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Thiago Alcántara (r.) macht den Unterschied beim Spiel gegen den FC Arsenal.
Thiago Alcántara (r.) macht den Unterschied beim Spiel gegen den FC Arsenal.(Foto: imago/Ulmer)
Donnerstag, 16. Februar 2017

Abgezockt im Ancelotti-Modus: Guardiolas Liebling treibt den FC Bayern an

Von Stefan Giannakoulis, München

"Thiago oder nix" hatte Josep Guardiola einst gefordert. Wohl nicht erst seit dem Kantersieg gegen Arsenal weiß sein Nachfolger Carlo Ancelotti, warum. Der Spanier ist einer, der mit dem Ball tanzt - und den Unterschied ausmacht.

Warum genau hat der FC Bayern gegen den FC Arsenal so überzeugend Fußball gespielt und dann auch noch so klar gewonnen? Die einfachste Antwort lautet: Weil er es kann. Das Problem an dieser mutmaßlich richtigen Antwort ist, dass sie eine zweite Frage nach sich zieht: Warum zeigen die Münchner diesen begeisternden, wuchtigen und spektakulären Fußball nicht auch in der Bundesliga? Die Antwort darauf ist uns nicht bekannt. An ihrer Stelle eine Vermutung: Weil sie es nicht müssen. Zumal es ja nicht so ist, dass die Ergebnisse nicht stimmen. Der FC Bayern führt nach 20 Spieltagen die Tabelle mit sieben Punkten vor RB Leipzig auf Platz zwei an. Also: Lieber die Kräfte schonen. Abgezockt heißt das wohl.

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Aber zurück zur Champions League. Was die Mannschaft des italienischen Trainers Carlo Ancelotti den 70.000 Zuschauern im ausverkauften Münchner Stadion bot, war das Beste, was sie in dieser Saison bisher zu sehen bekamen. Und das lag vor allem an Mittelfeldspieler Thiago Alcántara, der alle überragte. Nach dem Kantersieg gegen einen am Ende ohne den verletzten Abwehrchef Laurent Koscielny heillos überforderten FC Arsenal in seinen irritierend gelben Auswärtstrikots, ist es ausgemachte Sache, dass sich die Bayern nach dem Rückspiel am 7. März in London als Viertelfinalist werden bezeichnen können. Oder wie Kapitän Philipp Lahm es nahezu forsch formulierte: "Ein 5:1 sollte reichen." Mehr als zwei Drittel der Zeit hatten die Münchner den Ball. Vor allen aber: Sie wussten auch etwas damit anzufangen.

Ausgleich verdammt nah am Slapstick

Dabei war die Sache nicht so klar, wie es am Ende kam. Die erste halbe Stunde hatten die Bayern dominiert. Und Arjen Robben hatte wieder einmal ein Tor erzielt, indem er vom rechten Flügel nach innen zog und dann den Ball von der Strafraumgrenze hinein ins Glück zirkelte. Das war alles fein anzusehen. Nach dem Ausgleich aber war es erst einmal vorbei mit der bajuwarischen Herrlichkeit, zumal die Entstehung nah am Slapstick war. Erst traf Robert Lewandowski - in dem Ansinnen, den Ball aus dem Strafraum zu schlagen - Arsenals Innenverteidiger Laurent Koscielny am Fuß. Mutmaßlich unabsichtlich, aber der serbische Schiedsrichter Milorad Mazic entschied zurecht auf Elfmeter.

Thomas Müller feiert sein Tor, als hätte es den Champions-League-Sieg gebracht.
Thomas Müller feiert sein Tor, als hätte es den Champions-League-Sieg gebracht.(Foto: imago/Jan Huebner)

Alexis Sánchez schoss, Manuel Neuer wehrte ab. Beim ersten Nachschussversuch trat Sánchez noch in die Luft. Doch letztlich konnten Javier Martínez, Xabi Alonso und David Alaba ihn nicht daran hindern, den Ball dann doch ins Tor zu schießen. Kurz vor der Pause vergab Mesut Özil noch die Chance zur Führung für Arsenal. Und die Bayern waren richtig sauer, dass ihre schöne Dominanz auf einmal futsch war. Wie sauer, das zeigten sie nach der Pause, als sich ihre Leidenschaft zur Wut steigerte. Und die Fans auf der Südtribüne, dort wo die stehen, die immer da sind, waren lauter als sonst. "Auf geht's Bayern schießt ein Tor!" Es klang wie ein Befehl. Die Spieler gehorchten. Mit einer in dieser Saison noch nicht gezeigten Wucht erzwangen sie Tor um Tor. Sie können es, wenn sie nur wollen. Selbst der kurz vor dem Ende eingewechselte Thomas Müller durfte noch eins schießen. Er feierte es, als hätte es den Champions-League-Sieg bedeutet.

"Thiago oder nix"

Und doch war es auch ein Sieg des schönen Spiels - dank Thiago. Der 25 Jahre alte spanische Nationalspieler mit Hang zum tödlichen Pass habe auf der Position im zentralen, offensiven Mittelfeld in seiner 23. Königsklassenpartie für den FC Bayern nahezu perfekt gespielt, lobte ihn sein Trainer. Und das nicht in erster Linie wegen seiner beiden Tore. Exakt 93 Prozent seiner 90 Pässe kamen bei einem Mitspieler an, 36 davon im letzten Drittel vor dem Tor des Gegners, mithin dort, wo es darauf ankommt. Er breitete zwei Chancen und ein Tor vor. Das ist Weltklasse. Schon in der Bundesliga beim Sieg gegen RB Leipzig kurz vor Weihnachten hatte er seine Mannschaft zum klaren 3:0-Sieg geführt - zum ersten Mal unter Ancelotti als Zehner und nicht im defensiven Mittelfeld, also auf der Sechser- oder Achterposition.

Wer erinnert sich nicht noch daran, wie Ancelottis Vorgänger Josep Guardiola ihn im Sommer 2013 mit den Worten "Thiago oder nix" vom FC Barcelona nach München lockte? Doch Thiago tat sich schwer, weil er oft verletzt war. In seinen ersten beiden Jahren absolvierte er deshalb nur 23 Bundesligaspiele. Nun aber scheint seine Karriere auf ihren Höhepunkt zuzusteuern. Und Ancelotti dürfte Guardiola dankbar sein. Thiago könnte in dieser Saison, seiner vierten in München, für den FC Bayern der Spieler werden, der den Unterschied ausmacht. Er streichelt den Ball, er tanzt mit ihm - und er holt ihn sich zurück, falls er ihn doch einmal verliert. Vor allem aber scheut er kein Risiko und spielt ihn im richtigen Moment ab. Er sieht genau, wo der Gegner verwundbar ist.

Thiago selbst hatte schon vor dem Spiel der englischen "Daily Mail" gesagt: "Man kann erkennen, dass die Dinge bei uns in die richtige Richtung laufen, sonst wären wir nicht dreimal im Halbfinale gewesen. Es ist nur noch ein weiterer Schritt. Wir müssen die richtige Mischung aus Ruhe und der nötigen Aggressivität haben, um ins Finale zu kommen." Vielleicht hat der FC Bayern genau deswegen so gut gespielt.

Quelle: n-tv.de

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