Fußball

Lehren aus dem Sieg gegen Island Die DFB-Elf schickt eine klare Ansage, aber ...

Gegen Island zeigt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, dass Spiele wie im Vorjahr gegen Spanien die Ausnahme bleiben sollen. Der Auftakt in die WM-Qualifikation gelingt. Und liefert Erkenntnisse über den Willen, Kimmich, Gündoğan und den Chef der Abwehr.

Es geht doch - mit Spielfreude und Offensivfußball

Spielfreude, Tempo, Offensivfußball. Das DFB-Team lieferte nach der historischen 0:6-Demontage im November gegen Spanien (0:6) eine Antwort auf dem Rasen, wie sie sich die Fans gewünscht haben. Ab der ersten Sekunde liefen die Angriffe schnörkellos nach vorne, belohnt wurde das Team mit der schnellsten 2:0-Führung seit 52 Jahren. Das Murren der deutschen Fußball-Öffentlichkeit nach der deftigen Klatsche in Sevilla war laut. Diesen Auftritt lässt auch ein gutes Spiel nicht sofort vergessen, aber es ist wenigstens ein bisschen Wiedergutmachung.

Joshua Kimmich und Co. waren nicht nur hellwach, auch die Körpersprache verriet: Die Mannschaft hat Bock. Kein Vergleich zum lustlosen Auftritt in Spanien, wobei - Island in allen Ehren - der Gegner diesmal mindestens eine Liga tiefer anzusiedeln ist. Über weite Teile der ersten Halbzeit knüpfte das DFB-Team daran an, was die schnellen und dribbelstarken Leroy Sané und Serge Gnabry schon 2019 in der EM-Quali angedeutet hatten. Direktes Spiel, Vertikalpässe, viel Tempo nach vorne - dieser Fußball sieht nicht nur schön aus, sondern kann auch erfolgreich sein. Der teils feine One-Touch-Fußball wie vor dem 1:0 und die chirurgischen Diagonalpässe und Chip-Flanken von Kimmich deuteten an, was möglich ist.

Auch wenn in der zweiten Halbzeit die Offensive um die Mittelfeld-Strategen Kimmich, İlkay Gündoğan und Leon Goretzka nicht mehr ganz so zwingend nach vorne spielten wie vor dem Seitenwechsel, zeigte die Partie: Das Potenzial des deutschen Offensivspiels ist groß, wenn der Einsatz und die Einstellung stimmen. Ob es abgerufen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Der schwierige Protest gegen Katar

"Wir möchten der Gesellschaft klarmachen, dass wir das nicht ignorieren, sondern ganz klarmachen, welche Bedingungen da herrschen müssen", sagte Torschütze Leon Goretzka bei RTL über die T-Shirts, die die DFB-Elf vor Spielbeginn angezogen hatte. "Human Rights" stand dort drauf, als Protest gedacht gegen die miserable Menschenrechtslage in Katar, dem Gastgeberland der WM 2022. "Wir haben eine große Reichweite - und können die wunderbar nutzen, um Zeichen zu setzen für die Werte, für die wir stehen wollen", erklärte der Profi des FC Bayern.

Dass er sich so deutlich zu Katar positioniert, ist bemerkenswert. Einerseits, weil Fußballprofis viel zu selten ihre Öffentlichkeit für derartige Statements nutzen. Andererseits, weil Katar ein enger Partner von Goretzkas Arbeitgeber ist. Im Winter gastiert der deutsche Rekordmeister regelmäßig dort im Trainingslager, wo seit Vergabe der WM im Jahr 2010 mindestens 6500 Arbeiter ums Leben gekommen sind, wie der britische "Guardian" recherchiert hat. Auf dem Trikotärmel werben die Münchner für die staatliche Fluggesellschaft Katars, der Vorwurf lautet immer wieder: Sportwashing. Also Geld in den Sport zu investieren, um das eigene Image zu verbessern. Ohne ernsthafte Veränderungen dafür anstoßen zu müssen.

Dennoch, der Protest der DFB-Elf ist löblich, sofern er tatsächlich, wie wiederholt von den Spielern betont, aus der Mannschaft kam und nicht eine konzertierte Aktion des Verbandes darstellt. Denn bereits am Vortag hatte die norwegische Auswahl auf ähnliche Weise protestiert und von der FIFA das Okay bekommen, dass ein solcher Protest keine Strafe nach sich zieht. Viel wichtiger ist aber ohnehin, dass es nicht bei Zeichen bleibt, sondern Taten folgen, um das Leid vor allem der Arbeitsmigranten in Katar zu lindern und bestenfalls ganz abzuschaffen.

Die wichtigste Einwechslung seit Langem

Vor 15 Jahren wurde Joachim Löw Bundestrainer, vor 17 Jahren fing er als Assistent von Jürgen Klinsmann bei der Nationalmannschaft an. Jamal Musiala ist vor vier Wochen 18 Jahre alt geworden. Seine Einwechslung in der 79. Minute machte ihn zum jüngsten Debütanten seit 1954, seit damals der junge Uwe Seeler (17 Jahre, 345 Tage) erstmals das DFB-Trikot trug. Das war auch bei Musiala der Fall, denn in den U-Mannschaften spielte der in Stuttgart geborene und beim FC Chelsea ausgebildete Mittelfeldspieler für England.

