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Münchner Transferstau-Warnungen Bayern-Coach Kovac, der Unerhörte

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Niko Kovac hat quantitativ noch nicht bekommen, was er an neuen Bayern-Spielern haben wollte.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Robert Lewandowski schlägt mal wieder Alarm: Der Stürmer des FC Bayern fordert dringend Verstärkungen, um die ambitionierten Ziele des Klubs nicht zu gefährden. Während es immer noch keine Vollzugsmeldungen gibt, wirkt Niko Kovac seltsam unerhört.

Robert Lewandowski, klar, der war schon im Sommer 2013 interessant für den FC Bayern. Aber oberstes Transferziel war der Stürmer des BVB nicht. Zumindest nicht für Josep Guardiola. Er hatte für seine erste Saison beim deutschen Fußball-Rekordmeister andere Wünsche. Am liebsten wollte er Neymar. Mit der Hoeneß-Alternative Mario Götze war er dann aber auch sehr einverstanden, also kam der 21-Jährige.

Noch dringlicher als um Neymar-Götze warb der Katalane damals aber für den damaligen Kapitän der spanischen U21-Nationalmannschaft. Sein Satz "Thiago oder nix" ist mittlerweile fast so legendär wie Giovanni Trapattonis "Flasche-leer"-Tirade oder Uli Hoeneß' "Wenn-Sie-wüssten..."-Übermut. Thiago kam dann auch. Dem "erfolgreichsten Trainer der Welt", so schwärmte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge bei der Begrüßung Guardiolas, nur das Beste. Und Thiago lieferte, wenn er gerade verletzt war, orchestrierte vor allem das Flügelspiel mit Franck Ribéry und Arjen Robben sehr elegant. Als Prämie gab's das Double.

Sechs Jahre ist das her. Götze ist längst zurück bei Borussia Dortmund. Er hat Deutschland zum WM-Titel geschossen, hat heftig gekriselt und sich zurückgekämpft. Thiago orchestriert immer noch das Spiel der Münchener, in der neuen Saison erstmals ohne Ribéry und Robben. Wobei die zuletzt ja eh nicht mehr gesetzt waren. Thiago kämpft weiter mit den Vorwürfen, sich in großen Spielen zu verstecken. Und auch wenn er seine Mitspieler gelegentlich mit Larifari-Pässen arg unter Stress setzt oder einen No-Look-Pass zum auf der Werbebande mitlaufenden LED-Weihnachtsmann spielt, so bleibt sein Spiel einfach sehr schön anzusehen. Und der Trainer Guardiola, der hat sein Glück - mit Ausnahme des Champions-League-Titels - bei Manchester City gefunden.

Ob Doublesieger Niko Kovac, der mit dem FC Bayern in seine zweite Saison geht, auch glücklich ist? Es gibt Indizien, die das eher nicht vermuten lassen. Eines ist: Seine dezente Kritik an der US-Reise und die nicht dezente Kritik daran von Karl-Heinz Rummenigge. Ein weiteres, noch stärkeres Indiz: seine (unerfüllten) Transferwünsche. Denn wie auch Guardiola hat sein Nach-Nach-Nachfolger Spieler im Sinn, die der Bayern-Mannschaft, seiner Mannschaft, gut tun würden. Nur anders als bei Guardiola scheint Kovac nicht einmal partiell erhört zu werden. So berichtet die "Sport Bild", dass sich der Kroate Stürmer Mario Mandzukic (Juventus Turin), Flügelspieler Ivan Perisic (Inter Mailand) sowie die zentralen Mittelfeldspieler Florian Neuhaus und Dennis Zakaria (beide Borussia Mönchengladbach) gewünscht haben soll - und die Bayern-Bosse und Salihamidzic alle Spieler ablehnten.

Stattdessen geistern die Namen von Leroy Sané (den findet Kovac gut), Ousmane Dembélé (den findet Kovac offenbar schwierig), Callum Hudson-Odoi (den findet Salihamidzic gut) und auch die der Talente Marc Roca und Brais Mendez durch München. Roca, U21-Europameister von Espanyol Barcelona, soll sich mit den Bayern einig sein, kostet aber saftige 40 Millionen Euro. Mendez wurde dem Rekordmeister angeboten, Celta Vigo würde ihn für 25 Millionen Euro abgeben. Ausgang in beiden Fällen offen.

"Sonst wird's schwierig, um große Titel zu spielen"

Eine Zwei-Wort-Konstruktion, die gerade hinter fast jedes Wunschgerücht, der mit dem Rekordmeister in Verbindung gebracht wird, gesetzt werden kann. Eine Situation, die rund um das Team für zunehmend mehr Unruhe sorgt. Nach Thiago, nach Manuel Neuers Berater, nach Joshua Kimmich hat nun Lewandowski unüberhörbar Alarm ausgerufen. Nur einen Tag nachdem Rummenigge den Kader des FC Bayern und den Stürmer über die Maßen gelobt hat, nölt der Pole: "Wenn du auf Topniveau spielen willst und daran denkst, alle Titel zu gewinnen, dann brauchst du auch Verstärkungen in der Mannschaft", sagte der 30-Jährige bei einer Presserunde auf der US-Tour der Münchner in Los Angeles. Lewandowski - Neuer natürlich auch - sieht vor allem das von ihm und dem Klub sehnsüchtig verfolgte Ziel Champions-League-Sieg in weite Ferne treiben. "Das ist der Grund, warum wir auf die Transfers warten. Sonst wird es schwierig, um große Titel zu spielen. Ich hoffe, dass der Vorstand und die Leute, die daran arbeiten, uns als Mannschaft verstärken. Nicht nur mit jungen Spielern, sondern auch mit Spielern, die direkt top in der Welt sind." Roca und Mendez gehören (noch) nicht in diese Kategorie.

