Weltweit zu beobachtenVerbreitungsgebiete der Schmetterlinge verschieben sich

Schmetterlinge sind nützliche und beliebte Insekten. Doch viele Arten haben es schwer. Sie kämpfen mit Extremwetter und Erderwärmung und müssen sich deshalb oftmals in anderen Regionen ansiedeln. Forschende können sogar die Verbreitungsgeschwindigkeit eines Edelfalters angeben.
Einige Schmetterlinge leben in der arktischen Tundra Grönlands, andere in felsigen, windigen Hochgebirgslandschaften oder in den Tiefen des Regenwalds: Insgesamt sind etwa 19.000 Schmetterlingsarten auf der Welt bekannt. Für knapp ein Zehntel (1758) davon haben internationale Forschende nun Daten zusammengetragen und analysiert, wie sich ihre Verbreitungsgebiete verändert haben.
Die Metastudie, die im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution" erschienen ist, hält fest, dass rund 80 Prozent der untersuchten Arten ihre Verbreitung ausgedehnt haben und in andere geeignete Gebiete vorgedrungen sind. Gleichzeitig gaben 27 Prozent der Arten ursprüngliche Lebensräume auf, 22 Prozent wichen in höher oder tiefer liegende Gebiete aus.
Hauptgründe: Klimawandel und Extremwetter
Insgesamt identifizierten die Autorinnen und Autoren neun Arten von Bedrohungen, die dazu führten, dass die Schmetterlinge ihre Lebensräume veränderten. In den für die Analyse einbezogenen Studien sei dabei die Kategorie "Klimawandel und Extremwetterereignisse" am häufigsten genannt worden, schreiben sie. Weitere oft genannte Gründe waren die Intensivierung der Landwirtschaft, der Bau von Häusern und Gewerben, Verkehr sowie menschliche Eingriffe.
"Wir haben festgestellt, dass sich die Verbreitungsgebiete von Schmetterlingsarten auf jedem Kontinent, auf dem sie vorkommen, verlagern", sagt Erstautor Shawan Chowdhury von der Monash University in Melbourne, der zuvor am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig (iDiv) und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung arbeitete.
Kombination von Publikationen und lokalen Expertenmeinungen
Die gewaltige Metastudie, die größte ihrer Art, stützt sich dabei nicht nur auf veröffentlichte Studien in Fachjournalen. Ebenso seien Erkenntnisse aus nicht-englischsprachigen Quellen, aus anderer Art von Literatur sowie Expertenwissen eingeflossen, schreiben die Autorinnen und Autoren. "Konkret haben wir ein umfangreiches Kooperationsprojekt ins Leben gerufen, um bestehende Datensätze mit nicht-traditionellen Datenquellen in 15 Sprachen zu verknüpfen, und dabei 68 Expertengutachten eingeholt."
Chowdhury, der selbst ursprünglich aus Bangladesch stammt, nennt als eine der Arten mit einer großen Erweiterung des Verbreitungsgebiets den Edelfalter Acraea terpsicore. Dieser stamme ursprünglich aus Indien, Sri Lanka und Bangladesch und sei in den vergangenen Jahren nach Südostasien geflogen; 2012 habe er auch Australien erreicht. "In Australien breitet er sich mit einer Geschwindigkeit von 135 Kilometern pro Jahr aus."
Karstweißling profiert von Rucola in Gärten
Eine Art, deren Lebensraum sich drastisch reduzierte, ist der Studie zufolge der auch in Deutschland heimische Hochmoor-Perlmuttfalter (Boloria aquilonaris). Er habe durch die Entwässerung von Mooren einen Großteil seines ursprünglichen Habitats verloren. In Rumänien habe die Intensivierung der Landwirtschaft zu einer starken Verkleinerung des Verbreitungsgebiets des Orangeroten Heufalters (Colias myrmidone) geführt.
Auch die Invasion neuer Arten erkläre Verschiebungen, heißt es in der Studie weiter. "So führte beispielsweise die Einführung von Pieris rapae (Kleiner Kohlweißling) zu dramatischen Rückgängen des Verbreitungsgebiets von Pieris oleracea (Mustard White) in den USA." In Deutschland breitet sich laut Chowdhury gerade der Karstweißling (Pieris mannii) massiv aus, der aus dem Mittelmeerraum stammt. Er profitiert unter anderem von Gärten, in denen die Raupenfutterpflanze Rucola wächst.
Mit-Autorin Kerstin Jantke von der Universität Hamburg richtet ein besonderes Augenmerk auf tropische Schmetterlinge, denn diese lebten bereits nahe an ihren maximalen Temperaturgrenzen. "Schon eine geringe weitere Erwärmung des Klimas könnte hier rasch zum Aussterben von Arten führen, zumal die Zerstörung von Lebensräumen in den Tropen weiter schnell voranschreitet", erklärt sie.
Schmetterlinge als Frühwarnsysteme
Schmetterlinge gelten dem Autorenteam zufolge als empfindliche Frühwarnsysteme für die Auswirkungen des Klimawandels. Das liege an den Wechselbeziehungen zwischen Larven und Wirtspflanzen, der hohen Temperaturempfindlichkeit, der relativ hohen Ausbreitungsfähigkeit und den kurzen Lebenszyklen.
"Bei Schmetterlingen ist es nicht groß anders als bei Menschen", sagt Erstautor Chowdhury im Interview. "Wir brauchen beide einen Ort, an dem wir uns wohlfühlen, wir brauchen die Gemeinschaft und wir brauchen die richtige Nahrung." Fänden Schmetterlinge dies an einem Ort nicht mehr vor, zögen sie weiter.
In der Studie wurde nicht erfasst, wie häufig einzelne Arten vorkommen. Es gibt laut Jantke aber Hinweise auf einen globalen Rückgang der Populationen, auch in Deutschland. Deswegen sei es nötig, das Monitoring von Schmetterlingen zu verbessern und die Bedürfnisse von Insekten in Naturschutzgebieten besser zu berücksichtigen.