Wirtschaft

Brexit schlimmer als Grexit "Eine kleine Eurokrise droht"

0d02daa6d6f705b0ebfae839644adceb.jpg

Brexit-Anhänger bei einer Vote-Leave-Kampagne in London.

(Foto: REUTERS)

Brexit-Befürworter leben in einem "Wolkenkuckucksheim". Das sagt Chefvolkswirt Holger Schmieding von der Berenberg Bank im Gespräch mit n-tv.de. Er fürchtet um den wirtschaftlichen und politischen Zusammenhalt Europas und sieht besonders einen großen Verlierer.

n-tv.de: Wie dramatisch ist ein Brexit?

Holger Schmieding: Ein Brexit ist das größte Risiko für die europäische Wirtschaft und den politischen Zusammenhalt Europas in diesem Jahr. Ein Brexit könnte zu erheblicher Unsicherheit und einigen Turbulenzen führen. Er wirft viele wirtschaftliche und politische Fragen auf, die das Geschäftsklima und das Investitionsverhalten von Unternehmen beeinträchtigen könnten -  nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem Kontinent.

Was genau kann denn passieren?

Wirtschaftlich lautet die Kernfrage: Wie würde der künftige Austausch von Gütern und Dienstleistungen mit Großbritannien geregelt? Keiner weiß es. Diese Unsicherheit ist Gift für die Konjunktur. In Großbritannien wird die Wirtschaft schon jetzt durch die Brexit-Diskussion belastet, die Investitionen haben in den letzten Monaten sichtbar abgenommen. Die Briten wären die großen Verlierer, vermutlich käme es zu einem weiteren Einbruch der Unternehmensinvestitionen. Das hätte auch auf Deutschland Rückwirkungen. Außerhalb der Eurozone ist Großbritannien für Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner - fast gleichauf mit den USA.

Wie werden die Märkte am 24. Juni, dem Tag nach dem Referendum, reagieren?

Die Märkte glauben nicht daran, dass die Briten für einen Brexit stimmen. Kommt es am 23. Juni anders, dürften am 24. Juni die Märkte in die Knie gehen. Das britische Pfund und der Euro würden fallen. In dem Fall droht sogar eine neue kleine Eurokrise. Denn Zweifel am Zusammenhalt des Euroraumes und der Europäischen Union könnten zu erhöhten Risikoprämien innerhalb Europas führen. Das heißt: Flucht von Kapital aus Randeuropa nach Deutschland mit Auswirkungen auf Zinsen und Aktien. Die Aktien würden runtergehen, die Zinsen etwa für Italien steigen, die für deutsche Bundesanleihen wahrscheinlich auf null oder in den negativen Bereich fallen.

Profitieren Europas Finanzplätze nicht von einem Brexit?

Selbst nach einem Brexit würde London die mit Abstand wichtigste Finanzmetropole in Europa bleiben. Sie würde aber einen Teil ihrer Aktivitäten, die besonders regulierungsintensiv sind und eng mit dem Euro zusammenhängen, an andere europäische Finanzzentren abgeben müssen, die weiterhin zur EU gehören. Hier könnten Dublin, möglicherweise Edinburgh - falls Schottland in der EU bleibt und aus dem Vereinigten Königreich austritt - Amsterdam, Frankfurt und Paris profitieren. Frankfurt würde aber nicht den Löwenanteil abbekommen.

Wie hoch werden die Verluste für Großbritannien in Zahlen sein?

Großbritannien muss mit erheblichen Verlusten rechnen, könnte es doch mit der EU, seinem größten Handelspartner und Absatzmarkt, nicht mehr so frei handeln wie früher. Die City of London würde Arbeitsplätze verlieren. Wie hoch die Verluste insgesamt sind, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. Das hängt vor allem vom Ergebnis der Scheidungsverhandlungen ab.

Wie werden diese Verhandlungen aussehen?

Es ist ganz einfach: Großbritannien erzielt 14 Prozent seiner Wirtschaftsleistung durch Ausfuhr in andere EU-Länder, umgekehrt sind es knapp 4 Prozent. Großbritannien hat damit wesentlich mehr zu verlieren, entsprechend wird die andere Seite weitgehend die Bedingungen diktieren.

Die da wären?

