Wissen

Ein Blick nach Großbritannien Ist die Angst vor Delta berechtigt?

Delta Coronavirus.jpg

Die Delta-Variante des Coronavirus kann sich schneller vermehren und ist bis zu 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante B.1.1.7.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Delta wird spätestens im August auch in Deutschland die dominante Sars-CoV-2-Variante sein, weshalb die Sorge vor einer vierten Corona-Welle im Herbst wächst. Was passieren könnte, wenn die Inzidenzen wieder deutlich steigen, zeigt ein Blick nach Großbritannien.

Den jüngsten RKI-Zahlen zufolge trägt die zuerst in Indien entdeckte Sars-CoV-2-Variante Delta (B.1.617.2) in Deutschland bereits zu 15 Prozent zum Infektionsgeschehen bei und hat damit seinen Anteil zum zweiten Mal fast verdoppelt. Die Werte hinken der Realität 14 Tage hinterher, inzwischen dürfte der Anteil schon deutlich höher sein.

Schon bald die dominante Variante

Das Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt in seinem jüngsten Bericht zur Bedrohungslage, dass Delta Anfang August europaweit für 70 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich sein und Ende des Monats einen Anteil von 90 Prozent erreichen wird.

Aktuell sinken die Inzidenzen zwar noch, aber das könnte sich im Laufe des Augusts rasch ändern. Denn wie die britische Regierung geht die ECDC davon aus, dass die Delta-Variante noch mal 40 bis 60 Prozent ansteckender ist als Alpha (B.1.1.7), die Anfang des Jahres die dritte Corona-Welle antrieb. Das ist wahrscheinlich auf Mutationen im Stachel-Protein des Virus zurückzuführen, die dem Virus das Eindringen in menschliche Zellen erleichtern.

Weil sich Delta so rasch vermehren kann, gibt es mehr Infizierte, die bereits Tage vor den ersten Krankheitssymptomen eine hohe Viruslast im Rachen haben und damit hochansteckend sind, ohne es zu bemerken. Man könnte B.1.617.2 daher wie der Wissenschaftler Eric Topol als "Superspreader-Variante" bezeichnen.

Die vierte Welle beginnt bereits

Die aktuelle Entwicklung erinnert stark an die Anfänge der dritten Welle, als im Januar die Inzidenzen zwar insgesamt stark zurückgingen, sich unterdessen aber B.1.1.7 bereits exponentiell verbreitete. Denn laut RKI-Bericht wächst die Zahl der erfassten Delta-Infektionen immer schneller an. In der dritten April-Woche meldeten die Labore sechs Fälle, zwei Wochen später 49. Mitte Mai zählte man 94 Delta-Neuinfektionen, in der ersten Mai-Woche 377, vergangene Woche waren es bereits 1294.

Wie die weitere Entwicklung in Deutschland und anderen europäischen Ländern aussehen könnte, sieht man in Großbritannien, wo sich die Variante durch viele Indien-Reisende schon deutlich früher ausbreiten konnte und laut Public Health England (PHE) bereits vergangene Woche fast 100 Prozent der Neuinfektionen ausmachte.

Virologe Christian Drosten sagte am Dienstag in seinem NDR-Podcast, sollte sich in den RKI-Daten eine Verdopplung der Delta-Variante im Wochentakt zeigen, müsse man sich darauf einstellen, "dass andere Effekte so laufen wie sie in England nun mal gelaufen sind mit der Delta-Variante".

Vor allem jüngere Briten betroffen

In Großbritannien steigt die Sieben-Tage-Inzidenz seit Ende Mai wieder deutlich an. Inzwischen liegt sie den PHE-Daten zufolge wieder bei rund 100. Die Infektionen verteilen sich dabei im Vereinigten Königreich höchst unterschiedlich. Besonders hoch sind die Inzidenzen beispielsweise im Nordwesten Englands oder in Teilen Schottlands, wo in etlichen Regionen 200 oder gar 300 Fälle pro Woche und 100.000 Einwohner registriert werden.

Vor allem durch die hohe Impfquote sind die Infektionen aber auch in den Altersgruppen sehr verschieden. Den jüngsten Zahlen des Office for National Statistics nach steigen die Fallzahlen vor allem bei den 15- bis 34-Jährigen deutlich an, bei jüngeren Kindern ein wenig. Bei den über 35-Jährigen verharren sie dagegen auf einem sehr niedrigen Niveau.

Seit Mitte April läuft in Großbritannien die zweite Phase der Impfkampagne, die alle Erwachsenen unter 50 Jahre einbezieht. Rund 60 Prozent der britischen über 18-Jährigen sind bereits vollständig geimpft, fast 83 Prozent haben die erste Dosis erhalten. Jüngsten Studienergebnissen zufolge, die auch PHE bestätigt, ist man vollständig geimpft auch bei der Delta-Variante zu mehr als 90 Prozent vor einer schweren Erkrankung geschützt - das gilt auch für Astrazeneca.

Da auch in Großbritannien zunächst über 50-Jährige priorisiert geimpft wurden, stecken sich jetzt vor allem jüngere Erwachsene und Kinder mit Delta an. Betroffen sind außerdem etliche Menschen, die bisher nur eine Impfung erhielten, da hier der Schutz vor Delta wesentlich schlechter als vor Alpha ist.

Deutschland im September in ähnlicher Lage

Einen sehr ähnlichen Effekt kann man für Deutschland erwarten. Hierzulande ist bisher zwar nur ein Drittel (27,8 Millionen) der Bevölkerung vollständig geschützt. Bleibt die aktuelle Rate von durchschnittlich rund 810.000 verabreichten Dosen pro Tag unverändert, kommen bis Ende Juli etwa 30 Millionen Impfungen hinzu. Wenn die Hälfte davon der zweite Pieks ist, könnten bis dahin 43 Millionen Menschen durch sein, was rund 52 Prozent der Bevölkerung sind.

Wenn die Entwicklung mit zeitlicher Verzögerung ähnlich verläuft, kann man anhand der britischen Zahlen auch einen Eindruck gewinnen, wie gefährlich eine Delta-Welle im Herbst tatsächlich wäre. Das heißt, wie viele Menschen könnten tatsächlich schwer erkranken oder gar sterben?

Inzidenzen spielen dabei nur noch eine untergeordnete Rolle, solange sie nicht extrem nach oben gehen. Denn dann würde die Zahl der Hospitalisierungen alleine aufgrund der Masse wieder steigen. Wenn in einer Altersgruppe von 1000 Infizierten einer ins Krankenhaus muss, ist eine Inzidenz 200 beispielsweise noch kein Beinbruch. Das heißt, je jünger die betroffenen Menschen sind, desto höhere Fallzahlen kann ein Gesundheitssystem problemlos verkraften.

Schwere Verläufe noch auf sehr niedrigem Niveau

Tatsächlich steigen in Großbritannien auch die schweren Krankheitsverläufe wieder an, aber bisher werden dort immer noch nur sehr wenige Menschen wegen Covid-19 in Krankenhäuser eingewiesen, müssen auf Intensivstationen behandelt werden oder sterben.

Der Tiefststand der Hospitalisierungen wurde im Vereinigten Königreich ungefähr Mitte Mai mit rund 900 Patienten im Sieben-Tage-Durchschnitt und täglich etwa 100 Einweisungen erreicht. Inzwischen liegen durchschnittlich etwa rund 1300 Menschen wegen Covid-19 im Krankenhaus und die Einweisungen sind auf 225 gestiegen. Damit ist Großbritannien von den Höchstständen Anfang Januar mit fast 40.000 Hospitalisierungen und mehr als 4000 Neubelegungen täglich noch meilenweit entfernt.

Ähnlich sieht es bei den Intensivbehandlungen mit künstlicher Beatmung aus. Hier ist der Sieben-Tage-Durchschnitt von etwa 120 Patienten Mitte Mai auf 215 gestiegen. Im Januar waren es noch mehr als 4000.

Die Zahl der Toten ist zwar von einem Sieben-Tage-Schnitt von rund 6 auf 15 Opfer gestiegen. Bei so niedrigen Werten ist die Aussagekraft der Statistik allerdings sehr niedrig. Lange zurückliegende Infektionen können jedoch ausgeschlossen werden. Britische Behörden zählen nur Todesfälle innerhalb von 28 Tagen nach einem positiven Test.

