Fußball

Die Absurdität der Torwart-Posse Was war da eigentlich los, Herr Hoeneß?

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Uli Hoeneß erweist sich als knallharter Verteidiger seines Torwarts Manuel Neuer.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ersatztorwart Marc-André ter Stegen schiebt öffentlich Nationalmannschaftsfrust. Stammkraft Manuel Neuer findet das nicht in Ordnung. Der Kapitän des DFB-Teams appelliert überraschend vehement an den Zusammenhalt. Eine Meinungsverschiedenheit. Eine eigentlich kleine Sache, die sich aber zur nationalen Angelegenheit eskaliert. Ein Überblick:

Was ist eigentlich passiert?

Alles fing ganz harmlos an: Marc-André ter Stegen, Weltklassetorwart des FC Barcelona und regelmäßig Nominierter bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, verkündete bei einem Sponsorentermin: "Es ist nicht einfach, eine Erklärung für das zu finden, was ich erlebe. Ich gebe in jedem Spiel mein Bestes, um die Entscheidung zu erschweren. Ich versuche trotzdem alles, aber diese Reise war ein harter Schlag für mich." Der 27-Jährige war zuletzt in der EM-Qualifikation weder gegen die Niederlande (2:4), noch gegen Nordirland (2:0) zum Einsatz gekommen. Dabei sollte er doch eigentlich mehr Spiele bekommen. So hatte der Bundestrainer es in diesem Jahr gesagt. Im Tor stand jedoch wieder Manuel Neuer. Weltklassetorwart. Weltmeister. Umbruchsäule.

Was ist an den Sätzen ter Stegens so schlimm?

Das ist eine Frage der Sichtweise. Objektiv betrachtet ist natürlich gar nichts schlimm daran, wenn ein Sportler seine Meinung äußert. Eine Meinung übrigens, die Niemanden persönlich angreift. Subjektiv gesehen ist das natürlich anders. So reagierte Neuer angezickt auf den Frust seines Herausforderers: "Ich bin Mannschaftsspieler und denke immer an das Wohl der Mannschaft. Ich weiß nicht, ob das förderlich ist und uns das hilft. Auch wir Torhüter müssen zusammenhalten", sagte der 90-fache Nationalspieler. Ter Stegen konterte. Er fand die Aussagen von Neuer unpassend.

Damit war doch alles geklärt. Oder nicht?

Natürlich nicht! Denn ein Streit zwischen zwei Torhütern in der DFB-Elf ist eine nationale Angelegenheit. Mindestens. Und sie gewinnt an majestätischer Größe, wenn ein Keeper des FC Bayern verwickelt ist. So schimpfte sich die national wuchtigste Fußball-Instanz in dieses Duell hinein, der Münchener Präsident Uli Hoeneß. Und weil Hoeneß halt Hoeneß ist, passt das Thema plötzlich nicht mehr in den Rahmen einer normalen Ereignisberichterstattung, sondern eskaliert sich zur meistdiskutierten Nachricht der Woche.

Was hat Uli Hoeneß denn gesagt?

Hoeneß hatte zum Beispiel gesagt, dass Marc-André ter Stegen "ein sehr guter Torwart" sei. Damit endete aber das Verständnis für den frustrierten Herausforderer. Und das für den DFB, der sich nicht kritisch über ter Stegen ausgelassen hatte. Und so brach's aus Hoeneß heraus: "Wir werden uns das in Zukunft nicht mehr gefallen lassen, dass unsere Spieler hier beschädigt werden ohne Grund. Manuel Neuer ist doch viel besser und viel erfahrener. Da gibt es doch gar keine Diskussion für irgendjemand auf der Welt, daran zu zweifeln, dass Manuel Neuer bei uns in Deutschland im Tor steht", echauffierte sich der Präsident nach dem Champions-League-Spiel der Münchener gegen Belgrad am Mittwochabend. "Wir kriegen vom DFB ständig Theater. Zuerst die Ausbootung von unseren drei Spielern (Anmerk. d. Red.: Jerome Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels) und jetzt dasselbe mit Manuel Neuer. Das werden wir uns in Zukunft nicht mehr gefallen lassen, dass unsere Spieler ohne Grund beschädigt werden."

