Wirtschaft

Der Brexit ist da - und nun? Die Suche nach einer Zukunft geht weiter

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Halbleere Regale in einer "Marks & Spencer's"-Filiale in der Lisburn Road: In Nordirland bekommen Verbraucher den Brexit im Supermarkt zu spüren.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Britische Unternehmer machen ihrem Unmut Luft. Bürokratie, Zollvorschriften, Lebensmittelengpässe - Londons angeblich "fantastischer Brexit-Deal" mit der EU hält dem Realitätscheck nicht stand. Nur zwei Wochen nach EU-Austritt fordern sie Nachverhandlungen. Welche Optionen hat London?

Zur allgemeinen Erleichterung ist der Brexit-Vertrag Ende 2020 doch noch zustande gekommen. Nach vierjährigem zähen Verhandlungsmarathon hat Großbritannien die Europäische Union nun verlassen. Aber wie werden sich die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien ab jetzt weiter entwickeln?

Schon zwei Wochen nach dem EU-Austritt geben sich britische Verbände schockiert über die Konsequenzen. Premier Boris Johnson hatte das EU-Abkommen als "fantastischen Deal" gepriesen. Die Wahrheit sieht anders aus: Handelsbarrieren, zusätzliche Bürokratie und mehrere britische Supermarktketten berichten bereits von Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung in Nordirland. Blickt man aus den historischen Erfahrungen in die Zukunft, gibt es fünf Möglichkeiten für Großbritannien und die EU:

Über den Autor

Hartmut Kaelble ist emeritierter Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin und lehrte zudem lange am Europakolleg in Brügge. Er gehört zu den bekanntesten Sozialhistorikern Europas.

Eine erste - zugegebenermaßen ziemlich unwahrscheinliche - Option ist, dass Großbritannien künftig eine ähnliche Rolle als Innovationsführer einnehmen wird wie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Damals war Großbritannien die Lokomotive für die Industrialisierung in ganz Europa. Trotz seiner bedeutenden Forschungspotenzen sieht es im Moment allerdings nicht danach aus, dass die Insel noch einmal eine solche Rolle übernehmen wird. Die wichtigsten Innovationen kommen heute - anders als damals - von außerhalb Europas, aus den USA und aus Ostasien.

Eine zweite, ähnlich unwahrscheinliche Option ist, dass Großbritannien sich wie im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ökonomisch von Europa abwendet, die Schwerpunkte seines Außenhandels auf außereuropäische Märkte konzentriert und damit Europa für Großbritannien ein wirtschaftlich weit entfernter, abgetrennter, nebensächlicher Markt wird. Würde dieses Szenario eintreten, wäre das eine Wiederholung der Geschichte, denn bis in die Nachkriegszeit nach 1945 war kein anderes größeres europäisches Land im Außenhandel wirtschaftlich so wenig mit Europa verflochten wie Großbritannien. Eine Rückkehr zu diesem Zustand würde allerdings voraussetzen, dass Großbritannien seine damaligen Märkte in Afrika, in Südasien und in Ostasien zurückgewinnt, die auf dem britischen Kolonialreich aufbauten. Das allerdings ist ein äußerst unwahrscheinliches Wunschbild vieler Brexiteers.

Eine dritte Option ist der Verfall Großbritanniens: die Abkehr Schottlands und Nordirlands vom Vereinigten Königreich und darüber hinaus die Spaltung zwischen dem Süden Englands, der gerne in der EU verblieben wäre, und dem nördlichen Teil Englands, der die EU verlassen wollte. Auch diese Rückkehr in die mittelalterliche Aufteilung des heutigen Vereinigten Königreichs ist jedoch unwahrscheinlich.

