Technik

Erfolg nicht garantiert Smartwatch-Boom nur ein Wunschtraum?

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Sony hat bereits die zweite Generation seiner SmartWatch auf den Markt gebracht.

(Foto: AP)

Für viele Analysten sind Smartwatches "the next big thing", das die Konsumgesellschaft in einen neuen Kaufrausch versetzen wird. Aber ist das wirklich so? Werden sich bald alle trendigen Leute Computeruhren ans Handgelenk schnallen oder bleiben die Gadgets nur nette Nischenprodukte?

Fast jeder besitzt heutzutage ein Smartphone und der Boom, dank dem die Hersteller ständig neue Verkaufsrekorde feiern konnten, könnte schon bald zu Ende zu gehen. Die Branche braucht daher ein "next big thing", das sie vor Gewinnrückgängen und Umsatzeinbrüchen bewahrt und die Aktienkurse stabil hält. Was aber könnte das sein? Analysten und Marktforscher feiern schon seit längerem die Smartwatch als neuen Heilsbringer und in diesem Jahr soll endlich der Durchbruch kommen.

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Die Samsung Gear 2 kostet rund 300 Euro.

(Foto: Samsung)

Der deutsche Branchenverband Bitkom hat im vergangenen September das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht, wonach jeder siebte Bürger "auf jeden Fall" eine Smartwatch kaufen möchte, was mehr als elf Millionen potenziellen Käufern entspräche. Und jeder Dritte der rund 1000 befragten Bundesbürger über 14 Jahre interessiert sich zumindest für die Geräte. Der Bitkom hat die Umfrage kurz vor Beginn der IFA in Berlin veröffentlicht, wo Samsung seine Galaxy Gear präsentierte. Sie war zwar bei weitem nicht die erste Smartwatch auf dem Markt, schon 2004 zauberte Microsoft die erste SPOT Watch aus dem Hut und die erste Meta Watch verband sich bereits 2011 mit Android-Smartphones. Doch die Pioniere gerieten in Vergessenheit und aktuelle Uhren wie Sonys SmartWatch, Motorolas Motoactv oder das Kickstarter-Projekt Pebble fanden im Vorfeld ihrer Veröffentlichung nicht annähernd so viel Beachtung in den Medien wie die Galaxy Gear.

Samsung dominiert

Tatsächlich ist Samsungs Android-Uhr aktuell mit einem Marktanteil von 71 Prozent die erfolgreichste Smartwatch auf dem Markt, die Verkaufszahlen der Nachfolger frisch veröffentlichten Gear 2 und Gear Fit noch gar nicht eingerechnet. Doch stimmen die Zahlen von Strategy Analytics, hat auch Samsung bisher insgesamt nur 1,5 Millionen Gears weltweit abgesetzt. Angesichts von angeblich alleine in Deutschland über elf Millionen potenziellen Käufern sind die Smartwatches also noch weit von einem Durchbruch entfernt. Zum Vergleich: 2013 wurden laut IDC weltweit erstmals mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft, davon 31,3 Prozent von Samsung. Und Statista prognostiziert auch für die folgenden Jahre ein gesundes Wachstum.

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Pebble hat sich mit der "Steel" vom Kickstarter zum ernsthaften Samsung-Konkurrenten gemausert.

(Foto: Pebble)

Prognosen und Wirklichkeit klaffen bei Smartwatches also noch weit auseinander. Laut Strategy Analytics hat Samsung im ersten Quartal 2014 etwa 500.000 Gears verkauft, die Konkurrenten zusammen vermutlich nicht mehr als 250.000 Geräte. Die Analysten von NextMarket Insights beispielsweise erwarten aber für dieses Jahr noch einen Absatz von 15 Millionen Smartwatches weltweit, der bis 2020 auf 324 Millionen Geräte wachsen soll. BI Intelligence sieht in diesem Jahr sogar schon die 20-Millionen-Grenze in greifbarer Nähe und erwartet für 2018 mehr als 80 Millionen verkaufte Smartwatches.

