Wirtschaft

Ökonomen erwarten "Finanzkrieg" Russland ringt um Luft

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Experten halten die Sanktionen für den Grund der Krise, die Bundesregierung sieht das anders.

(Foto: REUTERS)

Die russische Wirtschaft steht am Abgrund. Volkswirte schließen sogar eine Staatspleite nicht mehr aus und sprechen von einem Finanzkrieg. Einmal mehr muss die Zentralbank eingreifen. Die Regierung belässt es bei Appellen.

Der drohende Kollaps der russischen Wirtschaft alarmiert Deutschland und Europa. "Die Lage ist tatsächlich ernst", sagte ein Sprecher von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Allerdings bestritt die Bundesregierung, dass vor allem die vom Westen verhängten Wirtschaftssanktionen zu der Krise geführt hätten. Auch ein Vertreter der EU-Kommission betonte, "niemand hat ein Interesse daran, dass Russland in eine tiefe Depression stürzt." Deshalb müssten alle Möglichkeiten genutzt würden, um in der Ukraine-Krise mit Russland ins Gespräch zu kommen.

Die Regierung in Moskau stemmte sich derweil gegen den Verfall des Rubel und kündigte an, zur Stützung der Währung Devisenreserven zu verkaufen. Ministerpräsident Dmitri Medwedew hält trotz der Rubelschwäche eine starke Regulierung des Devisenmarktes nicht für nötig. Dortige Aktionen sollten auf Marktmechanismen beruhen, sagte der Regierungschef laut der Agentur Interfax.

Das Finanzministerium in Moskau kündigte an, Russland sei bereit, Devisen im Wert von sieben Milliarden Dollar auf den Markt zu werfen. Der Verkauf könne schrittweise über die Bühne gehen. Diese Erklärung verlieh dem Rubel etwas Auftrieb. Der Dollar notierte am frühen Nachmittag rund drei Prozent schwächer bei rund 66 Rubel. Am Dienstag hatte der Greenback zeitweise ein Rekordhoch von knapp 80 Rubel erreicht.

Medwedew bezeichnete den Kurs als nicht mehr angenehm für die russische Wirtschaft. Die Lage auf den Devisenmarkt hänge eng mit dem Verhalten der russischen Exporteure zusammen. Einen Grund für den jüngsten Anstieg des Rubels sehen Experten darin, dass Exportunternehmen Dollar verkauft haben, um ihre monatlich fälligen Steuern zu zahlen. Der Regierungschef appellierte an die Exporteure, sich "verantwortlich" zu verhalten und keine Devisen zu horten.

Die russische Wirtschaft leidet unter den westlichen Sanktionen wegen der Rolle der Moskauer Regierung in der Ukraine-Krise. Außerdem brechen dem Land die Einnahmen aus den Erdöl-Exporten weg. Der Ölpreis fiel aufgrund des weltweiten Überangebots seit Sommer um etwa die Hälfte. Die Zentralbank des Landes hat sich jüngst mit einer drastischen Zinserhöhung gegen die Turbulenzen und eine massive Kapitalflucht gestemmt.

Kein Einlenken erkennbar

"Die gute Nachricht von heute ist, dass der Rubel zumindest nicht weiter fällt", sagte Analyst Neil Shearing von Capital Economics. Wenn es bei den Ölpreisen aber weiter deutlich bergab gehen sollte, dürfte die Zentralbank nicht in der Lage sein, den Rubel-Verfall aufzuhalten. Dann dürften Kapitalkontrollen näher rücken, um die Flucht von Investoren-Geldern zu stoppen. Dabei würde der Staat eingreifen und verhindern, dass Rubel beliebig in Devisen wie Euro und Dollar getauscht werden können.

Die Bundesregierung beobachtet die Entwicklung in Russland aufmerksam. Die Krise gehe aber nicht vorrangig auf die von EU und USA im Zuge des Ukraine-Konflikts gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen zurück, sagte ein Regierungssprecher. Der Vertreter der EU-Kommission sagte, Russland müsse zu einer Lösung der Ukraine-Krise auf Grundlage des Minsker Abkommens zurückkehren. Bisher seien keine derartigen Schritte sichtbar.

Der EU-Gipfel wird sich am Donnerstag und Freitag auch mit der Frage der EU-Sanktionen gegen Russland befassen. Die EU-Staaten verständigten sich nach Angaben aus Diplomatenkreisen darauf, Sanktionen gegen die von Russland annektierte Halbinsel Krim zu verschärfen. Die Strafmaßnahmen richteten sich etwa gegen Investitionen in die Ausbeutung von Öl- und Gasvorkommen im Schwarzen Meer, wie drei EU-Vertreter mitteilten.

Auch Ökonomen indes sehen den Ukraine-Konflikt als Knackpunkt für Russlands Krise. "Nur dann, wenn die Sanktionen wieder aufgehoben werden und ausländisches Kapital und Kapital von russischen Investoren wieder ins Land reinkommt, wird sich die Lage wieder stabilisieren können", sagte der Präsident des Berliner DIW-Instituts, Marcel Fratzscher. Er sieht derzeit die Wahrscheinlichkeit einer Staatspleite Russlands bei rund 33 Prozent.

Banken drehen den Geldhahn zu

Nach Ansicht des Chefvolkswirts von Degussa Goldhandel, Thorsten Polleit, schnüren die von den USA und Europa eingeleiteten Sanktionen der russischen Wirtschaft zunehmend die Luft ab. Er verweist darauf, dass die USA und ihre Verbündeten die russischen Banken und Firmen von den internationalen Aktienmärkten de facto abgeschnitten haben. "Eine Reihe von russischen Unternehmen erhält keine langfristigen Kredite mehr", sagte Polleit, der von einem "Finanzkrieg" gegen Russland spricht.

Wegen extremer Schwankungen des Rubel stellte Apple in Russland den dortigen Verkauf über das Internet ein. Der US-Konzern will nun seine Preisgestaltung überarbeiten.

Auch die Banken lässt die Abwärtsspirale der russischen Wirtschaft nicht weiter unbeeindruckt: Sie halten sich mit Geschäften in Russland und in der Währung des Landes zunehmend zurück. So berichten Informanten, dass Goldman Sachs seit dieser Woche Anfragen institutioneller Kunden zurückweist, an in Rubel denominierten Rückkaufvereinbarungen und anderen Transaktionen zur Generierung von Bargeld teilzunehmen.

Banker und Händler berichteten, bestimmte Rubel-Transaktionen seien diese Woche durch westliche Geldhäuser weiter eingeschränkt worden. Dabei sind es gerade die Banken, die teilweise immer noch versuchen, Gewinne aus den starken Ausschlägen der russischen Währung zu schlagen. Die jüngste Zurückhaltung bei Rubel-Geschäften, mit der die Banken sich vor Verlusten schützen wollen, ist insbesondere für das russische Finanzsystem negativ, das nun noch stärker auf sich allein gestellt ist.

Quelle: ntv.de, bdk/rts/DJ

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