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Renault 4 Plein Air wurde ab 1968 gebaut und war ein echtes Strandauto.
Renault 4 Plein Air wurde ab 1968 gebaut und war ein echtes Strandauto.
Montag, 28. Mai 2018

Flower Power à la francaise: 50 Jahre Méhari und 4 Plein Air

Während 1968 in Paris Studenten zur Revolution aufriefen, präsentierten Citroen und Renault mit den Modellen Méhari und R4 Plein Air fröhliche Spaß- und Strandmobile. Die popfarbenen Fahrzeuge wurden Kult, nicht nur bei Hippies und Surfern.

Mai 1968. In Paris brannten Barrikaden und umgestürzte Autos, es sah aus wie im Bürgerkrieg. Kein adäquater Premierenort für ein vollkommen neues Freizeitfahrzeug wie den Citroen Méhari, der in poppigen und psychedelisch inspirierten Farben vorfuhr, genau passend für die friedliche Flower-Power-Bewegung.

Während 1968 in Paris Studenten zur Revolution aufriefen, präsentierten Citroen den Méhari.
Während 1968 in Paris Studenten zur Revolution aufriefen, präsentierten Citroen den Méhari.

Ob allerdings der feine Golfplatz im mondänen Seebad Deauville geeignet war, dieses minimalistische Strandauto mit provisorisch wirkenden Planen und Vorhängeketten statt Türen und Stoffverdeck vorzustellen? Die anwesenden Pressevertreter waren jedenfalls sprachlos ob des kühnen Karosseriekleids in neuartigem Kunststoff, das Citroen für diese offenherzige Modellvariante von Dyane und 2 CV gewählt hatte. Die Frontscheibe des 3,53 Meter kurzen Freizeitautos konnte wie bei klassischen Jagdwagen auf die Motorhaube abgeklappt werden.

Skurriler Auftakt zum Erfolg

So hatten die Premierengäste freie Sicht auf die Passagiere des Zweizylinder-Modells: Nicht die erwarteten Golfer, sondern Hippies, hippe Models in roter Plastik-Couture und Feuerwehrleute saßen in dem Citroen "Dyane 6 Méhari". Es war der skurrile Auftakt zu einer 20-jährigen Erfolgsgeschichte dieses 145.000 mal verkauften Kunststofflitzers. Dagegen genügten dem zeitgleich vorgestellten fröhlichen Frischluftfahrzeug Renault 4 Plein Air gerade einmal 563 Käufer, um Kult zu werden. Zu großer Auflage und einem ernsthaften Méhari-Rivalen avancierte dann der 1970 lancierte Renault 4 Rodeo.

Der Citroen Mehari wurde auch als Einsatzfahrzeug genutzt.
Der Citroen Mehari wurde auch als Einsatzfahrzeug genutzt.

Der schnatternde Zweizylinder-Boxer im Citroen 2 CV und der frugale Vierzylinder im Renault 4 lieferten vor 50 Jahren den automobilen Soundtrack zur studentischen Revolte. Waren es doch vorzugsweise diese PS-Verweigerer, die Demonstranten zu Sit-ins und Barrikadenkampf beförderten - und gleichzeitig Professoren auf die Uni-Parkplätze. Diese linksintellektuelle Rolle fiel den automobilen Ikonen in Deutschland sogar noch stärker zu als in Frankreich, wo das Duo zu den Volksautos wie hierzulande der Käfer zählte.

Keine Betriebserlaubnis in Deutschland

Allerdings brachte es der Méhari, der in Modularität und minimalistischer Technik die Philosophie des 2 CV verfolgte, zur Enttäuschung der Gauloises rauchenden Jugend und aller Surfer nicht zu einer allgemeinen Betriebserlaubnis in Deutschland. Grund dafür war seine nicht feuerfeste Karosserie aus ABS-Kunststoff (Acrylnitril-Butadien-Styrol), die hierzulande nur mühevoll per Einzelzulassung akkreditiert werden konnte.

In Afrika fuhr der Méhari als Safari-Fahrzeug.
In Afrika fuhr der Méhari als Safari-Fahrzeug.

Auch die vom französischen Karosseriespezialisten Sinpar in Handarbeit und dadurch limitierter Stückzahl realisierte, offene Renault-4-Mutation Plein Air kam nur in wenigen Exemplaren nach Allemagne. Zum Glück für alle neureichen Selbstdarsteller in Lamborghini und Ferrari – wie sich zeigte als die ersten spektakulär luftigen Plein Air auf der Insel Sylt auftauchten und dort sofort alle anderen Strand- und Sonnenautos in den Schatten stellten.

Renault 4 Plein Air – verführerischer Hingucker

Von der gesellschaftlichen Norm abweichen und das zunehmend größere Bedürfnis nach Freiheit bedienen durfte der Renault 4 Plein Air erstmals als Shuttle-Fahrzeug auf der Weltausstellung 1967 in Montreal, Kanada. Zwischen den gigantischen Straßenkreuzern war der 3,56 Meter kleine Luftikus ohne festes Dach, Fenster und Türen ein verführerischer Hingucker. Ein scheinbar perfektes Beachtoy für Badegänge und Bistrobesuche oder den Surfboardtransport.