Ergibt dieser "Polterabend" überhaupt Sinn?

Nun, in der neuen Klublogik sicherlich. Bei der Pressevernichtungskonferenz vor elf Monaten hatten sie ja angekündigt, sich gegen respektlose, diffamierende und menschenunwürdige Berichte zu wehren. Was respektlos, diffamierend und menschenunwürdig ist, das entscheidet natürlich der FC Bayern. Lange schien das nicht nötig (eigentlich sogar gar nicht?!), nun aber war eine Grenze erreicht. Denn tatsächlich fanden mehrere Medien, unter anderem n-tv.de, dass Marc-André ter Stegen das Recht hatte, sich so zu äußern, wie er es getan hatte. "Die westdeutsche Presse unterstützt den Marc-André ter Stegen extrem, wie wenn er schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte. Von der süddeutschen Presse sehe ich gar nichts", zürnte Hoeneß in seinem großen Lamento. Aber was hätte die süddeutsche Presse schreiben sollen? Dass dieser ter Stegen nicht so gut sei? Nun, das wäre respektlos gewesen. Also nicht im Sinne des FC Bayern. Ter Stegen ist eben kein vorlauter Herausforderer, sondern ein Torwart, der von einer Jury aus ehemaligen Weltklassekollegen neben den Brasilianern Ederson (Manchester City) und Alisson Becker (FC Liverpool) zur Wahl des Welttorhüters 2019 nominiert wurde. Diesem nun auch international erfahrenen Spitzensportler das Recht auf DFB-Ambitionen abzusprechen - Hoeneß sagte, "er hat gar keinen Anspruch, dort zu spielen" - ist eine groteske Verleugnung des Leistungsprinzips.

Nun ist die Frage: Gibt's überhaupt eine Diskussion ums deutsche Tor?

Eher nicht. Klar, ein paar Status-Quo-Protestler gibt's ja immer und überall. Aber Joachim Löw stand - Ausnahme ist die Ausbootung des Bayern-Trios (siehe oben) - noch nie unter Verdacht, sehr verdiente Nationalspieler ohne immense Not aus dem DFB-Team auszusortieren. Das gilt gleich doppelt für seinen Torhüter: Manuel Neuer machte in der Saison vor der WM 2018 verletzungsbedingt gerade einmal sechs Pflichtspiele, dennoch war der Platz im Tor - das machte Löw früh deutlich - für einen genesenen Neuer reserviert. Ter Stegen nahm das öffentlich klaglos hin. Nun ist's halt mal aus ihm herausgeplatzt. Und wäre niemand emotional darauf angesprungen, gäb's jetzt mutmaßlich auch keine eskalierte Diskussion.

Was will Hoeneß mit seinen Tiraden erreichen?

Das weiß er wohl nur selbst. Und vielleicht noch sein Noch-Vorstandkollege Karl-Heinz Rummenigge. Denn immerhin waren die Beiden sich in der Bewertung der Torhüterdiskussion einig. Was zuletzt (bei Diskussionen jedweder Art) nicht immer der Fall war. Und auch Trainer Niko Kovac war voll auf Klubsupportlinie. Aber sonst? Es fällt schwer auszumachen, was die Stoßrichtung sein könnte. Die Situation seines Torwarts beim DFB zu verbessern, das kann eigentlich nicht das Motiv des Zürnenden sein. Das Standing von Neuer ist über alle Maßen groß. Und der Torwart gibt sportlich keinen Anlass, an ihm zu zweifeln: Der 33-Jährige hielt im Pokalfinale gegen RB Leipzig herausragend, in den Länderspielen mindestens stark, in der Liga zuletzt wieder ein paar Unhaltbare. Nichts deutet darauf hin, dass der Kapitän sich Sorgen um seine nähere Zukunft in der DFB-Auswahl machen müsste.

Wer ist der Nutznießer der Tiraden?

Der Einzige, der etwas von der ganzen Aufregung haben könnte, ist ter Stegen. Spielt er gut, oder gar überragend wie zuletzt in der Champions League bei Borussia Dortmund (0:0), erhöht er den Druck auf Neuer. Spielt er weniger gut, oder patzt er gar, ändert sich für ter Stegen nichts. Bei Neuer ist es genau umgekehrt. Spielt er gut, ändert sich nichts. Spielt er weniger gut, brechen sofort Diskussionen los.

