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Abgesehen vom fehlenden Auspuff ist von außen ist kein Unterschied zur normalen B-Klasse festzustellen.
Abgesehen vom fehlenden Auspuff ist von außen ist kein Unterschied zur normalen B-Klasse festzustellen.
Samstag, 19. Dezember 2009

Mercedes F-Cell B-Klasse: Durchbruch für Brennstoffzelle?

Isabell Noé

Die Brennstoffzelle war als Hoffnungsträger gestartet, auf den großen Durchbruch wartet man bis heute allerdings vergeblich. Während sich die Konkurrenz aus München gerade wieder vom Wasserstoff verabschiedet hat, geht Daimler in die Vollen: Die F-Cell B-Klasse könnte ab 2015 in Serie gehen. Zuvor müssen aber noch ein paar Probleme ausgeräumt werden.

Wie die Zukunft des Automobils sah NECAR1 nicht gerade aus: Ein zweisitziger Transporter, dessen gesamter Laderaum von der 800 Kilo schweren Technik eingenommen wurde. Mit 90 km/h Höchstgeschwindigkeit kam man gerade einmal 100 Kilometer weit. Dennoch ruhten auf dem Fahrzeug große Hoffnungen: Erstmals war es den Daimler-Ingenieuren gelungen, ein abgasfreies Auto zu konstruieren – das erste Brennstoffzellenfahrzeug.

Leistungsanzeige statt Drehzahlmesser: Beim Bremsen bewegt sich die Nadel in den Bereich unter Null, die Batterie wird geladen.
Leistungsanzeige statt Drehzahlmesser: Beim Bremsen bewegt sich die Nadel in den Bereich unter Null, die Batterie wird geladen.

In der Zwischenzeit sind 15 Jahre vergangen. Dem Wasserstoffantrieb wurde mehrfach der Durchbruch vorausgesagt, genauso oft wurde er wieder abgeschrieben. Zu aufwändig sei er und vor allem zu teuer, meinen die Skeptiker. Gerade erst sorgte BMW mit der Entscheidung für Schlagzeilen, die - auf Verbrennungsmotoren basierende - Wasserstoffflotte einzustellen. Pionier Mercedes hält indes weiter am Wasserstoff fest. Jetzt wird das erste unter Serienbedingungen gefertigte Brennstoffzellenfahrzeug an 200 Kunden in Europa und den USA ausgeliefert: Die B-Klasse F-Cell.

Technik steckt im Sandwichboden

Bilderserie

Vom NECAR1 ist die F-Cell B-Klasse so weit weg wie ein Mountainbike von der Draisine. Wäre da nicht der fehlende Auspuff, könnte man den Wasserstoff-Benz für eine ganz normale B-Klasse halten. Die Antriebskomponenten finden alle im Bauch des Fahrzeugs Platz. Da zahlt es sich aus, dass die Ingenieure schon beim Bau der A-Klasse einen Sandwichboden eingeplant haben, um später Platz für mögliche neue Antriebe zu haben. Unter den Sitzen befinden sich nun drei Tanks für jeweils 3,7 Kilo Wasserstoff, komprimiert auf 700 bar. Mulmig muss es den Insassen deswegen nicht werden: "Bei einem Crashs halten die Sicherheitsventile dicht", beruhigt Bernd Löper, der Leiter des Brennstoffzellen-Projekts. Zudem bietet die Lage zwischen Achsen und den Längsträgern Stabilität und Schutz.

Vor den Tanks und dem Brennstoffzellenstack liegt die Lithium-Ionen-Batterie. Die F-Cell B-Klasse ist auch ein Elektrofahrzeug: Beim Start und auf kurzen Strecken nutzt das Fahrzeug Batteriestrom, der durch die Umwandlung von Bewegungsenergie, etwa beim Bremsen, gewonnen wird. Dank der Kombination von Batterie und Brennstoffzelle verfügt das Fahrzeug über eine respektable Reichweite von 400 Kilometern – zumindest, wenn der Fahrer die Technik optimal ausnutzt. "Elektrisches Fahren lernt man schnell", sagt Löper. Und das Spar-Training macht sogar Spaß. Am Display in der Mittelkonsole lässt sich der Energiefluss ablesen, man sieht, wann die Batterie und Brennstoffzelle arbeiten und wann Energie zurückgespeist wird. Drückt man das Gas ganz durch, laufen beide Systeme auf Hochtouren. Dann beschleunigt die B-Klasse bis auf 170 km/h.