Auch der Renault 4 Plein Air fand schnell seine Fans.
Auch der Renault 4 Plein Air fand schnell seine Fans.

Weshalb Renault sein gerade einmal 26 PS leistendes vierrädriges Sonnensegel – das Verdeck bestand aus simplem, flatterfreudigen Tuch – ab 1969 auch nach Nordamerika exportierte. Im Gegensatz zu den dort populären Buggies vertraute der Plein Air wie alle Renault 4 auf Vorderradantrieb für die Bewältigung feinsandiger Strände und schwieriger Waldwegen. Das gilt sogar für den nachfolgenden Renault 4 Rodeo, der speziell als Jagdwagen große Popularität genoss.

Anders der Citroen Méhari, der seinen Namen einer nordafrikanischen Bezeichnung für Dromedare verdankt. Der Méhari vertraute auf vier angetriebene Räder - zumindest seit er sich ab 1979 auf den Einsatz bei der Rallye Paris-Dakar vorbereitete und neue Aufgaben bei Armee und Polizei bewältigen musste. Vorher genügte dem 525 Kilogramm leichten Plastikgefährt der aus dem 2 CV adaptierte Vorderradantrieb. Damit absolvierte der 28 PS entwickelnde und maximal 97 km/h erreichende Méhari bereits die Rallye Paris-Kabul-Paris, ganz nach dem Motto "In der Ruhe liegt die Kraft".

Méhari wird zum Fallschirmjäger

Später nutzten die französischen Fallschirmjäger den Méhari bei ihren Einsätzen.
Später nutzten die französischen Fallschirmjäger den Méhari bei ihren Einsätzen.

Diese Gelassenheit zahlte sich gewiss aus, als der Méhari später bei den französischen Fallschirmjägern diente. Verpackt als handliches Paket schwebte das Kunststoffauto in robuster Wellblechoptik aus großen Höhen zu Boden. Diese Belastbarkeit wussten auch französische Bauern zu schätzen, denn wie schon der 2 CV war der Méhari explizit für den Transport landwirtschaftlicher Produkte vorgesehen. Mit vier Antriebsrädern, Differentialsperre an den Hinterrädern und sieben Vorwärtsgängen durften es gerne auch einmal Steigungen von über 60 Prozent sein, die das "Dromedar" bei der Fahrt zum Bergbauernhof absolvierte.

Belastbar und flott wie die afrikanischen Namenspaten des Citroen Méhari sollte auch der Plein Air sein. Deshalb nutzte Renault die Gunst der Stunde und setzte seinen Imageträger als Prominentenshuttle zur Eröffnung neuer Safariparks ein, die damals in Mode kamen. Filmstars wie Eddie Constantine im R4 vor Dromedaren – ein Stich gegen Citroen. Die Marke im Zeichen des Doppelwinkels konterte souverän, denn der Méhari wurde gleich in mehreren Kino-Erfolgen automobiler Hauptdarsteller. Ob mit Louis de Funés und seinen Abenteuern als Gendarm von Saint Tropez oder mit Charlton Heston im "Omega Man", der kleine knallbunte Plastikbomber – entwickelt hatte den Kunststoff das Weltkrieg-II-Fliegerass Roland de La Poype – wusste sich in Szene zu setzen. Dies sogar bei der Reinigung des Fahrgast- und Laderaums, der mit Wasserabläufen versehen war. So genügte nach Offroadtouren oder Tier- und Strohballentransporten der Einsatz eines Wasserschlauchs.

Zweite Heimat Argentinien

Während Renault den Plein Air nach wenigen Jahren durch den Rodeo ersetzte und dieser sich vom Rodeo 4 über den Rodeo 6 zum Rodeo 5 entwickelte, begnügte sich Citroen bei seiner Kunststoff-Ikone mit kleinen Pflegemaßnahmen. So gab es mit Einführung des Zweizylinders aus dem Citroen Visa eine Leistungsspritze auf 34 PS. Hinzu kamen im Sommer 1983 zwei Sonderserien, der weiß-blau glänzenden Méhari Azur für die französischen, italienischen und portugiesischen Surf-Fans sowie der Méhari Plage als spanisches Strandauto.

Ebenfalls 1983 fand der Méhari in Argentinien eine zweite Heimat. Dort starteten Fertigung und Vertrieb des IES Safari, einer Méhari-Adaption, die auf Karosserieteile aus kostengünstigem Fiberglas statt ABS-Kunststoff vertraute. Nach Deutschland kam der Citroen für Sonne, Strand und mehr offiziell erst in Form seines Nachfolgers, der Ende 2016 als E-Mehari mit Elektromotor und Lithium-Polymer-Akkus startete. Immerhin bewahrte sich der E-Mehari den Esprit des Originals, denn Scheu vor Salzwasser und Sand hat auch er nicht.

Quelle: n-tv.de