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Überraschender Fund in SibirienForscher spüren ältesten Nachweis für die Pest auf

17.06.2026, 17:32 Uhr
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Der Schädel eines 9- bis 11-jährigen Mädchens, das zusammen mit Pestopfern auf dem Friedhof Ust'Ida I beigesetzt wurde. (Foto: Angela Lieverse7dpa)

Eine neue Studie stellt das bisherige Wissen über die Pest auf den Kopf. Die Krankheit ist demnach viel älter als angenommen und traf schon Jäger und Sammler. Die hohe Zahl infizierter Kinder und ganzer Familien in den untersuchten Gräbern gibt den Forschern bis heute Rätsel auf.

Die Pest ist eine Geißel der Menschheit, die in Eurasien vor allem seit der späten Antike, im Mittelalter und bis in die Neuzeit große Teil der Bevölkerung dahingerafft hat. Doch seit wann die bakteriell verursachte Seuche Menschen zusetzte, war bislang unbekannt. Nun haben Forscher im Südosten von Sibirien den bislang frühesten Nachweis für einen tödlichen Pest-Ausbruch gefunden.

Das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen untersuchte in der Umgebung des Baikalsees im heutigen Russland vier bis zu 5500 Jahre alte Friedhöfe. Dort war mehr als ein Drittel - 39 Prozent - der bestatteten Menschen mit dem Pest-Erreger Yersinia pestis infiziert, wie das Team im Fachjournal "Nature" schreibt.

"Bisher war umstritten, ob die frühesten Formen der Pest mild oder aggressiv waren", erläuterte Willerslev. "Aber unsere Resultate zeigen, dass diese alten Stämme bereits sehr tödlich waren."

Pest gibt es bis heute

Der Fund wirft auch ein Schlaglicht auf viele weitere Rätsel um die Herkunft und die Verbreitungswege der Pest. Zudem widerlegt er die viel zitierte Annahme, erst die Einführung der Landwirtschaft - mit der daraus resultierenden höheren Bevölkerungsdichte und der Gründung von Städten - habe große Epidemien der Pest und anderer Infektionskrankheiten ermöglicht.

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Illustration von Jägern und Sammlern am Baikalsee vor 5500 Jahren, die Opfer einer Seuche begraben. (Foto: Kelvin Wilson/dpa)

Zwar gab es im 4. Jahrtausend vor Christus in vielen Regionen Eurasiens schon längst Ackerbau, doch in der Baikal-Region lebten die Menschen damals noch als Jäger und Sammler, wie das Team um Erstautor Ruairidh Macleod betont, der inzwischen an der Universität Oxford forscht.

Ausbrüche der Pest zählten zu den katastrophalsten Epidemien der Menschheitsgeschichte, schreiben die Autoren. Beispiele dafür in Europa sind unter anderem die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert, der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert oder die Große Pest im frühen 18. Jahrhundert, denen jeweils Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Bis heute taucht die Krankheit in verschiedenen Weltregionen auf, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor allem in Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Peru.

Erreger-Erbgut aus Zähnen rekonstruiert

Unklar war bisher, woher die Krankheit stammt, wann die ersten Ausbrüche begannen und welche Folgen sie hatten. Dazu liefert die aktuelle Studie wichtige Erkenntnisse. Bekannt ist, dass sich der Erreger irgendwann während der vergangenen schätzungsweise 50.000 Jahre von seinem engsten Verwandten abgespalten hat, dem Yersiniose-Erreger Yersinia pseudotuberculosis.

Entdeckt wurden zwar bereits frühe, etwa 5000 Jahre alte Varianten des Bakteriums Y. pestis in Schweden und Lettland - ihnen fehlten jedoch die klassischen Virulenzgene, so dass unklar ist, wie aggressiv diese frühen Erreger tatsächlich waren. Zudem fehlte ihnen die genetische Voraussetzung, die für die Übertragung des Bakteriums von tierischen Wirten durch Flöhe auf den Menschen erforderlich sind. Auch daher war fraglich, ob diese Erreger überhaupt dazu in der Lage waren, größere Ausbrüche zu verursachen.

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Anhand der Grabfunde wurde eine vollständige Genomsequenz des Peststamms untersucht, mit denen die Menschen infiziert waren. (Foto: Vladimiri Bazaliiskii/dpa)

"Hinweise zu den demografischen Auswirkungen von Pestinfektionen auf prähistorische Bevölkerungen fehlten in Studien bisher", schreibt die Gruppe. Die Forscher untersuchten nun vier Friedhöfe aus der Region westlich und nördlich des Baikalsees, die zwischen 4900 und 5500 Jahre alt sind. Dabei rekonstruierten sie aus Zähnen das Erbgut der bakteriellen Erreger.