Der bisher nur leichte Anstieg an schweren Erkrankungen könnte trügerisch sein, denn auch im vergangenen Herbst blieb die Kurve lange Zeit sehr flach. Allerdings war da noch niemand geimpft. Bei B.1.1.7 gingen die Zahlen im Dezember in Großbritannien deutlich schneller nach oben. Das passiert jetzt nicht, obwohl B.1.617.2 bis zu 60 Prozent ansteckender ist. Die Impfungen wirken also.

Kein Grund, unvorsichtig zu sein

Beruhigt zurücklehnen darf man sich deshalb aber nicht. Denn die Daten weisen laut PHE darauf hin, dass die Delta-Variante etwas häufiger schwere Krankheitsverläufe auslöst. Daten aus Schottland und England zufolge sei die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu müssen, nach einer Delta-Infektion möglicherweise etwa doppelt so hoch wie nach einer Alpha-Ansteckung.

Außerdem hat die britische Gesundheitsbehörde in ihrem Bericht vom 18. Juni festgestellt, dass vom 1. Februar bis zum 14. Juni 2021 von rund 60.000 registrierten Delta-Fällen rund 4000 Menschen mehr als 14 Tage nach ihrer Zweitimpfung betroffen waren. Und 26 der 73 Delta-Toten dieses Zeitraums waren demnach ebenfalls zweimal geimpft.

Alte Menschen schlechter geschützt

Das Alter dieser Patienten nennt der Bericht nicht, die Vermutung liegt aber nahe, dass es sich um Senioren handelt. Denn eine Studie der Berliner Charité ergab kürzlich, dass der Impfschutz bei sehr alten Menschen weniger stark ausfallen kann. Die Wissenschaftler untersuchten einen Ausbruch in einem Pflegeheim, bei dem sich auch 16 Bewohner ansteckten, die zweimal geimpft waren. Zwar erkrankten sie nicht so schwer, allerdings fand der Ausbruch im Februar statt, als die Delta-Variante in Deutschland noch keine Rolle spielte.

Schließlich muss noch geklärt werden, wie hoch das Risiko jüngerer Menschen ist, nach einer Infektion an Post-Covid (Long-Covid) zu leiden. Die Gefahr unmittelbar schwer an Covid-19 zu erkranken, ist für Kinder und Jugendliche sehr gering. Auch das sogenannte Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) tritt nach einer Ansteckung äußerst selten auf.

Was Post-Covid betrifft, ist die Datenlage bisher zu dünn, um eine klare Aussage zu treffen. Man sehe "Patienten, die doch eine massive Symptomatik haben", sagt Kinderarzt Johannes Hübner, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), "aber nicht sehr viele." Man müsse die Entwicklung jetzt einfach gut beobachten.

Aufpassen und vorbereiten

Mehr zum Thema

Angst sollte man in Deutschland vor der Delta-Variante also nicht haben, aber die Lage sehr gut beobachten, nicht leichtsinnig sein und Vorkehrungen treffen. Die ECDC empfiehlt, die einschränkenden Maßnahmen nicht zu schnell zu weit zurückzufahren, bis genügend Menschen den vollen Impfschutz genießen. Deutschland liegt hier zwar noch deutlich hinter Großbritannien zurück. Die Bundesrepublik hat aber den Vorteil, dass Delta im Sommer angekommen ist. Die Saisonalität alleine wird die Variante bis zum Herbst deutlich zurückhalten, eine Vorab-Studie schätzt den reduzierenden Effekt auf 40 Prozent.

Kinder werden bis zum Herbst größtenteils aber nicht geimpft sein. Im Gegensatz zum vergangenen Sommer muss hier unbedingt die Zeit genutzt werden, um mit Test- und Hygienekonzepten einen Präsenzunterricht zu ermöglichen. Und wie sich herausgestellt hat, ist der beste Schutz der Kinder eine niedrige Inzidenz der Erwachsenen. Das sollten sie in diesem Sommer nicht vergessen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.