Sein Kurzeinsatz ist aber vor allem deshalb bedeutsam, weil Musiala mit seinen ersten Pflichtspielminuten nun festgespielt ist, ein Wechsel zurück zu den Three Lions also ausgeschlossen. Und weil der Profi des FC Bayern als einer der größten Talente des deutschen Fußballs gilt, ist das eine wichtige Tatsache, auch weil eben beide Verbände zuletzt intensiv darum warben, Musiala möge bitte ihr jeweiliges Trikot überstreifen.

Wie groß das Talent des 18-Jährigen ist, machte er gleich in seinen ersten Aktionen deutlich. Er forderte den Ball im Zentrum, spielte nicht nur die sicheren Pässe, sondern ging sogar mutig ins Dribbling. "Davon träumt man, seit man klein ist", erklärte er anschließend: "Ich hoffe, es kommen noch viele andere Momente." Wenn er seine Entwicklung der vergangenen Monate fortsetzt, gehört er bald regelmäßig zum DFB-Kader.

Der unverzichtbare Gündoğan

İlkay Gündoğan ist nicht nur ein herausragender Fußballer, sondern scheint auch ein angenehmer Gesprächspartner. Angesprochen auf die Wirrungen in der Spielvorbereitung nach dem positiven Corona-Test bei Jonas Hofmann wünschte Gündoğan im RTL-Interview zunächst "gute Besserung" und berichtete dann davon, dass Fußballer eben auch Menschen sind: "Die Allgemeinsituation ist für alle schwierig", ohne dabei zu vergessen, dass er und seine Kollegen"privilegiert genug" sind, da "wir noch arbeiten können".

Diese Arbeit verrichtete er gegen Island eindrucksvoll, nicht nur wegen seines Tores. Die offensivere Rolle, die er bei Manchester City spielt, nimmt er auch in der DFB-Elf ein und war neben Joshua Kimmich aus dem Zentrum heraus immer wieder Antreiber für die Dreierreihe aus Leroy Sané, Kai Havertz und Serge Gnabry. Zumal er sich nicht ausschließlich im Zentrum aufhielt, sondern auch auf die Flügel auswich, ohne seine defensiven Aufgaben zu vernachlässigen. In dieser Form ist es für Löw schwierig, auf den 30-Jährigen zu verzichten.

Vom Bankdrücker zum Abwehrchef

Dass das Fußball-Business ein schnelllebiges Geschäft ist, beweist einmal mehr Antonio Rüdiger. Im vergangenen Jahr schien der Abwehrhüne schon weg vom Fenster - zumindest bei seinem Arbeitergeber FC Chelsea. Seitdem aber Thomas Tuchel Anfang des Jahres in London übernommen hat, geht die Formkurve beim Abwehrmann wieder deutlich nach oben. Der deutsche Coach holte Rüdiger zurück in die Startelf der Blues und machte den Ex-Bundesligaprofi zum etablierten Stammspieler.

Mit deutlich breiterer Brust ging der 28-Jährige daher auch in die Island-Partie und zeigte erstaunliche Leader-Qualitäten. Rüdiger dirigierte die Abwehrreihe, gab neben Matthias Ginter in der Innenverteidigung den Lautsprecher. In der aktuellen Topform hat er das Potenzial zum Abwehrchef, das wird auch Löw nicht entgangen sein. Der Noch-Bundestrainer hatte schon in den vergangenen Spielen auf den Chelsea-Mann gesetzt.

Klar, in der Defensive war Rüdiger nur selten gefordert, bis auf einen wilden Querschläger machte er seine Sache aber tadellos. Dafür schaltete er sich effektiv ins Offensivspiel ein und startete mit vertikalen Bällen viele deutsche Angriffe. Kurz vor der Halbzeit hatte er mit einem wuchtigen Kopfball sogar eine gute Möglichkeit auf einen Treffer - es wäre sein zweiter im DFB-Dress gewesen.

Die Abteilung Attacke ist zurück

Mit fast schon so viel Spannung wie auf den Quali-Auftakt ging so mancher Blick ins RTL-Studio in Köln und Richtung des neuen Länderspiel-Experten. Den Großteil des Abends blieb Uli Hoeneß dort fast schon ungewohnt zurückhaltend, analysierte den Auftritt des DFB-Teams und die potenziellen Kandidaten auf die Löw-Nachfolge. Kurz vor Mitternacht gab es dann das Comeback der Abteilung Attacke. Der Klartext-Hoeneß war wieder da. Der frühere Bayern-Präsident holte zum Rundumschlag gegen das Chaos in der Führungsriege des DFB aus und zählte die aus seiner Sicht Verantwortlichen an.

Minutenlang watschte er die Spitze des deutschen Fußball-Verbands ab. "Es kann nicht sein, dass das, was sich da im Moment abspielt, so weitergeht. Das ist ein Trauerspiel." Rumms. Hoeneß legte den Finger in die Wunde des DFB-Machtkampfes. Während Fritz Keller der gewählte Präsident sei, habe der Rest des Präsidiums dessen "Kompetenzen eingeschränkt, damit sie weiterhin wurschteln können, wie sie wollen. Und das kann so nicht sein."

Die Hoeneß'sche Schlussfolgerung: "Ich bin überzeugt, dass hier personelle Konsequenzen getroffen werden müssen, und zwar Veränderungen."

Quelle: ntv.de

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