Schneller starter

Doch auch ohne Boost-Funktion zieht das 136 PS-Fahrzeug gut: 290 Newtonmeter  Drehmoment stehen zur Verfügung, und zwar sofort. Unmittelbar nach der Zündung ist die F-Cell B-Klasse fahrbereit – anders als der A-Klassen Vorgänger, der erst 30 Sekunden zum Hochfahren brauchte. Auch ein anderes Problem ist in der neuen F-Cell-Generation gelöst worden: Früher fror das Wasser im Brennstoffzellenstack bei frostigen Temperaturen  ein, jetzt soll der Kaltstart auch bei 25 Grad unter Null möglich sein. Wer am Steuer der F-Cell B-Klasse sitzt, freut sich, dass abgasfreies Fahren ohne Abstriche beim Komfort möglich ist. Und dennoch wird es noch Jahre dauern, bis Wasserstofffahrzeuge zum normalen Straßenbild gehören werden.

Kosten senken mit System

Ob es überhaupt so weit kommt, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die Kosten drastisch zu senken. Die Abnehmer der F-Cell-Kleinserie werden die Fahrzeuge leasen – der reale Preis würde in die Hunderttausende gehen. Auf lange Sicht setzt Mercedes auf den Mengeneffekt: "Wenn die Werkzeuge und Prozesse in der Großproduktion entsprechend abgestimmt sind, kommen wir mit den Kosten auf einen akzeptablen Mehrpreis für den Antrieb", prognostiziert Löper. Für eine Industrialisierung des Elektroantriebs hat Mercedes schon früh die Grundsteine gelegt und alle wesentlichen Komponenten als Systembaukasten geplant. So werden beispielsweise die Stacks und Wasserstofftanks der B-Klasse auch im Brennstoffzellenbus verbaut. Die teuren Lithium-Ionen Batterien sollen künftig im Zuge eines Joint-Ventures mit Evonik selbst produziert werden.

Das Henne-Ei-Problem

Batterie, Brennstoffzellenstacks und drei Wasserstofftanks liegen aufprallgeschützt im Sandwichboden.
Batterie, Brennstoffzellenstacks und drei Wasserstofftanks liegen aufprallgeschützt im Sandwichboden.

Gelingt es, auf diese Weise die Kosten zu drücken, müssen Kunden rund 8000 Euro mehr für den Brennstoffzellenantrieb kalkulieren. Das dürfte sich nur rechnen, wenn der Staat Elektroantriebe großzügig fördert und wenn auch der Wasserstoff deutlich billiger wird. Im Moment fährt man mit der Brennstoffzelle nämlich kaum günstiger als mit einem Diesel. Und der hat den Vorteil, dass man ihn fast überall auf der Welt betanken kann.

Die Zahl der Wasserstofftankstellen ist dagegen überschaubar: Gerade mal sieben sind in Deutschland derzeit offen zugänglich. "Es ist das alte Henne-Ei-Problem“, sagt Löper. „Ohne Fahrzeuge keine Tankstellen, ohne Tankstellen keine Fahrzeuge." Damit das nicht so bleibt, hat sich Daimler im September mit dem Industriegasekonzern Linde und anderen Partnern auf den Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur verständigt. Zunächst sollen jeweils fünf bis zehn Tankstellen in den Ballungsräumen entstehen. In einem zweiten Schritt werden dann auch die Verbindungsstraßen ausgestattet. Im Jahr 2015 soll das Netz dann für die serienmäßige Einführung von Wasserstofffahrzeugen bereit sein. Ob es klappt, bleibt abzuwarten. An den Fahrzeugen dürfte das Vorhaben aber nicht scheitern. Die sind jetzt schon alltagstauglich.

Quelle: n-tv.de