Fußball

FC Bayern schafft BVB-Dilemma "Sensationell" ist für Haaland nicht gut genug

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Enttäuscht? Ernüchtert? Haaland strebt nach Größerem.

(Foto: Pool via REUTERS)

Der Liga-Gipfel hält, was er verspricht: FC Bayern gegen Borussia Dortmund, der Erste gegen den Zweiten der Fußball-Bundesliga, das ist Spektakel, Kampf, Finesse - mit dem doch immer gleichen Ausgang. Dieses Spiel zeigt: Für Haaland muss sich der BVB noch steigern.

Alles, was die Fußball-Bundesliga noch zu geben hat, bringen die 22 Akteure im Dortmunder Westfalenstadion am Samstag auf den Platz. Es ist ein Spiel zum Verlieben, am Ende gewinnen die Bayern vor null Zuschauern mit 3:2 (1:1). Über dem Stadion kreist ein Hubschrauber. Auf dem Platz liegen die Dortmunder auf der Erde und Thomas Müller springt begeistert in die Luft.

Die ganze Welt schaue auf dieses Spiel, sagt Bayern-Trainer Hansi Flick vor Anpfiff. Es ist der Klassiker der deutschen Liga. Aber der Fußball, auch der deutsche, steht aktuell nicht mehr im Vordergrund. Er ist ein Unterhaltungsangebot unter vielen. Er findet nur noch im Fernsehen statt und muss sich dort mit der Geschichte duellieren. Als Bayern-Neuzugang Marc Roca um 17:20 Uhr mit ehrfürchtigem Blick die Kathedrale des deutschen Fußballs betritt und diesen Moment für immer auf seinem Smartphone festhält, befindet sich der Rest des Universums seit einigen Tagen in einer ewigen Spirale aus Magic Wall, Key Race Alert und der Auszählung der Stimmen in Counties, die für einen Moment zum Zentrum der westlichen Welt geworden sind. Irgendwann an diesem unendlichen Tag verkündet der "Independent", dass eventuell sogar im All mitgehört wird. So groß ist das Interesse an den Ereignissen in den USA.

90 bemerkenswerte Minuten

Die Welt also schaut auf Philadelphia und das große Staffelfinale auf einem Hinterhof zwischen Sex-Shop und Bestattungsinstitut. Dort hat das Team Trump zu einer Pressekonferenz auf dem Parkplatz der Gartenbaufirma "Four Seasons Total Landscaping" geladen. CNN verkündet zeitgleich den Wahlsieg Joe Bidens. In Dortmund beginnen wenig später 90 bemerkenswerte Minuten. Wer es sieht, wird gut unterhalten, aber nicht überrascht.

David "ausgerechnet" Alaba, Leroy "Arjen" Sané und der ewige Robert Lewandowski beweisen erneut die Überlegenheit des deutschen Serienmeisters. Auf Dortmunder Seite hadern sie mit der Chancenverwertung. "Wenn Sie mich so fragen: Ich muss die Dinger einfach machen. Dann hätten wir gewonnen", sagt Erling Haaland. "Wir müssen härter arbeiten, um diesen letzten Schritt zu machen. Die Bayern sind das beste Team der Welt."

Zu einem Punkt hätte es am Ende jedoch reichen können. Der Unterschied zwischen den beiden deutschen Teams zeigt sich in der Verdichtung der Ereignisse kurz vor und nach der Pause. Bis dahin haben sich beide Teams wenig geschenkt.

Leon Goretzka hat eine Großchance gegen Roman Bürki, Robert Lewandowski erzielt einen Treffer aus einer für den VAR nach zwei Minuten Bedenkzeit eventuell zu erkennenden Abseitsposition. Bayern presst hoch, drückt den BVB in die eigene Hälfte, Dortmund spielt lang und diagonal auf und über den rechten Bayern-Verteidiger Bouna Sarr. Sie kommen zu einigen kleineren Möglichkeiten. Aber im Tor der Bayern steht Manuel Neuer. Kleine Möglichkeiten sind da nie genug.

"Komm Männer, jetzt noch mehr!"

Die Teams arbeiten viel, ihnen unterlaufen Ungenauigkeiten im Abspiel und Bayern verzeichnet mit Joshua Kimmich einen frühen Ausfall. Der Nationalspieler versucht nach einem schwachen Zuspiel verzweifelt, Erling Haaland an der Mittellinie zu stoppen. Keine gute Idee. Dabei erwischt es nur sein Knie. Unter Tränen verlässt er den Platz. Schiedsrichter Manuel Gräfe belässt es bei einer Gelben Karte, Thomas Müller brüllt: "Komm Männer, jetzt noch mehr!" Seine Worte hallen durch das leere Westfalenstadion. Vor der Pandemie wäre es in diesem Moment explodiert.