Ist die Smartwatch also kein "next big thing", sondern eher "the next big flop"? Nicht unbedingt. In den kommenden Monaten werden die ersten Geräte mit Android Wear erwartet, Googles speziell für "Wearables" angepasstes Betriebssystem. Und im Herbst erwarten einige Analysten mit Apples iWatch fast schon eine Art Urknall für die Smartwatches.

Nur wenige suchen eine Smartwatch

Vermutlich werden die Verkäufe mit Einführung dieser Geräte tatsächlich signifikant in die Höhe gehen. Doch es sind Zweifel angebracht, dass Smartwatches bereits in diesem Jahr auch nur in die Nähe der Massentauglichkeit kommen werden. Auch eine nüchterne Analyse in Google Trends spricht dagegen: Verglichen mit der Zahl der Suchen nach dem Begriff "Smartphone" ist das Interesse an "Smartwatch" und "iWatch" verschwindend gering und nimmt voraussichtlich auch im Jahresverlauf kaum zu.

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So stellt sich Google eine spezielle Navigation für Android Wear vor.

(Foto: Google)

Die Handgelenk-Computer sind wahrscheinlich vor allem deshalb noch so unpopulär, weil sie ohne Smartphone kaum zu gebrauchen sind. Smartwatches sind Geräte, die sich Menschen zusätzlich anlegen müssen, ohne einen entsprechenden Zusatznutzen zu erhalten, der die Extra-Last rechtfertigen würde. Im Großen und Ganzen zeigen die Uhren heutzutage neben Zeit und Datum immer noch vor allem Nachrichten und E-Mails an, die auf dem Smartph one eingehen oder sie dienen als Fernsteuerung. Extras, die die Geräte alleine erledigen können, sind rar. Samsungs Gear 2 ist vergleichsweise üppig ausgestattet,  zählt aber auch nur Schritte und misst den Puls, spielt MP3-Songs ab, nimmt Sprachmemos auf und hat eine Kamera im Gehäuse. Dabei ist die Gear 2 im vollen Umfang nur mit Samsungs Galaxy-Smartphones nutzbar und ihre Musik- und Kamera-Fähigkeiten haben enge Grenzen.

Design und Apps entscheidend

Zweifelsohne werden künftige Smartwatch-Generationen weitere Funktionen erhalten und flexibler einsetzbar sein. Doch alleine schon weil dies ihre kleinen Akkus überfordern würde, können die Geräte vermutlich auch auf absehbare Zeit nicht dauerhaft ohne Smartphone auskommen. Über Erfolg oder Misserfolg der Smartwatches werden daher hauptsächlich zwei Faktoren entscheidend sein: Die Gadgets müssen sich durch Design, Verarbeitung und Materialien als Schmuckstücke erweisen, die als Zierde und nicht als Last wahrgenommen werden. Außerdem benötigen die Geräte eine genügend große Anzahl von eigenständigen Apps, die Besonderheiten der Geräte berücksichtigen und nutzen, um den Trägern zusätzliche Funktionen zu bieten, die sie nicht nach einem schnellen Griff in die Tasche auch auf dem Smartphone finden. Googles Android-Wear-Abteilung erklärt dies in einem Blogeintrag anhand einer möglichen Navigations-App, die unter anderem auch auf runden Displays funktionieren muss.

Vielleicht kommt die Smartwatch nie aus ihrem Nischendasein heraus, aber es wäre vermessen jetzt schon ihren Misserfolg zu prophezeien. Den gleichen Fehler haben viele schon bei MP3-Playern und Smartphones gemacht, bevor Apple iPod und iPhone vorstellte. Doch obwohl es durchaus deutliche Parallelen gibt, hinkt ein Vergleich mit der Vergangenheit etwas. Denn diesmal scheint Google mit Android Wear einen großen Schritt voraus zu sein und es wird für Apple schwer, eine iWatch zu präsentieren, die alles verblüffend elegant und leicht aussehen lässt, was die Konkurrenz zuvor umständlich und plump versucht hat. Der Wettkampf der Systeme wird spannend und wer zu den elf Millionen potentiellen Smartphone-Käufern gehört, sollte sich erstmal entspannt zurücklehnen, abwarten und vielleicht Ende des Jahres zuschlagen - oder auch nicht.

Quelle: ntv.de

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