Technik

Pixeljagd statt Marathonlauf LG G3 ist vielleicht zu scharf

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Das LG G3 hat das schärfste Display unter den Top-Smartphones.

(Foto: kwe)

Als erster großer Hersteller versucht LG mit einem QHD-Display nach der Smartphone-Krone zu greifen. Im Test kann der Bildschirm des G3 überzeugen, aber ein entscheidender Vorteil ist er nicht. Wahrscheinlich wäre hier weniger mal wieder mehr gewesen.

Früher war LG ein Underdog unter den Smartphone-Herstellern, der nichts zu verlieren hatte. Doch spätestens seit Google das südkoreanische Unternehmen zum Nexus-Hersteller gemacht hat und das G2 von vielen Experten zum besten Smartphone 2013 gekürt wurde, gehört LG zur Oberklasse. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an das G3. Das Smartphone kann sie aber nicht ganz erfüllen

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Typisch LG: Einschaltknopf und Lautstärkeregler sind auf der Rückseite zentral unter der Kamera.

(Foto: kwe)

Das Design des LG G3 ist schlicht und elegant. Dass die Rückseite nur gebürstetes Metall imitiert, spielt dabei kaum eine Rolle, man fragt sich allerdings, ob es nötig ist. Denn Kunststoff an sich ist für Smartphone-Gehäuse das perfekte Material: Es ist formbar, robust und kein Problem für die Antennen. Man kann ruhig dazu st ehen, das Nexus 5 aus dem Hause LG zeigt, wie cool ein Polycarbonat-Kleid sein kann. Sei's drum, das G3 ist exzellent verarbeitet. Es gibt keine hässlichen Spalten, nichts knarzt, alles passt perfekt zusammen. So gut, dass man meinen könnte, die Rückseite ließe sich nicht abnehmen. Doch im Gegensatz zum echten Metall-Smartphone HTC One M8 lässt sich beim LG G3 der Akku wechseln.

Toll ist vor allem die Vorderseite, die zu mehr als drei Vierteln vom imposanten 5,5-Zoll-Display ausgefüllt wird. Mit 1440 x 2560 Bildpunkten hat es die einmalige Pixeldichte von 534 ppi. Fürs Auge spielt die hohe Quad-HD-Auflösung aber kaum eine Rolle, Unterschiede zu Full-HD sieht man eigentlich nur mit der Lupe. Das kann sich zwar noch ändern, wenn Apps grafisch die vielen Pixel in Zukunft vielleicht ausnutzen. Wichtiger ist aber, dass der Bildschirm Farben äußerst realistisch und angenehm zurückhaltend darstellt. Das Display ist leuchtstark, bietet gute Blickwinkel und die automatische Helligkeitsregelung arbeitet exzellent. Allerdings bieten AMOLED-Displays etwas stärkere Kontraste als der TFT-IPS-Bildschirm des G3.

Vorgänger hält länger durch

Die wichtigsten Spezifikationen

  • Prozessor: Qualcom Snapdragon 801, vier Kerne, 2,5 Gigahertz
  • Arbeitsspeicher (RAM): 2/3 Gigabyte
  • Interner Speicher: 16/32 Gigabyte, erweiterbar
  • Display: 5,5 Zoll, 1440 x 2560 Pixel (534 ppi)
  • Kameras: hinten 13 Megapixel, vorne 2,1 Megapixel
  • Akku: 3000 Milliamperestunden
  • LTE, NFC, Bluetooth 4.0
  • Betriebssystem: Android 4.4.2
  • Maße: 146,3 x 74,6 x 8,95 Millimeter
  • Gewicht: 151 Gramm

Bedenken, die QHD-Auflösung könnte die Laufzeit des G3 zu sehr reduzieren, haben sich im Test nicht wirklich bestätigt. Ist der Akku erst mal "eingefahren" reichen seine 3000 Milliamperestunden locker aus, um auch über längere Tage zu kommen. Allerdings ist das G3 ein gutes Stück davon entfernt, wie sein Vorgänger auch mal eine Nacht durchmachen zu können. Wenn man den Helligkeit sregler bei aktivierter Automatik auf 70 Prozent sieht, erreicht das G3 aber eine ähnlich lange Laufzeit, wobei das Display nur geringfügig dunkler ist. Trotzdem: Ein LG G3 mit Full-HD-Display, Snapdragon 801 und 3000-mAh-Akku wäre wahrscheinlich ein Marathon-Smartphone geworden. Und eine lange Laufleistung ist für viele Nutzer ein größeres Kaufargument als eine superhohe Pixeldichte.

