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Rätselhaftes Coronavirus Was zu Sars-CoV-2 noch nicht erforscht ist

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Sars-CoV-2 gibt der Wissenschaft noch viele Rätsel auf, die gelöst werden müssen.

(Foto: imago images/MiS)

Auch nach anderthalb Jahren Pandemie gibt Sars-CoV-2 viele Rätsel auf, ist über Covid-19 noch vieles gar nicht oder nur teilweise bekannt. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sagen, was noch dringend erforscht werden muss, um endgültig Kontrolle über das neuartige Virus zu erlangen.

Auch wenn die Pandemie gefühlt schon ewig dauert, kämpft die Welt erst seit rund eineinhalb Jahren gegen das Sars-CoV-2-Virus und die durch ihm ausgelöste Krankheit Covid-19. Die Forschung hat in dieser kurzen Zeit schon viel erreicht, steht aber noch in vielen Bereichen vor offenen oder noch unzureichend beantworteten Fragen. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sagen, was unbedingt noch erforscht werden muss, um das Virus und seine Folgen effektiv und effizient bekämpfen zu können.

Viele offene Fragen zu Impfstoffen

Es grenzt fast schon an ein Wunder, wie unfassbar schnell es möglich war Impfstoffe gegen Covid-19 zu entwickeln und herzustellen. Doch rund um die Vakzine gibt es noch viele offene Fragen, die dringend beantwortet werden müssen.

Für die Infektiologin Barbara Rath ist entscheidend, unkompliziert bestimmen zu können, wie gut ein Mensch nach einer überstandenen Infektion oder einer Impfung geschützt ist. "Wir bräuchten einheitliche, kostengünstige, hoffentlich nicht-invasive Tests, die sowohl im Einzelfall in der Praxis, wie auch in weitgefassten Screenings - epidemiologischen Reihenuntersuchungen - beantworten, wer jeweils gegen die aktuellen Sars-CoV-2-Varianten geschützt ist", sagt sie. "Dies wäre auch sehr brauchbar an Flughäfen, in Schulen, Gemeinschaftseinrichtungen, Krankenhäusern et cetera."

Auch Virologe Holger F. Rabenau möchte wissen, "mit welchen labordiagnostischen Markern und welchen zugehörigen Grenzwerten, wir mit hoher Sicherheit einen bestehenden Immunschutz nach Impfung oder Infektion belegen können und für wie lange diese Aussage Gültigkeit hat, oder ob es sich nur um eine Momentaussage handelt", sagt er. "Dabei geht es vor allem um den Schutz vor einer Reinfektion, beispielsweise mit einer Variante. Die bislang vorhandenen Marker lassen eine solche Aussage nur bedingt zu beziehungsweise - auf individueller Ebene - nur für einen recht begrenzten Zeitraum zu."

Infektiologin Marylin Addo sieht dies ebenso und möchte außerdem wissen, "wie lange dauert Immunität nach Impfung oder Genesung an, wann müssen Auffrischungsimpfungen in welchen Bevölkerungsgruppen stattfinden, und welche Strategie verfolgen wir hier in den nächsten Monaten und Jahren?"

Im Zusammenhang mit den Auffrischungen muss nach Ansicht des Virologen Hartmut Hengel noch dringend geklärt werden, ob die sogenannte "Antigen-Erbsünde" zu einem Problem werden kann. Das heißt, es könnte passieren, dass bei der Infektion mit einer neuen Virusvariante nur die Immunantwort auf die bereits bekannte Variante ausgelöst wird.

Roman Wölfel ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Er möchte wissen, welche Rolle T-Zellen, die infizierte Zellen angreifen, im Vergleich zur Infektionsabwehr von Antikörpern spielen. "Untersuchungen zu zellulärer Immunität sind deutlich aufwändiger, daher wurde dazu bisher weniger geforscht", sagt er. "Dabei ist die Antwort essenziell für die Beantwortung der Frage: Wie gut sind wir langfristig geschützt?"

Welche Gefahr geht von Mutanten aus?

Impfwirkung und -dauer hängen stark mit der Entstehung und Verbreitung von Virus-Mutanten ab. Hier herrscht noch große Unsicherheit, die viele Wissenschaftler als großes Problem betrachten. Im Idealfall könne man "die Auswirkungen der Pandemie mithilfe von Impfstoffen auf das Ausmaß einer saisonalen Influenza drücken", sagt der Epidemiologe Bernd Salzberger.

"Wann erreicht das Virus einen stabilen Status ohne weitere Mutationen, die einen Selektionsvorteil bringen?", ist für Intensivmediziner Christian Karagiannidis die entscheidende Frage. "Wenn dieser Zustand erreicht wäre, würde die Pandemie durch Impfung und durchgemachte Infektionen zum Ende kommen."

"Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Sars-CoV-2-Variante entwickelt, die den Schutz vor einem schweren Verlauf trotz Immunisierung/Impfung deutlich reduziert?", fragt Physikerin Viola Priesemann. "Wenn sich der Schutz gegen einen schweren Verlauf von aktuell etwa 96 Prozent auf zum Beispiel 80 Prozent reduzieren würde, könnte der Druck auf das Gesundheitssystem wieder stark anwachsen."

