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ADAC in der Vertrauenskrise Der "Gelbe Engel" ist erst der Anfang

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(Foto: dpa)

Ein, zwei Nullen an die Auswertung der Wahl zum "Gelben Engel" gehängt, damit es nach etwas mehr aussieht - na und? Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Skandälchen um den ADAC-Autopreis mehr. Denn die Peinlichkeit stellt den wohl größten Lobbyisten Deutschlands bloß.

Wenn man es so betrachtet, war Michael Ramstetter der einflussreichste Journalist des Landes: 19 Millionen Deutsche lasen, was er schrieb - oder könnten es zumindest gelesen haben. Denn so viele Mitglieder der ADAC hat, so viele Menschen bekommen die kostenlose Mitgliederzeitschrift "ADAC Motorwelt". Und deren Chefredakteur war bisher Michael Ramstetter, seit diesem Wochenende ist er nicht mehr Kommunikationschef eines der einflussreichsten Verbände Deutschlands.

Denn Ramstetter hat "Scheiße gebaut", wie er es selbst nennt, und hat seinen Job hingeschmissen. In mindestens einem Fall, wahrscheinlich aber in dreien, womöglich gar bei noch mehr Gelegenheiten hat der Manager bei der Auszählung der Stimmen für den "Gelben Engel" etwas nachgeholfen. Statt 34.299 Leser seiner Verbandspostille hatten lediglich 3409 den VW Golf VII zum beliebtesten Auto erklärt. Auch auf den nachfolgenden Plätzen finden sich Fahrzeuge, die nicht so großen Anklang fanden, wie Ramstetter suggerierte.

Die offizielle Version lautet: An der Reihenfolge änderte sich nichts. Ramstetter wollte angeblich lediglich die Gesamtteilnehmerzahl an der Abstimmung etwas aufblasen, um ihr mehr Gewicht zu verleihen. Etwas peinlich wirkt das, aber ist das denn so schlimm? Das Problem ist: Der ADAC hat ein immenses politisches Gewicht. Kann man dem Verband noch trauen oder kommt da noch mehr?

"Billigflieger aus Rumänien"

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält genau das für möglich. "Der ADAC muss endlich Transparenz über alles schaffen, was er macht - auch bei anderen Tests, bei der Pannenstatistik, bei Tests, bei denen Qualitätsurteile für Produkte verteilt werden", sagt der Professor n-tv. Wenn beim "Gelben Engel" schon gemogelt worden ist, könne man das für andere Bereiche nicht ausschließen. Zumal der ADAC erst jetzt häppchenweise mit der Wahrheit rausrückt. Dass Ramstetter schon seit Jahren die Zahlen schönte, gab der ADAC erst nach tagelanger Berichterstattung bekannt.

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Ist der ADAC noch glaubwürdig?

Dass noch weitere Geständnisse folgen, ist zumindest nicht auszuschließen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" etwa berichtet von einem Test aus dem Jahr 2005. Den Dacia Logan erklärte der ADAC damals zum "Billigflieger aus Rumänien", weil das Auto sich im Test überschlagen hatte. Später musste der ADAC kleinlaut zugeben, dass die Tester zuvor die Reifen zerstört, ein Ersatzrad aufgezogen und das Auto derart getriezt hatten, dass es die Bodenhaftung verlor.

Damit steckt der ADAC in einer schweren Vertrauenskrise. Selbst die "Bild"-Zeitung, sonst treu an der Seite des deutschen Autofahrers und deren Interessenvertretung, schimpft gegen den Verband und dessen Fehltritte. Vom "Gelben Bengel" ist etwa zu lesen, auch andere Blätter reihen sich in die Negativberichterstattung ein. Und genau das wird nun zum Problem für den ADAC. Und wirft Fragen auf, die der in München ansässige Verein gerne vermieden hätte.

Dobrindt freut sich über Patzer

Zum Beispiel diese: Mit welchem Recht geriert sich der ADAC als Stimme des deutschen Autofahrers gegenüber der Politik? Wegen der 19 Millionen Mitglieder, so die gängige Antwort, die aber nicht überzeugt. Denn gerade wegen der großen Masse scheint fraglich, ob eine eindeutige Meinung unter den Mitgliedern herrscht. Zumal die wenigsten Mitglieder in dem Verein sind, weil sie eine politische Vertretung ihrer Interessen wünschen. Vielmehr haben sie es auf den gut funktionierenden und praktischen Pannenservice abgesehen.

Manchem in der Politik kommt die Krise des ADAC gerade recht. So freut sich etwa Verkehrsminister Alexander Dobrindt, der seit Amtsantritt Rüffel für die Mautpläne seines Hauses ertragen muss. Der CSU-Mann nutzt die Gelegenheit für eine Retourkutsche: Die Vorgänge zeigten, dass "großen Verbänden manchmal etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten gut täte". Ob dem ADAC nach dieser Krise noch in Berlin überall die Türen offenstehen, ist fraglich. Der Verband könnte an Einfluss verlieren.

Wirtschaft wird auf Abstand gehen

Eine gewisse Schadenfreude ist auch bei der Konkurrenz zu spüren. Der Auto Club Europa - kurz ACE - erklärt süffisant, dass Preisverleihungen wie der "Gelbe Engel" überflüssig seien. Wer wissen wolle, welches Auto das beliebteste ist, solle den naheliegende Weg gehen und beim Kraftfahrtbundesamt die Zulassungszahlen abfragen - völlig fälschungssicher und präzise. "Demgegenüber ist alles andere offenbar nur Blendwerk und aufgeblasene Selbstinszenierung", so der ACE in einer Mitteilung. Wozu sich Repräsentanten namhafter Autohersteller "diese peinliche Farce" noch weiter antun wollten, bedürfe einer Erklärung.

Tatsächlich scheint dies nicht ganz unberechtigt zu sein. Jahrelang befruchteten Industrie und Verband einander: Mit Preisverleihungen verlieh der ADAC den Unternehmen ein wenig Glanz und bot die Gelegenheit, über den Verband kaschiert Interessen in die Politik zu tragen. Denn dass die Mehrheit der 19 Millionen ADAC-Mitglieder etwas gegen die Maut oder strengere Tempolimits auf Autobahnen hat, ist nicht erwiesen. Dass die Automobilindustrie sie ablehnen, ist dagegen bekannt. Zumindest dieses Problem könnte sich von alleine lösen: Die Großen der Branche werden sich in der nächsten Zeit vom ADAC etwas fernhalten.

Quelle: n-tv.de

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