Dann verdichtet es sich. Wieder setzen sich die Dortmunder auf der Sarr-Seite durch. In der Mitte wartet Kapitän Marco Reus, der den Ball hart und platziert an Neuer vorbei zum 1:0 unter die Latte haut. Da sind 45 Minuten gespielt. Die Borussia muss sich nur in die Pause retten. Das gelingt nicht. Mats Hummels verliert den Ball, Thomas Delaney foult, die Bayern überlegen an der Strafraumkante.

Sie überlegen so lange bis Keeper Roman Bürki die Geduld verliert und seinen Verteidiger Raphael Guerreiro vom Pfosten verscheucht. Dann täuscht Lewandowski an, Müller stoppt, Alaba schießt und Meunier fälscht ab. In Zeitlupe zischt der Ball an Hummels vorbei in die Maschen (45.+4). Der Dortmunder Verteidiger ist zurück an den von Guerreiro aufgegebenen Pfosten geeilt. Der Ausgleich zum psychologisch wichtigen Zeitpunkt. Ausgerechnet Alaba, dessen Wunsch nach Wertschätzung am vergangenen Wochenende zu Verwerfungen im Bayern-System geführt hatte. Vielleicht wird er den Verein verlassen. Ablösefrei. Das passt nicht allen Fans des Rekordmeisters. Im Westfalenstadion ist Pause - 1:1.

Keine Entscheidung - etwas liegen lassen

Nur Sekunden nach dem Wiederanpfiff trifft Haaland keine Entscheidung. Er ist im Strafraum und hat vier Möglichkeiten. Jadon Sancho steht im Rückraum, am langen Pfosten warten Marco Reus und Gio Reyna. Er kann auch schießen. Aber es langt nicht. Die Dortmunder Spieler reißen die Arme hoch. Sie haben etwas Entscheidendes liegen lassen.

Nur Sekunden später stehen Meunier und Sancho zu weit weg von ihren Gegenspielern. Der starke Lucas Hernandez darf flanken, Lewandowski in Position laufen und sich im Duell gegen Hummels durchsetzen. Der VAR kann hier nicht eingreifen. Bayern führt 2:1. Lewandowski hat jetzt 17 Treffer in nur 13 Liga-Spielen gegen Dortmund.

Danach geht es rauf und runter. Bayern lässt den Ball in den eigenen Reihen kreisen, Kingsley Coman haut ihn an den Pfosten und Dortmund kommt immer wieder zu Ballgewinnen. Die Chancen lassen sie liegen. Reyna, Reus und immer wieder Haaland scheitern an Neuer oder an ihren Nerven. Sané hat diese Probleme nicht. Wenige Minuten nach seiner Einwechslung spielt Reus am Bayern-Strafraum den Ball auf Haalands falschen Fuß. Die Gäste erobern den Ball, kontern, Haaland rennt hinterher, er walzt an der Mittellinie Leon Goretzka um, doch Sane ist schneller. Er trifft zum 3:1. Game over. Fast.

Denn Haaland trifft in der 83. Minute zum 2:3. Diesmal umkurvt er Neuer nach einem herrlichen Lupfer Raphael Guerreiros. Da kreist bereits ein Hubschrauber über dem Stadion. Den erblickt auch Reus, der nach 87 Minuten entgeistert in den Himmel starrt. Er nimmt eine Guerreiro-Flanke volley, drischt den Ball in das Netz, es ist das falsche, es ist das Fangnetz vor der leeren Dortmunder Südtribüne. Bayern gewinnt. Mal wieder.

"Sensationell gut"

"Das Spiel war sensationell gut. Es war enorm viel Qualität auf dem Platz, es gab viele Torchancen auf beiden Seiten. Wir waren vor dem Tor etwas entschlossener, effizienter. Der Sieg war deswegen mehr als verdient", sagt Flick, der Shooting-Star der Trainerszene. Während am Tabellenende der FC Schalke 04 noch ein paar Spiele vom Tasmania-Berlin-Rekord entfernt ist, trennen die Bayern keine zwei Jahre mehr von der zehnten Meisterschaft in Folge.

Und Dortmund? Wie es für die jetzt weitergeht? "Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich fahre jetzt erst einmal zur Nationalmannschaft! Und danach komme ich zurück. Und dann werden wir versuchen, bis zum Jahresende jedes Spiel zu gewinnen", antwortet Haaland. An Gier, an Ehrgeiz und an Mentalität mangelt es ihm nicht. Haaland wird irgendwann weiterziehen. Wenn Dortmund bis dahin einen Titel gewinnen will, sollte es nicht bei einem Versuch bleiben. Wenn der deutsche Fußball seine Stellung im Unterhaltungsbetrieb behaupten will, darf es nicht bei einem Versuch bleiben.

Alles, was die Bundesliga noch zu bieten hat, bringen die 22 Akteure im Dortmunder Westfalenstadion auf den Platz. Nach der Pandemie wird sich zeigen, ob ein Spektakel mit erwartbarem Ausgang die Menschen noch abholen wird.

Quelle: ntv.de

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