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Massensterben im Meer "Rote Flut" spült den Tod an Floridas Strände

Tonnenweise tote Fische, Schildkröten und Delfine, dazu bestialischer Gestank: Ein uraltes Naturphänomen verwandelt die Strände im Südwesten Floridas in Todeszonen. Eine Alge erstickt jegliches Leben im Meer. Schuld haben Menschen.

Eine leichte Meeresbrise, weißer Sand und der Blick auf blaues Wasser, springende Delfine: An vielen Stränden Floridas ist das passé. Denn zwischen der Tampa Bay und Naples an der Südwestküste des US-Bundesstaats erinnert kaum noch etwas daran, dass dieser Landstrich einmal zu den beliebtesten Urlaubsregionen der Welt zählte. Die einst malerischen Strände sind nun mit Millionen Fischkadavern übersät, davor wogt eine grün-rötlich schimmernde Brühe. Ein strenger Geruch rundet die Weltuntergangs-Atmosphäre in diesen subtropischen Gefilden ab. Kein Wunder, dass sich dort trotz der Hauptsaison nur wenige Menschen an den Stränden aufhalten.

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Die "Rote Flut" ("Red Tide") schwemmt den Tod an. Bei dem Naturereignis handelt es sich um eine starke Algenblüte. Ausgelöst wird sie durch ein Überangebot an Nährstoffen und warmes Wasser, sagt Werner Ekau n-tv.de. "In der Regel sind das Cyanobakterien, also Blaualgen, oder Dinoflagellaten", erklärt der Meeresbiologe vom Leibniz-Institut für Marine Tropenforschung in Bremen. Zu letztgenannter Algenart zählt die Karenia brevis. Und die gedeiht nahe Florida nicht nur prächtig, sondern vergiftet auch die Fische.

Die Fachwelt zählt Wasserpflanzen wie die Karenia brevis zu den "harmful algal blooms" - zu den gefährlichen Algenblüten. Das Hauptproblem sind laut Ekau die Nährstoffe. "So können die Algen relativ schnell wachsen, große Bestände aufbauen und viel Biomasse produzieren." Wenn es keine Organismen gibt, die diese Masse aufnehmen können, sterben die Pflanzen ab. Dann sinken sie zu Boden und verbrauchen den Sauerstoff. "Dadurch ersticken die Tiere", sagt Ekau.

Uraltes Naturphänomen

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Von dem Massensterben ist auch die sogenannte Unechte Karettschildkröte betroffen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Den Ursprung des Übels wähnt der Meeresbiologe hunderte Kilometer nordwestlich der betroffenen Gebiete: "Der Mississippi ist überdüngt und bringt viele Nährstoffe in den Golf von Mexiko." Ähnliche Prozesse seien auch in europäischen Gewässern zu beobachten - zum Beispiel in weiten Teilen der Ostsee, wo in tieferen Wasserschichten der Sauerstoff fehle.

Ohnehin ist die "Rote Flut" kein neues Phänomen. Einigen Theorien zufolge sollen die rötlich schimmernden Algenblüten einst dem Roten Meer seinen Namen gegeben haben. Die ersten dokumentierten "Red Tides" an der Golfküste Floridas hat es laut der Regierung in den 1840er-Jahren gegeben. Seitdem blühen die gefährlichen Algen regelmäßig, in immer extremeren Ausmaßen. Normalerweise blühen sie nur im späten Sommer und im Herbst. Nun bewuchern sie bereits seit Oktober den Meeresgrund.

Tote Seekühe, Schildkröten und Delfine

Ein Ende des maritimen Massensterbens ist nicht in Sicht. Mittlerweile sind mehr als 240 Kilometer der Küste mit Tierkadavern bedeckt. Für die Region Siesta Key zeigt der Monitor der Meeresforschungsorganisation Mote Marine Laboratory unter der Kategorie "Tote Fische" den Status "heavy" an. Selbst zentnerschwere Tiere wie Meeresschildkröten und Seekühe erliegen der Plage. Auf Sanibel Island spülte die "Rote Flut" gar einen acht Meter langen Walhai an. Die Tiere sind wehrlos. Fische sind die ersten Opfer. Wenn sie nicht wegen Sauerstoffmangel ersticken, sterben sie durch das Gift der Karenia brevis. Das Fatale: Sie nehmen die Giftstoffe nicht nur mit der Nahrung, sondern auch über die Haut auf. "Das geht dann in die Nahrungskette. Vögel, Robben oder andere Fischfresser können dann ebenfalls vergiftet werden", sagt Ekau.

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Auch Menschen bekommen die Folgen der "Roten Flut" zu spüren. Lokale Medien berichten über Hautreizungen, brennende Augen, Magen-Darm-Beschwerden und Atemwegsprobleme nach Strandbesuchen. Ekau rät deshalb dazu, Kontakt mit den Algen und mit dem Wasser unbedingt zu vermeiden. Langfristig sollte auch auf Muschelgerichte verzichtet werden: "Bei Lebensmittelvergiftungen können Sie davon ausgehen, dass die Muscheln vorher Wasser mit toxischen Algen gefiltert haben."

Katastrophenzustand im Urlaubparadies

Zu Beginn der Woche rief der Gouverneur von Florida, Rick Scott, den Notstand für sieben Countys aus. Der Republikaner versprach mehr als 1,5 Millionen US-Dollar für ein Hilfsprogramm und Aufräumarbeiten. Bislang wurden laut "Sarasota Herald Tribune" 66 Tonnen toter Meerestiere entsorgt - die regionale Fischereiwirtschaft steuert auf eine verheerende Bilanz zu. Schätzungen der nationalen Wetter- und Ozeanografie­behörde zufolge verursacht die "Rote Flut" jährlich US-weite Wirtschaftsschäden in Höhe von 82 Millionen Dollar - dieses Jahr werden sie wohl deutlich höher ausfallen.

Bis auf die Aufräumarbeiten können die Bewohner Südwest-Floridas im aktuellen Fall nichts gegen die "Rote Flut" tun. Auf ein Ende der Algen-Pest dürfen sie dennoch hoffen. "Erholen kann sich der Lebensraum auf jeden Fall", sagt Ekau. "Allerdings gibt der Mensch dem Ökosystem in der Regel zu wenig Zeit, um sich von derartigen Phasen zu erholen." Um neue todbringende Fluten zu verhindern, sieht der Meeresforscher die Landwirtschaft und die Politik in der Verantwortung. "Sie müssen die Landwirtschaft dazu bringen, weniger Dünger zu verwenden", sagt er. Solange die fatale Nährstoffzufuhr bestehe, sei es eine Sisyphusarbeit. Die stark dezimierten Arten würden sich nicht gleich wieder regenerieren. Bis sich das alte Ökosystem wieder stabilisiere, brauche es Zeit und Ruhe.

Quelle: n-tv.de

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