Wirtschaftlich sieht Rummenigge den Klub für Kampf um die Spitzenkräfte indes bestens gerüstet, "die Finanzlage von Bayern München ist absolut gut, so dass ich mir um die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Transfermarkt keine Sorgen mache". Bei Sportdirektor Salihamidzic klingt das anders, er sagt: "Der Transfermarkt ist durch verschiedene Gelder im internationalen Markt nicht einfacher geworden." Und betont: "Man muss andere Argumente haben und das haben wir bei den beiden Weltmeistern geschafft."

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Karl-Heinz Rummenigge und Kovac sind in Transfer- und Reisedingen nicht immer einer Meinung.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Auffällig ist trotzdem: Die Topstars scheinen den Klub zu meiden. Ein Antoine Griezmann reizte sich zum FC Barcelona. Das gleiche Spiel mit gleichem Ziel treibt Neymar. Frenkie de Jong fühlte bei den Katalanen ebenfalls eine größere Kraft von Anziehung und Argumenten. Matthijs de Ligt verteidigt lieber das Starensemble um Cristiano Ronaldo bei Juventus Turin. Eden Hazard erfüllt sich seinen Real-Madrid-Traum, Portugals Toptalent João Felix traut sich in Diego Simeones Quälstube Atlético Madrid. Andere Topstars wie Kylian Mbappé, Mohamed Salah, Harry Kane, Lionel Messi, Raheem Sterling, Kevin de Bruyne oder Sadio Mané (die Reihenfolge orientiert sich an geschätzten Marktwerten) denken nicht über einen Wechsel nach. Also folglich auch nicht über den FC Bayern. Der aber formuliert weiter den Anspruch seinen Platz in der Elite Europas zu verteidigen, die Königsklasse zu gewinnen.

Allerdings schleppt der Klub neben dem schwelenden Alpha-Gerangel zwischen Hoeneß und Rummenigge ein weiteres ungelöstes Machtproblem mit sich herum bei der Frage: Wer hat Hoheit und Kompetenz bei sportlichen Fragen, Klub? Trainer? Oder beide gemeinsam mit Veto-Rechten wie beim BVB? Rummenigge vertritt eine klare Meinung: "Ich glaube erstmal, dass sich ein Trainer der Spielkultur eines Klubs anpassen muss - und nicht umgekehrt. Am Ende des Tages muss es ein Bayern-System geben, wie es ein Barcelona-System gibt." Mit diesem System sei Bayern "über Jahre und mit unterschiedlichen Trainern erfolgreich" gewesen und dieses System "beinhaltete spektakulärsten Fußball".

Mehr Mentalität als Miracle

Den lieferte Kovac in seinem ersten Jahr zu selten. Wurden auch deswegen seine Wünsche abgeschlagen, zum bereits zweiten Mal? Auch zu Beginn der vergangenen Saison soll er mit seinen Transferideen Ante Rebic und Luka Jovic, beides wühlende Sturmbüffel von seinem Ex-Klub Frankfurt, und mit Hoffenheims Defensivallroundkämpfer Kevin Vogt komplett gescheitert sein. Rebic, Jovic, Vogt - Mandzukic, Perisic, Neuhaus, Zakaria, das ist eher Handwerk als Kunst. Das ist eher Mentalität als Miracle, eher effizienter Erfolgsfußball als Rummenigge-Spektakel. Das ist eben ein zentrales Fundament des Kovac-Fußballs und nicht das, was sich Salihamidzic vorstellt. Der sagt: Um die "auf dem Papier" schon richtig gute Mannschaft weiter zu verstärken, "muss man etwas Besonderes holen".

Kovac indes scheint es inzwischen neben Qualität auch um Quantität zu gehen. Mit 20 Feldspielern, mit 16 Etablierten und mit vier Talenten, will er die neue Saison bestreiten. Ohne Renato Sanches und Jérôme Boateng, bei beiden scheint ein Abgang wahrscheinlicher als noch eine Saison in München, sowie die als Männer mit Perspektive eingeplanten Alphonso Davies und Fiete Arp kommt der Coach auf gerade einmal 13 Fußballer (macht in der Summe aktuell natürlich immer noch 17) mit denen er fix plant, darunter auch die teuren Weltmeister Lucas Hernández (80 Millionen Euro) und Benjamin Pavard (35 Millionen Euro), die aber noch mit den Folgen einer schweren Verletzung (Hernández) und einer katastrophalen Saison (Pavard) zu kämpfen haben. Und so hatte Kovac vergangene Woche auch noch angemahnt: "Mit 17 wird es nicht ganz reichen."

Ur-Bayer Thomas Müller nimmt die Dauer-Diskussionen noch betont amüsiert auf, er augenzwinkerte: "Ganz Deutschland spricht über die Transferpolitik des FC Bayern. Solange wir am Ende oben stehen, haben wir alles richtig gemacht."

Quelle: n-tv.de

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