Dass die hohe Auflösung viel Kraft kostet, sieht man manchmal auch, wenn Apps mit leichter Verzögerung starten oder gelegentlich Ruckler die sonst flüssige Bedienung stören. Alles in allem ist das nicht gravierend, die mit der gleichen Prozessor/Arbeitsspeicher-Kombination ausgestatteten Samsung Galaxy S5 und HTC One M8 hinterlassen hier aber wie der schwächer bestückte G3-Vorgänger G2 einen wesentlich zackigeren Eindruck. Vielleicht hat das G3 mit drei Gigabyte Arbeitsspeicher diese Probleme nicht. So oder so lohnt es sich 50 Euro mehr auszugeben, da man dafür auch 32 statt 16 Gigabyte internen Speicher bekommt.

Update:

LG hat ein Update für das G3 veröffentlicht, "das verschiedene Probleme in Angriff nimmt – darunter das unkontrollierte Abschalten des Geräts, sowie die Hitzeentwicklung, die bei einigen Geräten auftritt." In der Update-Info selbst steht "Batterie-Optimierung" an erster Stelle. Ob durch die Aktualisierung die oben beschriebenen Probleme beseitigt oder zumindest deutlich gemindert werden, kann n-tv.de nicht nachvollziehen, da das Testgerät nicht mehr in der Redaktion ist.

Kamera für alle Lichtverhältnisse

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Die Kamera ist schnell, simpel und macht sehr ausgeglichene Fotos.

(Foto: kwe)

Die 13-Megapixel-Kamera auf der Rückseite des G3 ist klasse, auch wenn sie im 16:9-Modus nur Fotos mit zehn Megapixeln macht. Der Laser-Fokus stellt wie versprochen blitzschnell scharf und die Bilder überzeugen mit tollen Farben, kräftigen Kontrasten und einer schönen Schärfe. Außerdem kommt die Kamera sehr gut mit schwierigen Lichtverhältnissen klar. Der optische Bildstabilisator erlaubt bei schummeriger Beleuchtung längere Belichtungen, was in rauscharmen und gut ausgeleuchteten Fotos resultiert. Ob wohl die Beleuchtung dem Laser-Fokus eigentlich egal sein sollte, fokussiert die Kamera bei diffusem Licht aber deutlich langsamer und die Software übertreibt etwas beim Weichzeichnen. Muss man trotzdem mal den Blitz einsetzen, leuchten zwei unterschiedlich farbige LEDs Motive sehr natürlich aus. Auch mit dem G3 aufgenommene Videos sehen prima aus, schnell wechselnde Lichtverhältnisse oder bewegte Objekte stellen die Kamera vor keine Probleme.

Die Software hat LG radikal abgespeckt,  um die Bedienung so einfach wie möglich zu machen: Objekt sehen, Display antippen, fertig. Das wird den meisten Nutzern entgegen kommen, die nur schnelle Schnappschüsse machen möchten, einige Foto-Enthusiasten vermissen aber sicher die manuellen Einstellungen.

Praktische Software-Funktionen

Auch bei seiner Benutzeroberfläche hat sich LG angenehm zurückgehalten und sich auf praktische Dinge konzentriert. Die nützlichste Funktion ist sicher Knock Code. Dabei kann man das Smartphone über ein individuelles Klopf-Muster entsperren. Gelungen ist auch die Tastatur, bei der automatische Wortvorschläge durch einen Wischer nach oben akzeptiert werden können und man den Cursor nach einem langen Druck auf die Leertaste bewegen kann. Etwas überflüssig erscheint dagegen Smart Notice, der bordeigene Assistent. Meistens bietet er nur mehr oder weniger zutreffende Wettervorhersagen an. Tipps wie lange nicht genutzte Apps zu entfernen, braucht man nicht und für ortsbezogene Informationen gibt's auf Android-Geräten schon Google-Now. Praktisch sind dagegen der Gästemodus, die Display-Teilung und der "intelligente Bildschirm", der eingeschaltet bleibt, so lange man darauf blickt.

Insgesamt ist das LG G3 ein tolles Smartphone, das sich nicht vor den Konkurrenten von Samsung, HTC und Sony verstecken muss. Überholen kann es sie aber nicht, was ausgerechnet am "Killer-Feature" QHD-Display liegt. Die kaum nötige hohe Pixeldichte erkauft es sich durch Leistungseinbußen, weshalb das Smartphone in einigen Belangen sogar seinem Vorgänger unterlegen ist.

Quelle: ntv.de