Beim Handel mit Gütern dürfte der freie Markt bestehen bleiben. Es gibt keinerlei Grund, den Export von Flugzeugmotoren aus Großbritannien nach Europa schärfer zu regulieren als bisher. Bei Dienstleistungen, bei denen Großbritannien im Vergleich mit anderen EU-Ländern einen Überschuss hat, wird die EU den Briten wahrscheinlich viel abverlangen: Entweder muss London alle EU-Regulierungen immer voll umsetzen und sogar mehr als bisher ins EU-Budget einzahlen - oder der Zugang zum EU-Markt wird eingeschränkt. Im Dienstleistungssektor ist das Interesse Europas ja nicht so groß, den gegenseitigen Freihandel weiter voll aufrechtzuerhalten. Und je mehr Großbritannien darauf besteht, etwa die Zahl polnischer Klempner im Lande zu beschränken, desto mehr werden Länder wie Polen auf entsprechende Gegenmaßnahmen bestehen in Bereichen, die für London wichtig sind.

Die Brexit-Befürworter sind aber ganz optimistisch, was ihre Verhandlungsposition anbelangt.

Schmieding_1.jpg

Holger Schmieding hat über die europäische Integration promoviert und ist Chefvolkswirt bei Deutschlands ältester Privatbank, der Berenberg Bank.

Die Brexit-Befürworter leben im Wolkenkuckucksheim. Sie überschätzen die britische Verhandlungsposition dramatisch. Zudem machen sie es sich sehr einfach. Sie gucken darauf, wie es heute ist – es ist nicht perfekt – dann lehnen sie sich zurück und sagen: "Bei einem Brexit würde alles besser. Wir kämen in eine Traumwelt, wie ich sie mir wünsche." Erstens ist das völlig unrealistisch. Zweitens sind sich die Brexit-Befürworter nicht einmal einig, was ihre jeweilige Wunschwelt ist. Die einen wollen viel weniger Einwanderung. Die anderen sind für Einwanderung, wollen sich aber die Einwanderer aussuchen und nicht durch EU-Verträge gebunden sein. Einige wollen ein Freihandelsabkommen mit der EU, andere nicht. Wie dieses Nirvana nach einem Brexit aussehen soll – mit oder ohne Einwanderer aus der EU, mit oder ohne ein EU-Freihandelsabkommen, das den Briten EU-Regulierungen auferlegen würde –, das ist bei den Brexit-Befürwortern völlig unklar.

Wie geht es am 24. Juni bei einem Ja zum EU-Austritt weiter?

Premierminister David Cameron wird wahrscheinlich nicht mehr die Exit-Verhandlungen führen. In London gäbe es eine politische Krise. Auf der Seite der EU ist die Sache leichter. Sie hat wirtschaftlich weniger zu verlieren und kann sich zurücklehnen und sagen: "Wir warten mal auf Euer Angebot." Jedes Ergebnis müsste dann von allen anderen EU-Staaten ratifiziert werden. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicher nicht: freier Marktzugang für britische Dienstleister zu Europa.

Ist die Gefahr so groß wie bei einem Grexit?

Die Gefahren eines Brexits sind um ein Vielfaches größer als die Gefahren, die von dem kleinen Griechenland ausgehen konnten. Der Grexit war ein emotionales Thema in Deutschland, an dem viele Beobachter sich abarbeiten konnten, gelegentlich mit einer Prise Schadenfreude. Dabei wären die wirtschaftlichen Folgen eines reinen Grexits gering gewesen, seit die Europäische Zentralbank zum Glück dafür gesorgt hat, dass die Diskussion über Griechenland keine Ansteckungswirkungen mehr auf Finanzmärkte und Konjunktur in wichtigen Ländern wie Spanien, Italien, Frankreich oder Deutschland hat.

Das hört sich so an, als hätte Cameron nicht gewusst, was er tat, als er das Referendum einberief.

Das Referendum hat Cameron vor allem angesetzt, weil er seine eigene Partei vor der letzten Unterhauswahl einigen wollte. Die Tories sind seit 25 Jahren in der Europa-Frage fürchterlich zerstritten, auf ein Referendum konnten sich aber nahezu alle einigen. Ob sich Cameron verrechnet hat, werden wir am Abend des 23. Juni wissen. Wenn es für ihn gut geht, wird er der Sieger sein. Wenn es schief geht, wird er wahrscheinlich in die Geschichte als der konservative Premierminister eingehen, der aus kurzfristigen parteitaktischen Überlegungen die Zukunft seines Landes nicht nur aufs Spiel gesetzt, sondern teilweise sogar verspielt hat.

Mit Holger Schmieding sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema