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Die Türme am Frankfurter Tor sollten an die Domkuppeln am Berliner Gendarmenmarkt erinnern. Die Allee wurde als überdurchschnittlich breiter Grünstreifen mit einer relativ schmalen Autostraße angelegt.
Die Türme am Frankfurter Tor sollten an die Domkuppeln am Berliner Gendarmenmarkt erinnern. Die Allee wurde als überdurchschnittlich breiter Grünstreifen mit einer relativ schmalen Autostraße angelegt.(Foto: Aus Central Berlin, DDR Limited, © Skjerven)

Central Berlin zeigt Nachkriegsmoderne: Sozialistische Wohnträume in Ost-Berlin

Von Andrea Beu

Die 90 Meter breite Stalinallee war eins der monumentalsten Bauprojekte der DDR und die "erste sozialistische Straße auf deutschem Boden". Der Bildband "Central Berlin" schwärmt, sie sei "das Größte, was die DDR bauhistorisch hervorgebracht hat".

Kalter Krieg und Nachkriegsmoderne: Selten ist diese Phase baulich so sichtbar wie in der Karl-Marx-Allee in Berlin. Der Prachtboulevard Stalinallee (im November 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt) in der Hauptstadt der 1949 gegründeten DDR wurde etwa zur gleichen Zeit gebaut wie das Hansaviertel in Westberlin. Sie wurden zu Gegenentwürfen der verfeindeten Blöcke. Beide Großvorhaben entstanden in stark zerstörten Stadtteilen und symbolisierten den Neubeginn nach dem Krieg, waren aber gänzlich anders gestaltet und aufgebaut. Wo das Hansaviertel durch moderne Einzelbauten verschiedener namhafter Architekten wie Walter Gropius und Oscar Niemeyer geprägt ist, in lockerer Bebauung und mit viel Grün dazwischen, stehen an der Karl-Marx-Allee prächtige Wohnblöcke im Stil des "Sozialistischen Klassizismus", auch gescholten als "Zuckerbäckerstil".

Das Municipal Building in New York (Mitte): stilistisch nicht so weit entfernt.
Das Municipal Building in New York (Mitte): stilistisch nicht so weit entfernt.

Denn abgesehen von den bereits 1949 errichteten zwei Laubenganghäusern, die architektonisch noch der Bauhaustradition folgten, war danach die sowjetische Monumentalarchitektur Vorbild. Kurz nach Baubeginn verstärkte die DDR-Führung 1950 ihre Orientierung nach Moskau, auch beim Baustil - die Idee der Laubenganghäuser galt nun als westlich-dekadent, formalistisch und elitär, sie wurden später gar hinter Bäumen "versteckt". Die späteren Gebäude der zweiten Bauphase waren eine Mischung aus preußischem Klassizismus und eben dem sowjetischen "Sozialistischen Klassizismus" der Stalin-Zeit, dem erwähnten "Zuckerbäckerstil". Aber auch der Baustil US-amerikanischer Hochhäuser wie dem Municipal Building in New York (errichtet 1907-14) ist nicht allzu weit entfernt.

"Erste sozialistische Straße auf deutschem Boden"

Der 90 Meter breite Boulevard mit zum Teil 13-stöckigen Häusern war eines der monumentalsten Bauprojekte der DDR und die "erste sozialistische Straße auf deutschem Boden". Es entstanden palastartige Gebäude mit vielen Verzierungen an den Fassaden, mit Säulen, Säulenhallen und Turmaufbauten. Der Bildband "DDR limited, Über das Leben am Strausberger Platz, Karl-Marx-Allee in Ostberlin" zeigt einerseits diese Ausnahme-Architektur, mit Schwerpunkt auf den Bauten am Strausberger Platz, und andererseits einige der Häuser und Wohnungen von innen samt Einrichtung, Lampen und Möbeln.

Autokorso Olympischer Athleten auf der Stalinallee (Max Ittenbach, 1960)
Autokorso Olympischer Athleten auf der Stalinallee (Max Ittenbach, 1960)(Foto: Max Ittenbach)

Hierbei ist jedoch nicht zu sehen, wie die Bewohner sich damals in der Entstehungszeit des Prachtboulevards einrichteten - vielmehr wird gezeigt, "wie dankbar sich stilbewusste Zeitgenossen verschiedenster Couleur in den zeitlos-ergonomischen Raumschnitten eingerichtet haben und wie perfekt jene Wohneinheiten auch moderne Einrichtungsideen integrieren". Am aktuellen Beispiel einiger Wohnungen am Strausberger Platz wird ersichtlich, mit wie viel Luxus und Liebe zum Detail dort in den 1950ern gebaut wurde. Man sieht Kassettentüren, edles Fischgrätparkett und Bauhaus-Türklinken, dekorative Heizungsverkleidungen und sozialistische Wandgemälde im Hausflur. Die Wendeltreppen, Wandelgänge und Bodenintarsien mit Sowjetstern blieben jedoch den ganz besonderen Bauten wie den Turmhäusern am Frankfurter Tor vorbehalten, die an die Türme des Deutschen und Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt angelehnt sind.

Ausstattung der "Arbeiterpaläste" weit über Durchschnitt

Aber auch die Ausstattung und der Komfort der anderen Wohnungen lag weit über dem Durchschnitt jener Zeit: Einbauküche, Fernheizung, gefliestes Bad, Gegensprechanlage, Telefonanschluss, Warmwasserversorgung, Fahrstuhl und Müllschlucker auf den Etagen - die "Arbeiterpaläste" sollten zeigen, dass jetzt die Werktätigen im "Arbeiter- und Bauernstaat" DDR die herrschende Klasse bilden und auch dementsprechend leben. Zudem sollte so die Leistungsfähigkeit des sozialistischen Gesellschaftssystems eindrucksvoll, für alle Welt sichtbar, demonstriert werden.

Schreibtisch aus den Deutschen Werkstätten Hellerau in Sachsen, entworfen als "Typ 602" von Franz Ehrlich, neben dem "Lady"-Sessel von Artflex, Italien.
Schreibtisch aus den Deutschen Werkstätten Hellerau in Sachsen, entworfen als "Typ 602" von Franz Ehrlich, neben dem "Lady"-Sessel von Artflex, Italien.(Foto: Aus Central Berlin, DDR Limited, © Skjerven)

Die Aufnahmen aus den Wohnungen, bewohnt von den "stilbewussten Zeitgenossen" mit Geschmack und Geld, werden ergänzt durch Möbeldesign-Beispiele von heute und aus der Mitte des 20. Jahrhunderts - und zwar aus Ost und West. Dabei wird deutlich, welch zeitlose Klassiker und welche wegweisenden Designs in der Zeit auch in der DDR entstanden sind und wie sie mit den westlichen Entwürfen mithalten können. (Nur produziert wurden sie aufgrund der Mangelwirtschaft in der DDR bei Weitem nicht entsprechend des Bedarfs.)

Viel Liebe zum Detail

Die Abbildungen der Innenräume und Wohnungseinrichtungen alleine erweckten das Gefühl, in einem Designkatalog zu blättern, zudem die Bildbeschreibungen auch dementsprechend im gestelzten Designersprech formuliert sind, wie "Komponiertes Farbenspiel verbindet Oberflächen mit Möbeln. Der Auböck-Couchtisch und die Stühle referieren die Wärme des Parketts, ihre Gestelle nehmen das Anthrazit der Vorhänge und des Loungers von Borsani auf." Für Geschichtsinteressierte noch spannender sind sicher die Kapitel mit den historischen Fotos und Gemälden, vorwiegend aus den 1950er- und 1960-Jahren. Sie nehmen den Betrachter mit in eine Zeit der wenigen Autos und leeren Straßen, der Männer in Anzügen und Frauen in Petticoats, in eine Zeit, in der es noch eine Deutsche Lufthansa der DDR gab (1955-63).