Was sagen die Verantwortlichen des DFB?

"Was mir nicht gefällt, ist das Verhalten des DFB. Da wird nie so richtig Klartext gesprochen. In der Öffentlichkeit lässt man das wabern, und es wird zum Teil auf dem Rücken von Manuel ausgetragen. Das finde ich nicht fair", sagte Rummenigge bei Sky. Was er damit meint? Das klare Bekenntnis von Joachim Löw zu "seinem" Torwart aus dem Dezember 2018 kann es kaum sein: "Öffentlich muss man das nicht tun", sagte Löw im ZDF-Sportstudio und lehnte es ab, einen Zweikampf zwischen beiden Weltklasse-Torleuten auszurufen. "Ich möchte die Leistung von Marc nicht schmälern. Er hatte am Anfang in der Nationalmannschaft einige Probleme, ist jetzt genauso Weltklasse", sagte der DFB-Cheftrainer. Aber: "Manuel Neuer ist unser Kapitän und wichtig für die Mannschaft. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird Neuer die Nummer eins sein bis zur EM." Als wirklich aufgeweicht durfte dieser Status auch nicht verstanden wissen, als Löw Anfang März "Chancen" für ter Stegen ankündigte. Der hatte zuvor angekündigt, Druck ausüben und den Umbruch auch im Tor forcieren zu wollen.

Bundes-Torwarttrainer Andreas Köpke reagierte derweil vor der Hoeneß-Explosion äußerst gelassen auf den Austausch seiner Torleute. "Kein Problem" habe er mit der Auseinandersetzung, schließlich sei "nichts unter die Gürtellinie" gegangen. Außerdem könne Köpke "die Unzufriedenheit von Marc-André verstehen. Aber es ist nun mal eine Position, auf der wir stark besetzt sind und man leider nicht jedem Torhüter gerecht werden kann".

Aus der Geschichte nichts gelernt?

Als es das letzte Mal einen Zweikampf um den Platz im bundesdeutschen Tor mit Bayern-Beteiligung gab, ging die Sache mit der Attacke in die Hose. Vor der WM 2006 hatte der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann verkündet, es gebe einen offenen Zweikampf unter seinen Torleuten Oliver Kahn und Jens Lehmann. Spätestens als Ende 2004 Andreas Köpke statt Sepp Maier für die Torhüter verantwortlich wurde, schaltete Hoeneß in den Attacke-Modus: "Ich habe bei Andi Köpke meine Bedenken, weil er kein Freund von Oliver Kahn ist. Bei jeder Kleinigkeit von Oliver in den vergangenen Jahren hat sich Köpke zu Wort gemeldet. Da sehe ich gewisse Probleme und das habe ich auch Oliver Bierhoff mitgeteilt", sagte Hoeneß damals. "Wir akzeptieren jede Entscheidung, die Klinsmann und Bierhoff treffen: Wir werden das aber auch ganz genau beobachten und darauf schauen, dass unser Spieler keine Nachteile hat."

Nach dem Hinweis auf öffentliche Forderungen Lehmanns, als Nummer eins zur WM zu reisen, etablierte der damalige Bayern-Manager noch ganz schnell eine Verschwörungstheorie: "Es kann nicht sein, dass hier Vetternwirtschaft entsteht, dass hier zwei, drei Leute auf Kosten von anderen ihre Freunde etablieren. Es muss die Leistung entscheiden, und darauf werden wir sehr achten." Nachdem Kahn in der Schlussphase der Saison 2005/06 nicht nur mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, sondern auch schwach spielte, verkündete Klinsmann im April 2006: Lehmann ist der Stammtorhüter. "Ich habe einmal gegen Olivers Leistung konkurriert und andererseits gegen die Einflussnahme, die Lobby, die Bayern München hatte", erinnerte sich Lehmann Jahre später in der Dokumentation "Nummer eins" an den Zweikampf. "Als ich gehört habe, dass Bayern München jetzt eine Entscheidung wollte, wusste ich, das ist jetzt aber nicht so schlau."

Quelle: n-tv.de, Mitarbeit: Tobias Nordmann

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