Collinas Erben

"Collinas Erben" wälzen Regeln Die begrenzte Macht des Video-Assistenten

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Nach dem Tor des Wolfsburgers Weghorst gegen Stuttgart hat der Video-Assistent korrekterweise nicht eingegriffen.

(Foto: imago/regios24)

In Wolfsburg fällt ein Tor nach einem knappen Abseits, doch der Video-Assistent greift nicht ein - und handelt damit richtig, so kurios das auch zu sein scheint. In Mainz dagegen ist seine Zurückhaltung am 16. Spieltag der Fußball-Bundesliga nur schwer zu erklären.

Eigentlich ist Fußball ein Spiel mit vergleichsweise einfachen Regeln, was fraglos zur Popularität dieser Sportart beigetragen hat. Die meisten Vorschriften und Anordnungen versteht man intuitiv, sie sind logisch und schlüssig. Manchmal gibt es aber doch regeltechnisch komplexe Situationen, insbesondere dann, wenn nicht nur die Wahrnehmung des Referees und seiner Assistenten auf dem Feld eine Rolle spielt, sondern auch die Regularien für den Video-Assistenten von Belang sind. So wie am Dienstagabend in der Bundesliga-Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem VfB Stuttgart (2:0) kurz vor der Halbzeitpause. Da erzielte Wout Weghorst nach einem kapitalen Fehlpass von Santiago Ascacibar das Tor zum 2:0 für die Gastgeber, doch die Zeitlupe zeigte, dass dem Treffer eine Abseitsstellung von Yannick Gerhardt vorausgegangen war. Dennoch rührte sich weder der Schiedsrichter-Assistent an der Seitenlinie noch der Video-Assistent in Köln.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Ein Fehler der Unparteiischen? So einfach ist es nicht. Zwar ist es unstrittig, dass sich Gerhardt auf der rechten Außenbahn beim Zuspiel von Daniel Ginczek ganz knapp im Abseits befand. Doch ob er aus dieser Abseitsposition heraus ins Spiel eingriff - und nur dann wäre es strafbar gewesen -, ist nicht eindeutig. Den Ball berührte er jedenfalls nicht, der Stuttgarter Verteidiger Marc-Oliver Kempf kam vor ihm an die Kugel. Allerdings ist es auch nicht erlaubt, im Abseits einen Gegner zu beeinträchtigen. Eine solche Beeinträchtigung liegt laut Regel 11 unter anderem dann vor, wenn der im Abseits befindliche Spieler entweder einen Gegner "angreift, um den Ball spielen zu können", oder "eindeutig versucht, den Ball in seiner Nähe zu spielen, wenn diese Aktion einen Gegner beeinflusst" - oder "eindeutig aktiv wird und so klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen".

Die bloße Nähe eines Spielers genügt also nicht, um dessen Abseitsstellung strafbar werden zu lassen. Einen Versuch, den Ball zu spielen, hat Gerhardt nicht unternommen, er lief lediglich in kurzer Distanz hinter Kempf her. Wurde er bereits dadurch "eindeutig aktiv", hat er den Stuttgarter also "klarerweise beeinflusst"? Darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein, aber es spricht einiges dafür, denn passiv verhielt sich Gerhardt gewiss nicht. Kempf beförderte den Ball schließlich aus dem Strafraum, die Kugel gelangte zu seinem Mitspieler Ascacibar. Dieser fabrizierte beim Versuch, sie zu Timo Baumgartl zu spielen, unbedrängt einen Fehlpass. Der Ball kam zu Weghorst, der ihn ins Tor der Gäste schob. Schiedsrichter Robert Hartmann erkannte den Treffer an.

Video-Assistent durfte Gerhardts Abseits nicht überprüfen

Auch der Video-Assistent erhob keine Einwände. Und das war richtig so, denn er hätte in dieser Situation gar nicht eingreifen dürfen, selbst dann nicht, wenn er es für einen klaren und offensichtlichen Fehler gehalten hätte, das Abseits von Yannick Gerhardt nicht zu ahnden. Denn nach einem Tor darf in der Kölner Video-Zentrale nur diejenige Angriffsphase überprüft werden, die unmittelbar zum Treffer geführt hat. Wann eine solche Angriffsphase beginnt und wann sie beendet ist, ist im Handbuch des International Football Association Board (Ifab) für die Video-Assistenten festgelegt. Demnach endet sie beispielsweise, wenn die verteidigende Mannschaft kontrolliert in Ballbesitz kommt. Verliert sie den Ball dann im Zuge eines Klärungsversuchs oder eines Fehlpasses wieder an den Gegner, beginnt eine neue Angriffsphase.