Eins der beiden Turmhäuser am Frankfurter Tor ist seit einigen Jahren bewohnt.
Eins der beiden Turmhäuser am Frankfurter Tor ist seit einigen Jahren bewohnt.(Foto: Aus Central Berlin, DDR Limited, © Skjerven)

Man erkennt deutlich die Liebe zum Detail an den Häuserfassaden, Arkaden und Säulengängen, die Verkleidung mit handgefertigten Relief-Fliesen aus Meißen oder Travertin, die venezianischen Kolonnaden, die Wandmosaike. Die Prachtallee für die werktätigen Massen wurde angelegt mit gigantisch breiten Gehwegen, die zum Schlendern einladen, mit breiten Grünstreifen in der Mitte, mit Kinos, vielen Cafes, Restaurants, Geschäften und Pavillons. Alles sehr großzügig bis hin zu den Hauseingängen.

Die meisten Wohnungen allerdings sind insgesamt nicht besonders groß und haben auch eher kleine Räume: Von den 2115 gebauten Wohnungen der Allee waren 57 Prozent Zwei-Zimmer-Wohnungen mit durchschnittlich 67 Quadratmetern und 29 Prozent Drei-Zimmer-Wohnungen mit durchschnittlich 75 Quadratmetern. Sie wurden bezogen von normalen Arbeitern (von den ersten rund 1150 Wohnungen wurden etwa 60 Prozent durch Arbeiterfamilien belegt), aber auch von Wissenschaftlern, Politikern, Schauspielern und anderen bekannten und verdienten Persönlichkeiten. (Der Architekt Hermann Henselmann etwa, auch an der Planung der Stalinallee beteiligt, wohnte in einem der von ihm entworfenen Turmhochhäuser am Strausberger Platz.)

"Wegweisende Architektur"

"DDR limited" ist im Verlag Gestalten erschienen.
"DDR limited" ist im Verlag Gestalten erschienen.(Foto: Aus Central Berlin, DDR Limited, © Skjerven)

Eingang in die Geschichtsbücher fand die Stalinallee als Auslöser für den Aufstand am 17. Juni 1953: Von hier aus ging der Protest der Bauarbeiter gegen die sozialistische Regierung durch die Stadt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde der 2,3 Kilometer lange Straßenzug der ehemaligen Stalinallee unter Denkmalschutz gestellt. Er ist damit das längste Baudenkmal Europas. Die Gebäude wurden bis 1999 weitgehend saniert.

Dennoch erfuhr die Karl-Marx-Allee in den 1990er-Jahren und auch danach einen ziemlichen Niedergang. Viele Geschäfte der ehemaligen Vorzeige-Flaniermeile standen leer - was auch an den nach der Sanierung steigenden Mieten lag. Aber in den letzten Jahren, in denen Berlin eine zunehmende Beliebtheit bei Touristen und einen immer stärkeren Zuzug aus anderen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland erfuhr, ging es auch langsam wieder bergauf mit der Allee.

Wegweisende Architektur

Der Leerstand ist zurückgegangen, schicke Läden, Galerien, Restaurants und Bars machen auf, die sanierten ehemaligen Arbeiterpaläste gelten wieder als schicke und begehrte Wohnadresse. Warum, kann man in dem vorliegenden Bildband sehr gut nachvollziehen. Er schwärmt, dass "die heutige Karl-Marx-Allee mit dem Strausberger Platz in seiner Kompaktheit das Größte ist, was die DDR bauhistorisch hervorgebracht hat" und "wie wegweisend jene Architektur noch heute ist".

"Central Berlin - DDR limited, Über das Leben am Strausberger Platz, Karl-Marx-Allee in Ostberlin" ist im Gestalten Verlag erschienen, in Zusammenarbeit mit der Skjerven Group - bei Amazon bestellen

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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