Die vierte Option: Großbritannien kehrt nach zehn oder zwanzig Jahren in die EU zurück. Voraussetzung hierfür wäre, dass Kontinentaleuropa noch einmal wie in den 1950er und 1960er Jahren wirtschaftlich weit rascher wächst als Großbritannien, die Wirtschaft Großbritanniens in eine strukturelle Rezession gerät und Großbritannien noch einmal als Ausweg aus dieser Malaise Mitglied in der EU wird. Aber auch das ist unwahrscheinlich, weil der kontinentale Wirtschaftsboom damals ein ganz einmaliger Aufholprozess nach der schweren Krise des Zweiten Weltkrieges war und die wirtschaftliche Malaise Großbritanniens viel mit der ähnlich einmaligen Dekolonisation und den britischen Folgen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatte. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich die Schere des Wirtschaftswachstums zwischen dem Kontinent und England noch einmal so stark öffnet und daher die Mitgliedschaft in der EU für eine starke Mehrheit von Briten eine Option werden wird.

Bleibt also nur noch die fünfte und wahrscheinlichste Option: eine enge wechselseitige Beziehung in wirtschaftlicher, sicherheitspolitischer und wissenschaftlicher Hinsicht zwischen dem Kontinent und Großbritannien, für die der Vertrag die Voraussetzungen bietet. Wie diese zukunftsträchtigste Option im Einzelnen aussehen könnte, ist völlig unklar. Denn hierfür kann man nicht auf eindringliche Entwicklungen in der Geschichte zurückgreifen. Diese Option wird stark von der künftigen Politik der EU und der britischen Regierung abhängen.

Machtverlust und Streitigkeiten

Es kann sein, dass noch andere Mitgliedsländer der Europäischen Union solche Verträge mit formal größerer nationaler Eigenständigkeit als Großbritannien oder auch die Schweiz und Norwegen wählen wollen und ihre Mitgliedschaft in der EU beenden. Dann könnte die Union im schlimmsten Fall zu einem Kerneuropa schrumpfen, dessen Ausdehnung nur noch schwer vorhersehbar ist, oder sogar, wenn alte Kernländer austreten, zu einer kleinen Zollunion zurückfallen. In einem neuen Kalten Krieg zwischen den USA und China würde Europa wieder wie im historischen Kalten Krieg vor 1990 ein Spielball außereuropäischer Mächte werden, und die Grundentscheidungen über Europa würden in Machtzentren außerhalb Europas gefällt werden.

Es kann auch sein, dass die EU voll erhalten bleibt, aber sowohl in Großbritannien als auch in der EU das Wirtschaftswachstum und die wirtschaftliche Dynamik in einer Postcoronakrise enttäuschend mager ausfällt. Außerdem wäre es möglich, dass beide Partner sich über die vielen, bisher im Vertrag nicht klar geregelten Punkte in jahrelange, zähe Streitigkeiten verwickeln und dabei zwar ein dauerhaftes, aber streitbeladenes Verhältnis entsteht, das für beide Seiten nicht besonders produktiv ist. Eine fehlgeleitete Politik der EU könnte solche Umstände sogar zu nutzen versuchen, um damit den Zusammenhalt der 27 Mitgliedstaaten der EU erhalten zu wollen. Das wäre kein dominoartiger Verfall der EU, aber keineswegs optimal.

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Die beste Entwicklung wäre eine enge Partnerschaft und Verflechtung von Großbritannien und EU ähnlich dem Verhältnis zwischen Kanada und den USA, aus dem für beide Seiten produktive Situationen für Wirtschaftswachstum, aber auch für die politischen Werte, für die Wissenschaft und für die äußere Sicherheit entstehen. Ein gutes historisches Beispiel gibt es auch dafür in der europäischen Geschichte nicht. Aber warum sollte nicht etwas Neues entstehen können?

Wie die Beziehungen zwischen EU und Großbritannien im Einzelnen aussehen werden, hängt in hohem Maße von der vorausschauenden, auf lange Optionen ausgerichteten Politik der EU ab, die sich an ihren Grundzielen des Zusammenhalts, der Friedenssicherung, der Wirtschafts- und Umweltdynamik und der gemeinsamen politischen Werte orientiert.

Quelle: ntv.de