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Das heißt: Mit dem Abspiel von Kempf, spätestens aber mit der Ballannahme von Ascacibar ohne Bedrängnis war nach den Regularien des Ifab eine Angriffsphase der Hausherren abgeschlossen. Eine neue begann, als Weghorst an den Ball kam. Genau das war auch der Moment, bei dem der Video-Assistent mit seiner Überprüfung des Tores einsetzte. Die Abseitsstellung in der vorangegangen Angriffsphase durfte er somit nicht mehr unter die Lupe nehmen. Man mag argumentieren, dass es nicht zu Ascacibars Schnitzer gekommen wäre, wenn vorher auf Abseits entschieden worden wäre. Aber dieser Konjunktiv hatte den Video-Assistenten nicht zu interessieren. Ihm waren schlicht die Hände gebunden. Zudem resultierte der Fehlpass nicht aus einer Drucksituation, weil sich kein Wolfsburger in der Nähe von Ascacibar befand.

Abseitsentscheidung in Freiburg war richtig

Anders verhielt es sich kurz vor der Pause in der Partie zwischen dem SC Freiburg und Hannover 96 (1:1). Da köpfte der Freiburger Robin Koch den Ball nach einer hohen Hereingabe ins Tor der Gäste, doch der Schiedsrichter-Assistent hob die Fahne und signalisierte so eine Abseitsstellung - nicht vom Torschützen, sondern unmittelbar zuvor, also in derselben Angriffsphase, von dessen Mitspieler Janik Haberer. Dieser hatte die Kugel zwar, genau wie Gerhardt in Wolfsburg, nicht berührt. Doch er hatte womöglich den Hannoveraner Felipe beeinträchtigt. Der Video-Assistent riet dem Unparteiischen Christian Dingert schließlich zu einem Review am Spielfeldrand. Die Abseitsstellung von Haberer selbst war dabei unstrittig, es ging nur um die Frage, ob sie ahndungswürdig war.

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Der Freiburger Robin Koch freute sich zu früh über sein Tor gegen Hannover.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der Referee blieb nach dem Betrachten der Bilder bei der Abseitsentscheidung, und das war richtig so. Denn Haberer war zum Kopfball hochgestiegen und hatte versucht, den Ball zu spielen, wodurch er den direkt hinter ihm befindlichen Felipe beeinflusste. Der Schiedsrichter-Assistent hatte die Situation also korrekt beurteilt und der Unparteiische die richtige Entscheidung getroffen. Dass es trotzdem zum Review kam, lag daran, dass diese Situation sehr unübersichtlich war, weil sich mehrere Spieler beider Mannschaften auf engstem Raum ballten. Dingert war dadurch keine ungehinderte, vollständige und zweifelsfreie Beurteilung möglich.

Im Unterschied dazu hatte Schiedsrichter Daniel Siebert in der Begegnung des 1. FSV Mainz 05 gegen Eintracht Frankfurt (2:2) freie Sicht, als der Mainzer Caricol Aaron in der 75. Minute den Ball aufs Tor der Gäste schoss und Carlos Salcedo ihn im eigenen Strafraum mit dem Oberarm abwehrte. Den Arm hatte der Frankfurter Verteidiger dabei zwar am Körper angelegt, doch seine Bewegung ging klar zum Ball. Trotzdem stufte der Referee dieses Handspiel nicht als strafbar ein. Auch der Video-Assistent sah nach der Prüfung der Bilder keine Veranlassung zu intervenieren. Zwar ist seine Eingriffsschwelle hoch, wenn der Unparteiische kommuniziert, dass er den Ablauf einer Szene vollständig erfasst hat. Doch hier sprach sehr viel dafür, dass der Referee einen klaren und offensichtlichen Fehler begangen hatte, weshalb die Empfehlung eines On-Field-Reviews notwendig und gerechtfertigt gewesen wäre. Warum sie nicht erfolgte, ist schwer nachzuvollziehen.

Quelle: n-tv.de

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