Vor allem Kinder von acht bis elf Jahren betroffen

Auf den Friedhöfen enthielten 18 der 46 Menschen - also 39 Prozent - Erbgut des Pest-Erregers. Diesen hohen Anteil infizierter Menschen interpretiert das Team als Hinweis auf "eine katastrophale Sterblichkeit" unter Gruppen, die zu jener Zeit offenbar in engem Kontakt standen. "Auf Grundlage der Pest-DNA, der genetischen Beziehung zwischen den Opfern, der archäologischen Analyse und der Radiokarbon-Datierung schufen wir ein klares vollständiges Bild davon, was während dieser Ausbrüche geschah", erläuterte Erstautor Macleod.

Viele der Toten wurden vermutlich binnen kurzer Zeit bestattet, oft handelte es sich um enge Verwandte wie Geschwister oder Eltern und ihren Nachwuchs. Unter den Toten der beiden größeren Friedhöfe waren auffällig viele Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren, Menschen zwischen 20 und 35 Jahren waren dagegen kaum darunter.

Übertragung durch Tröpfchen-Infektion?

Dies könnte eventuell damit zu tun haben, dass ältere Individuen möglicherweise schon früher mit der Pest in Kontakt gekommen und dadurch eher geschützt waren, spekuliert das Team. Möglich sei aber auch, dass Kinder vor der Pubertät aufgrund ihres Immunsystems besonders anfällig für die Folgen der Krankheit waren.

Eine weitere Ursache könnte die Arbeitsteilung in den betroffenen Gruppen sein. Als sicher gilt, dass ein Reservoir des Erregers in Sibirischen Murmeltieren (Marmota sibirica) lag, die wegen ihres Fleischs und Fells gejagt wurden. Menschen könnten sich während des Schlachtens und Häutens solcher Tiere infiziert haben, schreiben die Forscher.

Im Gegensatz zu späteren Erregern wurden die damaligen Pest-Bakterien vermutlich nicht über Flöhe übertragen, da ihnen das sogenannte ymt-Gen fehlt, das für die Besiedlung dieser Insekten erforderlich ist. Möglicherweise sei der Erreger per Tröpfchen-Infektion beim Husten von Mensch zu Mensch übertragen worden, schreibt die Gruppe - ähnlich wie bei der heutigen Lungenpest.

Etwa 350 Tierarten bilden Reservoire für Pest-Erreger

Virulente Pest-Stämme gebe es vermutlich schon seit 5700 Jahren, vermutet die Gruppe. "Diese Resultate zeigen, dass Pest-Ausbrüche früher als bisher angenommen vorkamen und tatsächlich tödlich waren." Möglicherweise sei die Krankheit in Mittel- oder Nordost-Asien entstanden und habe sich von dort aus in Eurasien verbreitet, über Reservoire in Nagetieren wie etwa Murmeltieren.

Studien deuten den Autoren zufolge darauf hin, dass derzeit etwa 350 Arten Reservoire für Pest-Erreger bilden. Dies unterstreiche die Verbreitung von Infektionen durch Erreger, die ursprünglich aus dem Tierreich stammen. "Diese Erkenntnisse sind ebenso wichtig wie vor 5500 Jahren für die Herausforderungen, vor denen die heutige Welt steht", schreibt die Gruppe. 75 Prozent der neuen menschlichen Krankheitserreger stammen demnach aus dem Tierreich.

Erreger aus Tierreich durch Landwirtschaft und Viehzucht

Zwar widerlegt die Studie die Vermutung, dass Epidemien von Infektionskrankheiten erst nach Einführung der Landwirtschaft entstehen konnten. Doch dass Jäger und Sammler tatsächlich weniger von solchen Ausbrüchen heimgesucht wurden, ergab erst voriges Jahr eine große Genomstudie im Fachjournal "Nature", ebenfalls unter Leitung von Willerslev.

Dabei untersuchte das Team - darunter auch deutsche Forscher - die Genome von mehr als 1300 Menschen aus Eurasien, die vor bis zu 37.000 Jahren lebten. Die Analyse belegt, dass eurasische Jäger und Sammler weniger Krankheitserreger trugen als spätere Bauern und Hirten. Ganz frei davon waren aber auch sie nicht. So fand das Team etwa den Erreger der Darmentzündung Yersiniose, Yersinia enterocolitica, bei einem Menschen, der vor etwa 6400 Jahren im Gebiet des heutigen Dänemarks lebte. Noch wesentlich älter ist der Nachweis des Hepatitis-B-Virus bei Bewohnern Sibiriens, die vor knapp 10.000 Jahren lebten.

Doch gerade Erreger, die von Tieren auf den Menschen übersprangen, tauchten demnach mit der Landwirtschaft und Viehzucht vermehrt auf. "Obwohl es zoonotische Fälle wohl auch schon vor mehr als 6500 Jahren gab, stiegen das Risiko und das Ausmaß wahrscheinlich erst mit der verbreiteten Annahme von Viehzucht und Hirtentum an", schrieb das Team damals.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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