Virologin Ulrike Protzer stellt sich ebenfalls die Frage, "wie stark sich das Sars-CoV-2-Virus zukünftig noch verändern wird. Sie möchte wissen, "ob man diese Veränderungen vorhersagen und die Impfstoffe dann dementsprechend anpassen kann."

Dabei geht es für die Expertin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch einerseits um den Schutz Geimpfter vor (schwerer) Erkrankung, aber auch um die indirekten Schutzwirkung. Also, wie gut die Vakzine verhindern, dass eine Person andere Menschen ansteckt, wenn sie sich trotz Impfung infiziert.

Es besteht aber auch die Gefahr, dass Impfstoffe komplett wirkungslos werden. "Coronaviren können untereinander ganze Gene austauschen, auch das Sars-CoV-2-Spike hat ja einen anderen Stammbaum als der Rest des Genoms", erklärt Virologe Friedemann Weber. "Es ist durchaus denkbar, dass der Selektionsdruck durch die Impfungen dazu führt, dass eine Sars-CoV-2-Variante mit einem gänzlich neuen Spike entsteht."

Neue Medikamente gesucht

Während bei den Impfstoffen ein gewaltiger Fortschritt gemacht wurde, sind die Therapiemöglichkeiten bei Covid-19 noch sehr beschränkt.

Für Infektiologin Maria Vehreschild wird daher dringend ein Medikament wie zum Beispiel eine Tablette benötigt, "das unkompliziert verabreichbar ist und die Hospitalisierung von Patientinnen und Patienten verhindert, die im ambulanten Bereich neu erkrankt sind. Zweitens wird ein Medikament benötigt, das bei Patienten, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung bereits hospitalisiert sind, die Notwendigkeit einer Beatmung verhindert."

Infektiologe Peter Kremsner stimmt ihr da voll und ganz zu. "Wir brauchen auch eine spezifische Therapie gegen Covid-19. Die fehlt bisher gänzlich", sagt er.

Die Entwicklung von gut wirksamen antiviralen Medikamenten gegen Sars-CoV-2 ist für mich ein vordringliches Problem", sagt auch Infektiologe Gerd Fätkenheuer. Die aktuellen Erfahrungen zeigten, dass das Auftreten immer wieder neuer Virusvarianten und der nicht vollständige beziehungsweise der mit der Zeit nachlassende Impfschutz den therapeutischen Einsatz von Virus-hemmenden Medikamenten notwendig machten.

Warum sind die Verläufe so extrem unterschiedlich

Während Covid-19 für manche Menschen tödlich ist, spüren andere oft gar nicht, dass sie sich angesteckt haben oder haben ähnlich milde Symptome wie bei einer Erkältung. Die Wissenschaft kennt wichtige Faktoren, die das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs erhöhen, wie hohes Alter, Diabetes oder starkes Übergewicht. Ansonsten tappt sie aber noch weitgehend im Dunkeln.

"Neben viralen Faktoren und vorbestehenden gesundheitlichen Problemen scheint die Reaktion des Wirts eine wichtige Determinante – wenn nicht die wichtigste – für die Schwere der Erkrankung zu sein", sagt Gastroenterologe Jacob Nattermann.

"Diese Frage ist entscheidend für das Design optimaler Strategien, sowohl für Impfung als auch für nicht-pharmazeutische Maßnahmen (NPI)", sagt Andreas Schuppert Experte für Computerbasierte Biomedizin. "Die bisher bekannten Risikogruppen wurden prioritär geimpft, allerdings sind wir immer noch weit von einer Herdenimmunität entfernt. Eine Öffnung der NPI kann also zu einer hohen Infektionswelle führen, diese wird jedoch zu deutlich weniger schweren Verläufen als bisher bei gleicher Inzidenz führen", erklärt Schuppert.

"Die alten Grenzwerte für NPI sind also nicht mehr sinnvoll. Daher ist eine genaue Charakterisierung der Risikogruppen und Risikoverhaltensweisen essenziell für ein effektives Management des weiteren Infektionsverlaufs, hierfür fehlen jedoch die notwendigen detaillierten Daten und darauf aufbauende Analysen und Prognosemodelle."

"Nach wie vor die wichtigste Frage für mich ist, warum die Erkrankung bei Kindern so komplett anders verläuft als bei Erwachsenen", sagt Kinderarzt Johannes Hübner. "Es gibt ja verschiedene Hypothesen wie die ACE2-Rezeptor-Dichte, kreuzreagierende Antikörper gegen andere Coronaviren oder ein stärkeres angeborenes Immunsystem. Aber letztlich gibt es keine Klarheit. Diese Antwort auf diese Frage könnte uns vielleicht auch bei der Entwicklung von Therapeutika oder auch bei der Risikoeinschätzung helfen, welche Patienten schwere Verläufe haben und bei welchen Menschen die Krankheit leicht oder asymptomatisch abläuft."

