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Kleptoparasiten am Werk Möwen stibitzen von Enten

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Hat gut lachen: Die Silbermöwe lässt andere für sich arbeiten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Möwen sind schlechte Taucher. Doch bei der Nahrungsbeschaffung sind sie äußerst einfallsreich. Um an Muscheln zu kommen, folgen sie Tauchenten, lassen diese die begehrten Leckerbissen aus der Tiefe holen und schlagen dann zu.

Möwen am Stettiner Haff stibitzen Enten gern Muscheln direkt vom Schnabel weg. Sie selbst seien schlechte Taucher und könnten die Schalentiere nicht erreichen, schreiben polnische Forscher im Fachmagazin "The Auk: Ornithological Advances". Manche Möwen begnügen sich demnach mit fallengelassenen Resten, andere aber begehen direkten Mundraub - Ein klarer Fall von sogenanntem Kleptoparasitismus.

Die Forscher um Dominik Marchowski von der Universität Stettin hatten von Oktober 2013 bis November 2014 gezielt das Verhalten der Silbermöwen (Larus argentatus) und Sturmmöwen (Larus canus) in dem Brackwassergebiet an der deutsch-polnischen Grenze beobachtet. Zudem analysierten sie Kotproben der Vögel. Analysiert wurde vor allem, wie die Möwen auf die Ankunft am Haff überwinternder Tafelenten (Aythya ferina), Reiherenten (A. fuligula) und Bergenten (A. marila) reagierten.

Dramatische Veränderungen in der Ernährung

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Wo Tafelenten auf Tauchgang gehen, sind räuberische Möwen meist nicht weit.

(Foto: imago/Nature in Stock)

Diese Tauchenten holen Wandermuscheln (Dreissena polymorpha) aus der Tiefe, die dort an Pflanzen und Steinen wachsen. Mehr als 80 Prozent der Entengruppen, bei denen Tiere gerade auf Nahrungssuche waren, wurden von Möwen begleitet, beobachteten die Forscher. Mit zehn Prozent mehr fressenden Enten verdoppelte sich die Zahl der Möwen etwa, errechnete das Team. Ihr Verhalten ließ sich zwei Kategorien zuordnen: Einige der Möwen begnügten sich mit Muschelbrocken, die Enten fallengelassen hatten. Andere hingegen schnappten den Tieren die Beute direkt vorm Schnabel weg.

Auf beide Arten eroberten sich die Möwen eine Futterquelle, an die sie selbst nie herankämen, schreiben die Forscher. Ihre Ernährung verändert sich demnach dramatisch, sobald die Enten in ihrem Winterquartier auftauchen: Die Kotproben zeigten, dass der Anteil der Fischgräten darin von mehr als 90 auf weniger als ein Prozent sank, der von Muschelschalen hingegen von zwei auf 99 Prozent stieg.

Erstaunliche Anpassungsfähigkeit

Das Beispiel der schmarotzenden Möwen verdeutliche, dass diese Vogelgruppe zu den anpassungsfähigsten überhaupt zähle, so das Fazit der Forscher. Die Tiere nutzten nicht nur eine immense Spanne an Nahrungsquellen, sondern reagierten auch rasch auf neue Möglichkeiten. Die Wandermuschel ist eine sehr konkurrenzstarke Art, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgebreitet hat. Fische hingegen sind im Haff in den Wintermonaten schwerer zu finden, weil sie in tieferen Wasserschichten ruhen und weil sich neben den Enten auch Zehntausende fischfressende Vögel an dem Gewässer im Mündungsbereich der Oder einfinden.

Kleptoparasitismus ist bei Möwen ein weit verbreitetes Phänomen – aber auch viele andere Arten sind als diebische Schmarotzer aktiv. Afrikanische Trauerdrongos zum Beispiel erschrecken mit falschen Warnschreien andere Tiere, um an deren Futter zu gelangen. Der Lebensraum der pechschwarzen Vögel (Dicrurus adsimilis) in der Kalahari-Wüste überlappt sich zum Beispiel mit dem von Erdmännchen und einigen Elsterdrosslingen, berichteten Forscher in den "Proceedings B" der britischen Royal Society.

Wenn sie diesen Tieren folgten, sorgten Diebstähle für fast ein Viertel ihrer Nahrungsaufnahme. Zur Beute zählen Insektenlarven, Skorpione oder kleine Reptilien. Die Forscher sahen hinter dieser Art des Betrugs eine ausgefeilte Strategie, denn die Drongos warnen ja tatsächlich auch vor realen Gefahren. Jugendliche Vögel lernten dieses Verhalten von den älteren, heißt es in dem Journal weiter. Zudem könnten die Drongos auch Warnrufe anderer Arten nachmachen und sich diese zunutze machen.

Hierzulande sind unter anderem Seeadler mitunter als Kleptoparasiten unterwegs: Sie jagen anderen fischfressenden Vögeln wie Fischadlern ihre Beute ab. Auch Milane und Fregattvögel stehlen anderen Vogelarten gern ihr Futter. Weit verbreitet ist das Wegnehmen von Nahrung oder Baumaterial zudem bei Insekten.

Quelle: ntv.de, ali/dpa