche Gerichtsentscheidungen. Fest steht aber eins: Nach den neuen Versicherungsvertragsgesetz (VVG) darf die Versicherung ihre Leistungen bei grober Fahrlässigkeit zwar kürzen, aber nicht komplett zusammenstreichen.

Ein weiteres beliebtes Abwimmel-Argument in der Hausratversicherung ist die angebliche Unterversicherung. Davon gehen die Versicherer meist automatisch aus, wenn der abgesicherte Schaden nicht mindestens 650 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche beträgt. Dabei hat die individuelle Versicherungssumme mit der Größe der Wohnung gar nicht so viel zu tun - entscheidend ist, was drin ist. Um Ärger zu vermeiden, sollte man die Versicherungssumme bei größeren Neuanschaffungen überprüfen und anpassen. Eine Wertermittlungstabelle gibt es beim Versicherer oder auch beim Bund der Versicherten.

Ärger beim Rechtsschutz

Besonders häufig blitzen Kunden bei der Rechtsschutzversicherung ab. Das ist verständlich, schließlich wollen die Gesellschaften kein Geld in aussichtslose Prozesse stecken oder chronische Streithansel finanzieren. Allerdings sollte man sich auch nicht vorschnell ins Bockshorn jagen lassen. Wer beispielsweise bei drohender Kündigung einen Anwalt zu Rate ziehen will, erntet oft erst einmal Ablehnung beim Berufsrechtsschutz, so die Erfahrung des BdV. Angeblich liege der Versicherungsfall erst bei ausgesprochener Kündigung vor. Der Bundesgerichtshof sieht das jedoch anders: Auch die ernsthafte Drohung wird wie eine Kündigung behandelt, der Versicherte hat Anspruch auf Schutz (Az. IV ZR 305/07).

Auch wer seine Bank wegen Falschberatung zur Verantwortung ziehen will, erntet bei der Rechtsschutzversicherung meistens erst einmal eine Absage. Bei Anlagegeschäften handele es sich um "Spekulationsgeschäfte", "Wett- oder Optionsgeschäfte", heißt es dann und die sind in den meisten neueren Verträgen per AGB ausgeschlossen. Allerdings machen es sich die Versicherungen mit dieser pauschalen Einordnung von Geldanlagen zu einfach, zumal es in der aktuellen Rechtsprechung sehr unterschiedliche Urteile zu diesem Thema gibt. Wer bei der Versicherung auf Granit beißt, sollte deshalb nicht gleich aufgeben, sondern erst einmal Rat bei Verbraucherorganisationen holen.

Hartnäckig bleiben

Oft hilft es aber auch schon, bei Streitigkeiten ein zweites Schreiben an den Versicherer zu schicken und den Vorstand zu bitten, den Fall erneut zu prüfen. "Häufig sind die Unternehmen leistungsbereiter, wenn sie merken, dass der Kunde hartnäckig ist", hat Bianca Boss vom BdV festgestellt. Kommt man so nicht weiter, kann vielleicht der Versicherungs-Ombudsmann helfen. Das außergerichtliche Verfahren ist kostenlos und kann sich zumindest bei kleineren Streitwerten lohnen: Bis zu 10.000 Euro müssen die Versicherer bei einer entsprechenden Ombudsmann-Entscheidung verbindlich zahlen. Manchmal brauchen Kunden aber auch einfach nur etwas Geduld mit ihrer Versicherung. "Bei plötzlichem Glatteis beispielsweise oder Unwetterschäden, die ganze Regionen betreffen, laufen bei den Versicherern die Leitungen heiß", weiß Versicherungsmakler Simonov. Da könnte sich die Schadensregulierung schon mal in die Länge ziehen.

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Quelle: ntv.de