Welche Rolle spielt Long-Covid bei Kindern?

Nachdem immer mehr Menschen durch Impfungen vor schweren Erkrankungen geschützt sind, drängt sich die Frage in den Vordergrund, wie oft und warum es auch bei leichten oder symptomlosen Verläufen zu schwerwiegenden Langzeitfolgen, dem sogenannten Long- oder Post-Covid, kommt. Eine Sonderrolle kommt dabei Kindern zu, die zwar sehr selten schwer krank, aber auch nicht geimpft werden.

"Die Abwägung zwischen dem Ausmaß von Long-Covid in Kindern, dem Ausmaß der Kollateralschäden von Schulschließungen und Nebenwirkungen von Sars-CoV-2-Impfungen in Kindern wird unseren Herbst bestimmen und ist enorm wichtig für unsere Kinder", sagt Infektiologin Claudia Denkinger.

"Dazu gibt es bereits zahlreiche Studien, mit zum Teil recht diskrepanten Ergebnissen", erklärt Virologe Holger Rabenau. "Diese Diskrepanzen sind vermutlich bedingt durch unzureichende Definitionen und/oder Festlegung der Symptome, der Zeiträume nach Covid-19, der Vergleichsgruppe und andere Faktoren. Besser vergleichbare Daten - unter Einbeziehung von geeigneten Kontrollkollektiven - würden wesentliche Argumente in der Diskussion zum Thema 'Impfung von Kindern' beitragen.

Wirksamkeit einschränkender Maßnahmen

Lockdowns mögen wirksam sein, effizient sind sie auf keinen Fall, da sie viele Kollateralschäden verursachen und häufig Menschen, kulturelle Einrichtungen oder Wirtschaftszweige treffen, die nur wenig zum Infektionsgeschehen beitragen. Herauszufinden, welche Maßnahmen tatsächlich wirken, wie man gezielter vorgehen kann und wie man in der Krise besser kommuniziert und berät, hat für etliche Wissenschaftler Priorität. "In allen diesen Bereichen gibt es leider viel zu wenig Evidenz", sagt Epidemiologin Eva Rehfuess.

"Die Covid-19-Pandemie verstärkt gesellschaftliche und gesundheitliche Ungleichheiten", erklärt Epidemiologe Oliver Razum. "Zudem wirkt sie als Vergrößerungsglas, das diese Ungleichheiten sichtbar macht. Von höchstem Interesse ist für mich, wie wir zu wirksamen sozialpolitischen und gesundheitsbezogenen Interventionen gelangen können, um Ungleichheiten nicht mehr nur wahrzunehmen, sondern zu verringern."

Epidemiologe Gérard Krause meint, man müsse auch bei den negativen Folgen der Maßnahmen die Krankheitslast bestimmen, unter anderem von Schulschließungen, Mobilitätseinschränkungen oder Stillegungen bestimmter Dienstleistungen. Ihn interessiert auch, welche Auswirkungen Covid-19-Erkrankungen oder -Maßnahmen auf die Produktion eines Landes haben.

Wachsende Grippegefahr?

Krause möchte auch wissen, in welchem Ausmaß die Einschränkungen die Krankheitslast anderer Erkrankungen wie Meningokokken, RSV oder Influenza reduziert hat.

"Die Grippewelle ist im letzten Winter fast vollständig ausgefallen", erklärt Infektiologe Julian Schulze zur Wiesch. "Dies gilt auch für andere infektiöse Erkrankungen. Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, weil wir zum Beispiel langfristig Masken tragen und strikte Hygieneregeln einhalten, ist eine wichtige wissenschaftliche Frage. Es könnte sein, dass unsere individuelle Immunität und die generelle Herdenimmunität so weit abnehmen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt stärkere Infektionswellen bestimmter grippaler Erreger oder Durchfallerreger sehen werden."

Ursprung von Sars-CoV-2

Schließlich interessiert Wissenschaftler brennend, was der Ursprung des Virus ist und wie es zum Menschen gekommen ist.

Infektionsepidemologe Ralf Krumkamp möchte geklärt haben, ob es sich möglicherweise um einen "Laborunfall" handelt oder Sars-CoV-2 doch auf einem chinesischen Markt von Tieren auf Menschen übergesprungen ist (Zoonose).

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"Die zunehmende Politisierung dieses Themas schadet aktuell der Wissenschaft und lenkt ab von der dringend nötigen Vorbereitung auf zukünftige Epidemien", beklagt Virologin Isabella Eckerle. "Selbst wenn wir den genauen Übergang von Sars-CoV-2 noch nicht kennen, so wissen wir doch eigentlich schon längst, wie Zoonosen begünstigt werden: Durch Zerstörung und Ausbeutung von Ökosystemen und zunehmendem Kontakt von Wildtieren mit Nutztieren und dem Menschen. Es braucht dringend internationale Bestrebungen, um das Risiko für zukünftige Zoonosen zu minimieren."

Quelle: ntv.de

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